Tour begann in Ostwestfalen 

Oldtimer-Fans machten mit ihren alten Schätzchen Station in Bebra

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Georg „Schorsch“ Reuss hat schon so manches auf die Beine gestellt. Unter anderem auch den von seinem Vater Hans gegründeten Fuhrbetrieb weitergeführt und vergrößert, für den er Tausende von Kilometern mit dem abgebildeten, 50 Jahre alten Henschel-LKW F 161 unterwegs war. Heute ist der blaue Veteran Teil des Wohnmobils von Reuss, mit dem der langjährige Solzer Ortsvorsteher an der Ferienfahrt der Nutzfahrzeug-Veteranen-Gemeinschaft teilnimmt, die am Mittwoch mit 43 Oldtimern auf dem Bebraer Mehrzweckplatz Station machte. 

Bebra. Mit Henschel, Mercedes und Co: Bei ihrer Ferienfahrt haben mehr als 70 Oldtimer-Fans der Nutzfahrzeug-Veteranen-Gemeinschaft Halt in Bebra gemacht. 

Mary Lou ist von Anfang an dabei. Die Hundedame ist eines der Maskottchen der alljährlichen Ferienfahrten der Nutzfahrzeug-Veteranen-Gemeinschaft (NVG), die am Mittwoch in Bebra Station gemacht hat.

Angenehmer als im warmen Führerhaus: Ulrike Kohlbecker-Löffler vor dem Kohlbeckerschen Mercedes LP 1620, Baujahr 1967.

Gut 900 Mitglieder gehören der NVG an. Alle nennen einen mehr oder weniger ausgefallenen Nutzfahrzeug-Oldtimer ihr Eigen, und 74 von ihnen sind vor zehn Tagen mit 43 Fahrzeugen in Anröchte zwischen Soest und Paderborn gestartet und über Minden, Hannoversch-Münden und Blankenburg am Harz in Etappen nach Bebra gefahren.

Wagenburgmäßig aufgereiht stehen blaue und rote Henschel-Lkw neben Raritäten anderer Hersteller auf dem Mehrzweckplatz unterhalb des Rathauses. Ein ehemaliger Feuerwehr-Einsatzleitwagen, ein DRK-Küchenwagen, ein Glücksklee-Laster mit einer schon von außen ablesbaren Geschichte.

Lia Bok hat es sich vor einem MAN, an dem „sponsored by mama“ steht, in einem Liegestuhl bequem gemacht. Sie ist mit ihrem Mann Ebbie aus Holland angereist. Sie lobt die gute Organisation, für die an der Endstation Bebra auch Georg „Schorsch“ Reuss mitverantwortlich zeichnet. Ihm ist die Freude ins Gesicht geschrieben. „Das sind alles meine Oldtimer-Freunde“, sagt er lachend, und er fügt hinzu: „Bei uns geht es zu wie in einer großen Familie: Einer hilft dem anderen. Wir leben Europa.“ Stolz verweist er auf die Fahrzeugveteranen aus den fünfziger und sechziger Jahren, zu denen auch einige aus seinem Bestand und der blaue Aral-Renndienst-Bus von Theo Mühlenbein gehören.

Lieben ihre Oldtimer: Georg „Schorsch“ Reuss (rechts) mit Theo Mühlenbein (links) in dessen mit großem Enthusiasmus restaurierten ARAL-Renndienst-Bus. 

„Datt issen Ding!“, sagt Mühlenbein. „Datt hat im Salzburger Land auf einer Alm gestanden und beim Tontaubenschießen als Unterstand gedient, bevor es mit einem Kran geborgen wurde!“ Vor fünf Jahren hat es der agile Briloner als Schrotthaufen erworben und mit Freunden nach alten Plänen für viel Geld („Davon könnte ich mir auch ein Einfamilienhaus kaufen“) restauriert. So detailgetreu, dass man das 1957 bei Krupp in Essen gebaute Fahrzeug – das letzte von etwa 4000 Exemplaren – bei Autorennen vielleicht sogar wie früher als eine Art „Rennstall“ verwenden könnte. In seinem Inneren sind eine Schleifmaschine, eine Drehbank und ein „Prüfrex“ aufgebaut. Bereitwillig erläutert Mühlenbein Besuchern, wie alles funktioniert und wie es vor dem Wiederaufbau ausgesehen hat.

Gleich nebenan ist ein Mercedes LP 1620, Baujahr 1967, geparkt, über den sein Eigentümer Martin Kohlbecker sagt: „Der hat so viele Kläppchen wie ein Adventskalender.“ Die brauchte man nur aufzumachen und schon konnte man reparieren. Ähnlich dürfte es bei der Erneuerung von Kohlbeckers Inlay zugegangen worden sein, das ihm im Harz kaputtgegangen und in Bebra auf Vermittlung von „Schorsch“ vom „besten Zahnarzt der Welt“ erneuert worden ist.

Ein echter „Kasseläner“, in dem sich heute gut träumen lässt.

Bei hausärztlichen Problemen können sich die bei ihren Ferienfahrten Kultur und Technik verbindenden Oldtimer-Fans übrigens an Dr. Peter Kraas wenden. Fast alle nennen den drittältesten Teilnehmer mit dem Opel-Blitz-Dreitonner aus dem Jahr 1943 einfach nur „Pille“. Was bei einem ehemaligen leitenden Krankenhausarzt vielleicht nicht ganz angemessen ist. Aber man ist – und isst – ja in Familie. In der Biberstadt gibt’s am Abend bei rund 30 Grad von „Schorsch“ spendierte Bratwurst, leckere Steaks und Blasmusik von den Henschel-Blechboys.

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