Kosten liegen bei 41.000 Euro

Orgel in Oberellenbach wird restauriert: Instrument ging die Luft aus

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Noch fehlen an dem Instrument in Oberellenbach viele der 432 Orgelpfeifen. Während des Ersten Weltkriegs wurde sämtliches Metall gebraucht – auch das der Pfeifen mit ihrer Zinnlegierung. Sie wurden durch billigere Zinkpfeifen ersetzt. Für die Front spendet die Orgelbauwerkstatt neue Zinnpfeifen.

Oberellenbach. Das seltene Kircheninstrument wird von einem Rotenburger Orgelbauer aufwändig restauriert. Danach soll es wieder gut klingen.

Karl-Gerhard Schulze drückt auf die Orgeltastatur und ein tiefer Ton brummt durch die Oberellenbacher Kirche – begleitet von einem hohen Pfeifen. Irgendetwas stimmt nicht. Der Orgelbauer aus Rotenburg lässt die Taste los, verschwindet im Instrument und macht sich auf die Suche nach dem Fehler. Die pneumatische Orgel im Alheimer Ortsteil ist eine Seltenheit in der Region. Derzeit wird sie aufwendig restauriert.

Ein Blick ins Innere der Oberellenbacher Orgel: Über die Luftrohre werden bei Tastendruck die Pfeifen angesteuert.

Eine pneumatische Orgel ist sehr sensibel

„Sie braucht Zuwendung und ist viel sensibler als meine drei anderen Orgeln“, sagt Pfarrer Dirk Kroker über die Instrumente in der Evangelischen Johanneskirchengemeinde Alheim. In jeder Orgel wird Luft bewegt: Beim Spielen öffnen sich Ventile, sodass Luft in die Pfeifen strömen kann. So entstehen die Töne. Bei der klassischen mechanischen Bauweise wird der Tastendruck direkt über Holzleisten, Drähte, Winkel und Wellen weitergegeben. 

Eine pneumatische Orgel arbeitet anders: Beim Drücken der Tasten zischt Luft durch viele Röhren, die mit den Ventilen unter den Pfeifen verbunden sind und diese öffnen.

Das macht die Orgel anfällig: „Luft komm überall durch“, sagt Schulze, der für die Orgelbauwerkstatt Rotenburg arbeitet. Große Hitze und Trockenheit wie in diesem Sommer, bei denen sich im Holz kleinste Öffnungen bilden, durch die Luft entweichen kann, sind daher die erbittertsten Feinde des Instruments.

Als die Oberellenbacher Orgel am 14. Juli 1912 eingeweiht wurde, war sie ein hochmodernes Instrument. „Da war alle Technik drin, die damals zur Verfügung stand“, sagt Karl-Gerhard Schulze. Die Orgel des Rotenburger Orgelbauers August Möller ist nach mehr als 100 Jahren unverändert, die einzige Neuerung ist das elektrische Gebläse. Zu Beginn wurde der Orgelblasebalg noch mit Muskelkraft betrieben – eine klassische Konfirmanden-Aufgabe. Aber: Die alte Orgel hat unter den Jahren in der Oberellenbacher Kirche gelitten und war völlig verdreckt.

Ein leichter Luftzug reicht: Orgelbauer Karl-Gerhard Schulze pustet in die sogenannte Membranenleiste, die direkt unter den Pfeifenventilen liegt. Der Luftdruck hebt die Membranen an.

Seit Anfang Juli wird das Instrument grundlegend auseinandergebaut, auf Fehler geprüft und gründlich gesäubert. Auch Verschleißteile werden ausgetauscht. Die Restaurierung wird rund 41 000 Euro kosten – ein Betrag, den die Kirchengemeinde nur mit Unterstützung der Landesdenkmalpflege und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen stemmen kann.

Pneumatische Orgeln sind selten in der Region

Noch im August will Orgelbauer Schulze fertig werden. Auch für ihn ist die Generalüberholung in der Oberellenbacher Kirche etwas Besonderes: „Es gibt nicht mehr viele pneumatische Orgeln in der Region“, sagt er. Die Instrumente aus dieser Ausreißerperiode des Orgelbaus mit ihrer Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts hatten im Vergleich mit den bisherigen Orgeln einen säuselnden, gefühlsbetonteren Klang.

Die leichte Verzögerung zwischen dem Anschlag der Taste und dem Erklingen des Tons, die die Übertragung per Luftkanal mit sich bringt, macht sie für Orgelspieler aber gewöhnungsbedürftig. „Am Ende hat man festgestellt, dass die mechanische Orgel oft besser funktioniert“, sagt Schulze.

Trotzdem will man in Oberellenbach Altes bewahren – und an dem Instrument festhalten: „Wie viele Leute haben schon zu den Klängen dieser Orgel gesungen?“, fragt sich Pfarrer Dirk Kroker.

Quelle: HNA

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