Serie „Die weite Welt und wir“

Olympionikin Reinhild Möller aus Neuenstein lebt seit 26 Jahren in den USA

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Fulminantes Comeback: Nach den Paralympics in Nagano hatte Reinhild Möller 1998 ihren Rücktritt vom Leistungssport erklärt. Acht Jahre später, mit 50 Jahren trat sie in Turin noch einmal an und gewann Silber in der Abfahrt.    

Mühlbach/Lake Tahoe. Reinhild Möller ist in zwei Welten zuhause: Die Sportlerin Reinhild Möller aus Neuenstein lebt seit 26 Jahren in den USA. 

Seit 1992 wohnt die 62-Jährige mit ihrem Mann Reed Robingson in den USA, am Lake Tahoe im Staat Nevada. Doch wenn sie zurück nach Deutschland kommt, mindestens einmal im Jahr, manchmal auch zwei- oder dreimal, dann fühlt sie sich hier sofort wieder daheim. Sie freut sich, Familie und Freunde zu sehen und ist ständig zu Besuchen unterwegs.

„Ich habe zwei Freundeskreise“ erzählt Reinhild Möller. Und ein bisschen überschneiden die sich, weil vor allem deutsche Freunde bei Besuchen in den USA ihre dortigen Bekannten kennengelernt haben.

„Ich fühle mich voll als Deutsche und bin stolz, Deutsche zu sein“, sagt Reinhild Möller, die aus dem Neuensteiner Ortsteil Mühlbach stammt und eine der erfolgreichsten Behindertensportlerinnen der Welt ist. Dennoch bemüht sie sich zurzeit um die amerikanische Staatsbürgerschaft. „Ich möchte in dem Land, in dem ich lebe, auch wählen können“, erklärt sie. „Schließlich verbringe ich schon mehr als ein Drittel meiner Lebenszeit in den USA.“

Ihre deutsche Staatsbürgerschaft will Reinhild Möller allerdings nicht verlieren. Und das ist nicht so einfach, denn in Deutschland ist die doppelte Staatsbürgerschaft nur für Menschen vorgesehen, die neu ins Land kommen, nicht für solche, die hier geboren sind und nun im Ausland leben. „Ich fühle mich von meinem Heimatland verlassen. Das ist wirklich schäbig“, sagt Möller. Unter großen Schwierigkeiten ist es ihr nun gelungen, eine Urkunde zu erhalten, die ihr die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglichen soll.

Die Veränderungen in ihrer neuen Heimat seit Donald Trump Präsident ist, nimmt sie als sehr unangenehm wahr, nicht nur die politischen Entwicklungen, sondern das ganze gesellschaftliche Klima. „Das Verhalten mancher Menschen ist unfreundlicher, rowdyhafter“, hat sie beobachtet. „Sie haben wohl das Gefühl, sich mehr erlauben zu können.“ In ihrem persönlichen Umfeld habe sich jedoch nichts geändert. Sie habe eine gute Freundin, auf die sie sich total verlassen könne, die jedoch Trump-Fan sei, erzählt Reinhild Möller. Da werde einfach nicht über Politik gesprochen.

Reinhild Möller bei Skifahren Ende Mai am Lake Tahoe in Nevada, USA. Dort lebt sie auf 2500 Metern Höhe und genießt die großartige Natur. 

Neben den Menschen ist es vor allem die Natur, die der begeisterten Sportlerin ans Herz gewachsen ist. Sie liebt das große, weite, leere Hinterland, die Berge und das fast immer schöne Wetter. „Wir haben über 300 Tage im Jahr blauen Himmel und Sonnenschein, es ist aber nie drückend heiß“, schwärmt sie von ihrem Wohnort in 2500 Metern Höhe. In der Weite der Natur könne man ganz für sich sein, sich als Mensch in einem übergeordneten System erleben und frei sein.

Trotzdem: „In Deutschland fühle ich mich freier“, sagt Reinhild Möller. In den USA gebe es mehr Kontrollen und mehr Willkür. Möller eckt immer wieder einmal an, wenn sie Menschen auf umweltschädliches Verhalten hinweist. „Der Gedanke, dass die Natur geschützt werden sollte, ist vielen fremd“, hat sie festgestellt.

Mit ihrer Familie und ihren Freunden in Deutschland hält Reinhild Möller engen Kontakt, telefoniert mehrmals in der Woche mit ihrer Mutter und tauscht sich regelmäßig über WhatsApp aus. Mit einigen Freundinnen schwatzt sie sie auch Platt – „Da kann uns keiner abhören“, lacht sie. Weihnachten wird immer gemeinsam gefeiert, entweder kommt die Mutter in die USA oder Reinhild Möller und ihr Mann fliegen nach Deutschland. Dank der vielen Besuche und des regen Austauschs gibt es wenig, was Möller in den USA vermisst.

Fulminantes Comeback: Nach den Paralympics in Nagano hatte Reinhild Möller 1998 ihren Rücktritt vom Leistungssport erklärt. Acht Jahre später, mit 50 Jahren trat sie in Turin noch einmal an und gewann Silber in der Abfahrt.

Erfolgreiche Behindertensportlerin

Reinhild Möller aus Mühlbach ist eine der erfolgreichsten Behindertensportlerinnen der Welt. Bei einem landwirtschaftlichen Unfall verlors sie im Alter von drei Jahren den linken Unterschenkel. Davon ließ sich das sportliche Mädchen aber nicht bremsen. Sie spielte und tobte mit den anderen Kindern und wurde wegen ihrer Begeisterung fürs Klettern als „Baumkatze“ bezeichnet, erzählt sie. „Dank einer guten Prothese hatte ich fast völlige Bewegungsfreiheit“. Sport war in der Schule eines ihrer Lieblingsfächer. „Ohne den Sport wäre mein Leben ganz anderes gelaufen“, sagt Reinhild Möller. 

Von der Mutter geerbt Die Sportlichkeit, davon ist sie überzeugt, hat sie von ihrer Mutter geerbt. Und sie ist dankbar, dass ihr immer alle Möglichkeiten angeboten wurden. In den Leistungssport sei sie einfach so reingerutscht, erzählt sie. Und weil es ihr so viel Spaß machte, habe sie dafür auch nichts anderes aufgeben müssen. Möller ist sich aber bewusst, dass sich im Leistungssport viel verändert hat: „Damals konnte man sich noch eher leisten, auch mal keine Lust zu haben. 

Das ist mit heute überhaupt nicht zu vergleichen.“ Neben dem Sport war Reinhild Möllers Eltern eine gute Ausbildung für die behinderte Tochter wichtig. Und weil der Weg zur nächsten Schule von Mühlbach aus weit war, besuchte sie ein Internat, für das sie ein Stipendium bekam. Bei iher Liebe zum Sport war es naheliegend, Sport zu studieren. Die vielseitige Ausbildung unter Nichtbehindertenbedingungen habe ihr sehr viel gebracht, auch für ihre Wettkämpfe, erzählt Möller, die von 1980 bis 2006 zur Weltspitze im Behindertensport zählte. 

Sie startete bei zwei Sommer-Paralympics in der Leichtathletik und bei sechs Winter-Paralympics als Skirennläuferin und sammelte insgesamt 19 Goldmedaillen. Weltweit bekannt wurde sie nicht nur durch ihre sportlichen Erfolge, sondern auch, weil sie als erste Behindertensportlerin einen Sponsorenvertrag über eine Million DM erhielt. „Das war schon ein Sprungbrett“, sagt Reinhild Möller, auch wenn die Firma Salzberger Landhausbau Insolvenz anmeldete, lange bevor die Summe ausgeschöpft war. „Sport war mein Beruf“, sagt Reinhild Möller. Sie hat Preisgelder gewonnen und als Beraterin für die Prothesenfirma Ottobock gearbeitet. Über den Sport hat sie auch ihren Mann kennengelernt. Reed Robinson ist ebenfalls Behindertensportler. (zac)

In unserer Serie „Die weite Welt und wir“ erzählen Menschen aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg, die im Ausland leben, ihre Geschichten. Wenn auch Sie, liebe Leser, jemanden kennen, der ausgewandert ist oder seit längerer Zeit in einem anderem Land lebt, dann freuen wir uns über einen Kontakt.

Quelle: HNA

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