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Nentershausens Bürgermeister Ralf Hilmes: Sorgen um die Weltkrisen

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Von: Sebastian Schaffner

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Sitzt gern auf seiner fast 40 Jahre alten Suzuki DR 500: Auf die Frage nach seinem Lieblingsort sagt Ralf Hilmes, im Sommer fahre er am liebsten auf seinem Motorrad durch die Gemeinde, um immer auf dem Laufenden zu bleiben. „Der Vorteil auf dem Motorrad ist, dass man direkt ins Gespräch kommt, ohne groß aussteigen zu müssen“, so der 57-Jährige. Unser
Sitzt gern auf seiner fast 40 Jahre alten Suzuki DR 500: Auf die Frage nach seinem Lieblingsort sagt Ralf Hilmes, im Sommer fahre er am liebsten auf seinem Motorrad durch die Gemeinde, um immer auf dem Laufenden zu bleiben. „Der Vorteil auf dem Motorrad ist, dass man direkt ins Gespräch kommt, ohne groß aussteigen zu müssen“, so der 57-Jährige. Unser © zeigt ihn oberhalb des Heidewegs, mit Blick auf Nentershausen. Foto: Sebastian Schaffner

Nentershausens Bürgermeister Ralf Hilmes (SPD) spricht über steigende Energiekosten, Einsparpotenziale, Freunde im ukrainischen Charkiw und fehlende Hausärzte.

Nentershausen – Erst Corona, dann der Ukraine-Krieg: Kleinere Gemeinden haben es gerade nicht leicht, mit den Auswirkungen der Weltkrisen fertig zu werden.

Herr Hilmes, die Gemeinde Nentershausen gehört zu den finanzschwächeren im Landkreis. Im Haushalt für dieses Jahr steht ein Plus von gerade einmal 66 383 Euro. Wie groß ist die Sorge vor den explodierenden Energiepreisen?

Die Sorge ist sehr groß. Wenn ich mir den Planansatz für Strom, Gas, Heizöl und Treibstoff für unsere Gebäude und Bauhof-Fahrzeuge anschaue, kommen wir auf eine kalkulierte Summe von 99 670 Euro. Würden sich diese Kosten nur verdoppeln, würden uns rund 100 000 Euro fehlen.

Wo sehen Sie noch Einsparpotenzial?

Wir achten darauf, Energie zu sparen und Ausgaben zu reduzieren. Viel mehr Möglichkeiten sehe ich aber auch nicht mehr. Unsere Straßenbeleuchtung schalten wir schon seit über 20 Jahren nachts um zwölf ab. Wir könnten natürlich hergehen und sie schon um 23 Uhr abschalten oder gleich gar nicht mehr anmachen. Sie sehen, wir sind da schon auf einem sehr niedrigen Level.

Vieles spricht dafür, dass die Preise weiter steigen. Wie will Ihre Gemeinde das schaffen?

Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Energiekosten verdoppeln werden. Ich hoffe, dass Bund und Land uns Kommunen nicht vergessen. Wir haben jedenfalls keine Möglichkeit, diese Summen aufzubringen.

Ausgangspunkt für die Energiekrise ist der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Nentershäuser haben eine besondere Verbindung über die Partnerschaft mit dem Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf in die ukrainische Großstadt Charkiw. Wie erleben Sie diesen Krieg?

Das ist dramatisch. Seit zwei Jahrzehnten waren die Ukrainer alle zwei Jahre nach Nentershausen in die Ferienanlage der Berliner gekommen. Daraus ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Umso schlimmer ist es, wenn man wie ich selber mehrfach in Charkiw war, die Menschen, die Kinder kennt, die hier bei uns Folklore getanzt und Konzerte gegeben haben und Whatsapp-Nachrichten liest von den Menschen dort, die schreiben, dass sie das Licht auslassen müssen, weil sie nicht wissen, ob sie angegriffen werden. Dieser Krieg tut mir in der Seele weh.

Ein Dauerthema ist die ärztliche Versorgung. Wann kommt der seit Längerem versprochene Arzt ins interkommunale Gesundheitszentrum nach Sontra?

Es ist momentan echt schwierig. Aber wir haben einen Arzt an der Hand. Die Zusage hat sich zuletzt leider noch einmal verschoben. Deshalb müssen wir wohl noch ein bisschen warten, bis wir da etwas verkünden können. Aber wir sind an dem Thema dran.

Reicht der Medibus, die mobile Hausarztpraxis, die Montagvormittag und Dienstagnachmittag in der Gemeinde Station macht, denn noch aus?

Mit dem Medibus sind wir einigermaßen gut aufgestellt. Ich bin aber nur bedingt zufrieden, weil er ja nur eine Ergänzung sein kann. Ich hätte in der Gemeinde lieber noch einen Arzt, neben der einzigen Ärztin, die wir zum Glück ja noch haben. Die Kassenärztliche Vereinigung und das Land Hessen müssen dafür Sorge tragen, dass die unterversorgten Gebiete versorgt werden. Das ist ein in Gesetze gegossener Auftrag.

Ein weiteres Thema ist das neue Feuerwehrgerätehaus in Süß. Wann kann es an den Start gehen?

Im Prinzip ist es fertig. Das Inventar ist da. Was jetzt noch fehlt, sind die Spinde. Geplant ist, dass das Feuerwehrgerätehaus Ende Oktober den Kameraden und Kameradinnen übergeben wird. Eine offizielle Einweihung wird dann wahrscheinlich erst im nächsten Jahr gefeiert, wenn das Wetter wieder schön ist.

Statistisch gesehen hat Nentershausen mit einem Durchschnittsalter von 49,8 Jahren die ältesten Einwohner im gesamten Landkreis. Sehen Sie das eher als Herausforderung oder als Chance?

Beides. Natürlich ist eine ältere Bevölkerung eine Herausforderung. Wir sprachen eben über die medizinische Versorgung. Aber ich sehe auch Chancen. Ein großes Plus ist, dass unsere älteren Mitbürger sehr heimatverbunden sind. Und wir spüren, dass unsere Gemeinde, seitdem das Homeoffice in Mode gekommen ist, für junge Familien immer interessanter wird. Gemeinden wie Hauneck, Niederaula und Neuenstein sind so gut wie voll, deshalb rücken jetzt auch andere Orte in den Fokus. Bislang leben wir zwar landschaftlich wundervoll im östlichsten Zipfel des Landkreises, sind aber von der verkehrstechnischen Infrastruktur nicht so glücklich getroffen. Aber das ändert sich ja bald, wenn die Autobahn A 44 fertig sein wird. Wir wollen deshalb in den nächsten zwei, drei Jahren die Erschließung neuer Baugrundstücke vorantreiben, um die Nachfrage, die wir jetzt schon spüren, auch bedienen zu können.

Exakt 50 Jahre ist inzwischen der Landkreis Hersfeld-Rotenburg alt. Beim Festakt zum Jubiläum gab es kürzlich offiziell nur Lob von den Bürgermeistern mit Blick auf die Zusammenarbeit. Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Ich erwarte, dass der Landkreis die Aufgaben, die er gebündelt für uns Kommunen übernehmen könnte, auch übernimmt. Und da sehe ich durchaus noch Luft nach oben. Zum Beispiel beim Thema Photovoltaik und der Digitalisierung. Warum sollten sich alle 20 Bürgermeister darüber Gedanken machen, welche Flächen sich dafür eignen oder welcher der zahlreichen Anbieter jetzt der richtige ist? Das ist doch Wahnsinn. Hier wünsche ich mir zentrale Lösungen. Wir dürfen nicht vergessen, wer den Landkreis über die Kreisumlage bezahlt: Das sind wir Kommunen.

Apropos Geld: Wenn jetzt zehn Millionen Euro vom Himmel fielen, was würden Sie als erstes damit anstellen?

Ich würde es aufteilen. Das erste Drittel würde ich für die Schuldentilgung einsetzen. Bislang haben wir von niedrigen Zinsen profitiert. Aber sie werden steigen und dann werden Kommunen Probleme bekommen, den jährlichen Abtrag zu bedienen. Das zweite Drittel würde ich investieren. Ein Investitionsstau ist schlimmer, als Schulden zu haben, denn die kann man irgendwann tilgen – vernachlässigte Investitionen holen Sie nicht so schnell nach. Und das letzte Drittel würde ich dafür verwenden, die ärztliche Versorgung in der Gemeinde zu verbessern.

Sie haben vor drei Jahren bei einem Skiunfall einen komplizierten Oberarmtrümmerbruch erlitten, mussten mehrfach operiert worden. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Gut geht es mir nicht. Ich komme einigermaßen zurecht. Ich werde eine Prothese für meine Schulter bekommen, die eine 90-prozentige Schultersteife hat. Das werde ich bald angehen.

Die Sommerferien sind schon in der zweiten Halbzeit. Fahren Sie noch weg?

Ja, ich fahre an die Mecklenburgische Seenplatte mit den Enkelkindern unserer Familie. Das wird in dieser Konstellation das erste Mal sein. Da geht’s bestimmt richtig rund (lacht).

(Sebastian Schaffner)

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