Motorsport-Event

Rallye bei Solz: Anwohner protestiert – nun plant der Veranstalter neu

Hatte Bedenken beim Rennen: Landwirt Stefan Millhoff. Im Hintergrund ist die Scheune von Gut Boxerode zu sehen. In der Kurve hätten sich bereits Pizzaboten verschätzt, die der Bauer dann per Traktor „bergen“ musste.
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Hatte Bedenken beim Rennen: Landwirt Stefan Millhoff. Im Hintergrund ist die Scheune von Gut Boxerode zu sehen. In der Kurve hätten sich bereits Pizzaboten verschätzt, die der Bauer dann per Traktor „bergen“ musste.

Die Rallye Hessisches Bergland, sonst in Schwalm-Eder zu Hause, soll erstmals auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg stattfinden. Ein Solzer Landwirt protestiert gegen die Streckenführung – mit Erfolg.

Solz – Die Kurven sind scharf, die Straße ist schmal: Die Strecke zwischen Cornberg und Solz ist ein Traum für Rallyefahrer – und die Vorstellung, dass ihm in seinem Traktor ein Rennbolide entgegengeschossen kommt, ein Albtraum für Landwirt Stefan Millhoff vom Gut Boxerode. Der 50-Jährige hat gegen die Etappe protestiert, die dort am 13. November stattfinden sollte. Jetzt planen die Veranstalter vom Rallye Team Hessisches Bergland um.

Für Rallyefahrer ein Traum: die Landstraße zwischen Cornberg und Solz, die „fahrerisches Können und starke Nerven“ fordere, sagt Jürgen Freund.

Die Kritik

Es geht nicht um gefälliges Schaufahren, sondern um eine Rallye mit Hochgeschwindigkeit auf Bestzeit. „Was, wenn ein Auto aus der Kurve fliegt und bei mir auf dem Acker landet?“, schildert der Landwirt seine Bedenken, die er auch an das Regierungspräsidium Kassel als Genehmigungsbehörde geschickt hatte. Auf Betriebsstoffe, die in die Ackererde sickerten, könne er gut verzichten. Rund um seinen Hof gehören ihm 80 Hektar Land sowie 30 Hektar Wald, Richtung Solz sind es weitere 100 Hektar. Wäre es auf der ursprünglich geplanten Strecke zum Unfall gekommen, hätte es den Biobauern mit großer Wahrscheinlichkeit getroffen.

Zudem hatte Millhoff auf der Strecke mehrere Kurven ausgemacht, bei denen selbst große landwirtschaftliche Fahrzeuge erst spät zu sehen sind. Zwar wird für die Rallye abgesperrt – von Mitte Oktober bis Mitte November werde aber Weizen ausgesät, der Landwirt wollte daher den Einsatz von „formatfüllenden Schleppern“ am Wettkampftag nicht ausschließen. Diese hätten auf dem Weg auf die Felder über die Straße gemusst, sagt der gebürtige Westfale, dessen Familie den Hof in Solz seit den 70er-Jahren betreut. Auch wegen der Zuschauer („Wo parken die? Quer auf den Feldern?“) und Spaziergänger, die aus dem Wald kommend auf der Runde über den Schillingsgrundwald oder Rasselweg über die Straße wollen, hatte der Landwirt Bedenken angemeldet – die auch ein Telefonat mit Rallye-Team-Vorsitzenden Jürgen Freund aus Mecklar nicht auflösen konnte.

Die Konfrontation

Bei dem Gespräch dürften Welten aufeinandergeprallt sein. Der Landwirt versteht nicht, warum eine „aus der Zeit gefallene“ Veranstaltung dort stattfinden sollte, wo sich Biobetriebe wie das Gut Boxerode tummeln. Der 50-Jährige nennt das „geschmacklos“. Veranstalter Jürgen Freund dagegen ist seit Jahrzehnten Rallye-Fan und war viele Jahre selbst als Beifahrer im Cockpit. Die Corona-Zwangspause im vergangenen Jahr fiel ihm schwer.

Das Siegerteam der Rallye vor zwei Jahren im Schwalm-Eder-Kreis. Die Fahrzeuge sind nach strengen Vorgaben aufgerüstete Rennmaschinen.

Die Planänderung

Seit 2018 veranstaltet Freunds Team, das aus einem Melsunger Motorsportclub hervorgegangen ist, den Endlauf des Rallye-Cups des Deutschen Motorsportbundes – bisher nur im Schwalm-Ederkreis. „Wir sind sowas wie die Zweite Bundesliga“, sagt der 74-Jährige. Mehr Rallye biete nur noch die Deutsche Meisterschaft. Um den Fahrern eine Abwechslung zu bieten, soll dieses Jahr auch in Hersfeld-Rotenburg gefahren werden – von Erkshausen über den Schwarzen Stock nach Rockensüß und bis vor Kurzem noch auf der Strecke von Cornberg nach Dens über das Gut Boxerode. Rund ein Dreivierteljahr plane das Team eine Rallye, Jürgen Freund erwartet 120 Teilnehmer. Nun muss er neu organisieren.

Denn obwohl das Regierungspräsidium Kassel ohne Bürgerbeteiligung entscheidet (siehe Hintergrund), haben die Veranstalter die Strecke Cornberg-Dens verworfen und wollen nun vom Ortsausgang Solz bis Iba fahren lassen – an der Hohen Buche vorbei, die Betreiber seien bereits informiert. „Es macht keinen Sinn, die Rallye im Unfrieden mit den Anwohnern zu veranstalten“, sagt Freund. Auch deshalb würden die Betroffenen stets weit im Vorfeld informiert.

„Wir bereiten die Veranstaltung akribisch vor – und wir haben jede Menge Erfahrung“, sagt der 74-Jährige zu den Bedenken vom Gut Boxerode. Für Fahrer und Fahrzeuge gebe es strenge Regeln. “Ohne eine Versicherung wird niemand zugelassen“, betont der Veranstalter. Die Wahrscheinlichkeit, dass die modernen Rennwagen Betriebsstoffe verlieren, liege fast bei Null. Auch die Feuerwehr sei vor Ort, um notfalls eingreifen zu können. Im Oktober würden die Bebraer Einsatzkräfte und der Rotenburger Rote-Kreuz-Kreisverband vom Verein für das Retten von verunfallten Rallyefahrern geschult.

Jürgen Freund, Vorsitzender Rallye Team

„An und auf der Strecke wollen wir maximale Sicherheit“, sagt Jürgen Freund. An jeder Zuwegung sollen zwei mit Funk ausgestattete Streckenposten platziert werden, die mit einem Hauptfunkposten und der Streckenleitung in Kontakt stehen. Zuschauer sind nur in einem festgelegten Bereich bei der Etappe über den Schwarzen Stock zugelassen, erwartet werden 100 Rennsport-Begeisterte. Schikanen in den Kurven sollen die Fahrer zudem zwingen, es bei den Geschwindigkeiten nicht zu übertreiben.

Mitte Oktober soll feststehen, ob die Rallye stattfinden darf. Landwirt Stefan Millhoff hat bereits vor dem Start einen „Etappensieg“ eingefahren. Für Jürgen Freund ist die neue Streckenführung der Weg des geringsten Widerstandes: „Warum soll ich Energie verballern, wenn ich doch vor die Wand laufe?“ (Clemens Herwig)

So wird gefahren

Die Rallye Hessisches Bergland ist in zwei Veranstaltungen aufgeteilt und soll am 12. und 13. November stattfinden. Bei der „Rallye 70“ geht es auf abgesperrten Strecken um die Bestzeit. Die Spitzengruppe des in mehrere Klassen unterteilten Starterfeldes erreicht dabei auf den Beschleunigungsabschnitten bis zu 200 Stundenkilometer, schätzt Veranstalter Jürgen Freund. Insgesamt sind 70 Kilometer zu bewältigen, aufgeteilt auf drei Kurse im Schwalm-Eder-Kreis und zwei Strecken in Hersfeld-Rotenburg. Bei der sogenannten „Retro-Rallye“ mit älteren Fahrzeugen geht es dagegen um „Gleichmäßigkeit“: Die Fahrer müssen eine vorgegebene Zeit möglichst genau einhalten. Gestartet wird jeweils im Minutentakt.

Das sagt das Regierungspräsidium

Die Rallye ist eine „übermäßige Straßennutzung“ und muss deshalb genehmigt werden, zuständig für die Strecken in Hersfeld-Rotenburg ist das Regierungspräsidium (RP) Kassel. Das Verfahren sei umfangreich, im Wesentlichen müssten die Veranstalter Versicherungen nachweisen, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung. Zudem müssten besonders Verkehrsbehörden, Polizei und Straßenbaulastträger zustimmen. Auch die Kommunen werden gehört – Bebra und Nentershausen erheben keine Einwände, Cornberg verweist auf eine großflächige Bewegungsjagd am Rallye-Wochenende. Eine Bürgerbeteiligung sei für die Genehmigung nicht erforderlich, so das RP. Derzeit werde die Strecke von Solz nach Iba geprüft. Das Verfahren soll voraussichtlich Mitte Oktober abgeschlossen sein. Rallyes seien im Einzugsgebiet des RP eher ungewöhnlich: Regelmäßig werde allerdings die Bad-Emstal-Rallye genehmigt.

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