Wert seit Tagen kaum noch nachvollziehbar

Rätsel um die RKI-Inzidenz für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Er hat die Zahlen im Blick: Jörg Göbel vom Fachdienst Gefahrenabwehr im Landratsamt arbeitet das tägliche Infektionsgeschehen für den Verwaltungsstab in Form von Grafiken und einer Übersicht auf.
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Er hat die Zahlen im Blick: Jörg Göbel vom Fachdienst Gefahrenabwehr im Landratsamt arbeitet das tägliche Infektionsgeschehen für den Verwaltungsstab in Form von Grafiken und einer Übersicht auf.

Immer wieder gibt es Verunsicherung, weil die Corona-Zahlen des Gesundheitsamtes im Kreis Hersfeld-Rotenburg und die des Robert-Koch-Instituts massiv voneinander abweichen.

Hersfeld-Rotenburg – Lange war es recht einfach, die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Hersfeld-Rotenburg nachzuvollziehen. Das Gesundheitsamt veröffentlichte jeden Tag nicht nur die Zahl der Corona-Neuinfektionen, sondern errechnete in Verbindung mit den Werten der vorigen Tage und der Einwohnerzahl des Landkreises stets die aktuelle Inzidenz. Einleuchtender und transparenter geht es nicht.

Das hat sich aber in den vergangenen Wochen geändert.

Die Ausgangssituation

Mit der Einführung der Bundes-Notbremse am 24. April ging auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg ein Paradigmenwechsel bei der Inzidenz einher. Seitdem ist nicht mehr die Sieben-Tage-Inzidenz des Gesundheitsamtes, sondern nur noch der Wert des Robert-Koch-Instituts (RKI) maßgeblich. Das änderte sich auch nicht, als die Notbremse dank sinkender Infektionszahlen durch die Regeln des Landes Hessen abgelöst wurde, die aktuell auch im Landkreis gelten. Das Gesundheitsamt veröffentlicht zwar immer noch täglich die neuen Fallzahlen. Eine Inzidenz weist das Amt aber nicht mehr aus – weil dieser Wert nichts mehr gilt.

Das Problem

Wer, wie unsere Redaktion, die Corona-Statistiken Tag für Tag beobachtet und nach wie vor beide Entwicklungen analysiert, dem fällt auf: Die Inzidenzen des RKI und die Fallzahlen des Gesundheitsamtes, aus denen sich die Formel für die Sieben-Tage-Inzidenz ergibt, unterscheiden sich in jüngster Zeit doch teils erheblich. Die Berechnung der Inzidenz erfordert übrigens keine höhere Mathematik: Man nehme die Zahl der Neuinfektionen einer Woche, teile sie durch die Einwohnerzahl des Landkreises und multipliziere alles mit 100 000. Fakt ist, dass sich seit Wochen beide Kurven stark unterscheiden, teils sogar in unterschiedliche Richtungen entwickeln (siehe Grafik) – obwohl sich das RKI für die Berechnung der Inzidenz logischerweise auf nur eine einzige Quelle beruft: das Gesundheitsamt Bad Hersfeld.

Diese Grafik zeigt die Unterschiede in den Inzidenzkurven zwischen den Werten des Gesundheitsamtes des Kreises Hersfeld-Rotenburg (blau) und des RKI (rot).

Das Beispiel

Besonders fällt der 9. Juni auf. Das Gesundheitsamt meldete damals 26 Neuinfektionen, was insgesamt zu einer Inzidenz von 50,8 geführt hätte. Das RKI vermeldete allerdings am selben Tag einen Wert von 12,4 und am Folgetag, als eigentlich spätestens alle 26 Fälle in Berlin eingetrudelt sein sollten, eine Inzidenz von 24,9. In der Folge kletterte die RKI-Inzidenz kurz auf 28,2. fiel dann wieder unter die 25er-Marke. Auf Nachfrage unserer Zeitung, wie sich das RKI dieses offensichtliche Rätsel erklärt, antwortete Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI, nur: „Abweichungen konkreter Landkreise können wir nicht bewerten.“

Die Erklärungsversuche

Dass das RKI nicht exakt das Infektionsgeschehen so abbildet, wie das Gesundheitsamt, liegt, wie mehrfach an dieser Stelle berichtet, auch am Meldeweg. Laut Kreissprecher Pelle Faust übermittelt das Gesundheitsamt die Coronafälle, sobald sie vorliegen, über die Software Sormas mit Anbindung an Survnet, der RKI-Meldesoftware, an die zentrale hessische Meldestelle, das Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPUG). Das Amt mit Sitz in Dillenburg sammelt die Daten aus allen hessischen Gesundheitsämtern, wie die Corona-Pressestelle des Sozialministeriums mitteilt – wohlgemerkt mit Stand 0 Uhr, hängt also logischerweise ein paar Stunden zurück. „Das HLPUG meldet täglich am Abend die Daten an das RKI, die ihm die 24 Gesundheitsämter bis dahin gemeldet haben“, so die Auskunft aus dem Sozialministerium. „Durch den Meldeverzug können sich die Angaben noch ändern, vor allem für den Vortag, daher sind die Inzidenzen beim RKI meist etwas niedriger als beim Gesundheitsamt, das die Fälle ja als erste hat“, sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher.

Abweichungen zwischen den Inzidenzen der Landkreise und den Daten des RKI ließen sich womöglich auch dadurch erklären, dass in Einzelfällen das Gesundheitsamt bereits Fälle ans HLPUG übermittelt hat, diese aber noch nicht weiter an das RKI übermittelt worden seien. „Durch den Übermittlungsverzug kann es zu einer Unterschätzung der Sieben-Tage-Inzidenz kommen, insbesondere bei dynamischen Entwicklungen, da noch nicht alle Daten vollständig vorliegen“, so Glasmacher. Eine anschließende Qualitätskontrolle könne außerdem dazu führen, dass Datensätze ergänzt oder korrigiert werden müssten. „Es kann zum Beispiel sein, dass dadurch Fälle und Todesfälle wieder aus der Berichterstattung fallen und so auch negative Differenzen zum Vortag entstehen. Die Korrektur der Daten erfolgt immer auf Ebene des Gesundheitsamtes“, teilt die RKI-Sprecherin mit.

Das Fazit

Entscheidungsrelevant, etwa wenn es um eine Verschärfung der Corona-Regeln geht, ist die Sieben-Tage-Inzidenz des Robert-Koch-Instituts. Die aktuellen Infektionszahlen stammen zwar direkt aus dem Gesundheitsamt, es dauert aber mitunter mehrere Tage, bis sich das Infektionsgeschehen in den Werten des RKI ablesen lässt. Die Tendenz der RKI-Inzidenz ist zwar meist deckungsgleich mit den Zahlen des Gesundheitsamtes. Wirklich nachvollziehbar sind die Werte, die das RKI veröffentlicht, aber nur selten. (Sebastian Schaffner)

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