Wochenendporträt

Najibullah Kandahari kam aus Afghanistan und fühlt sich längst als Deutscher

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Er hofft weiter auf seine Chance: Najibullah Kandahari kam vor über 30 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. „Hier ist meine Heimat“, sagt er – aber dennoch fühlt er sich immer noch nicht richtig akzeptiert.

Bad Hersfeld. Als Najibullah Kandahari seine Heimat verließ, war die Welt eine andere. Damals tobte in Afghanistan ein blutiger Bürgerkrieg. 

Die sowjetische Besatzungsmacht kämpfte gegen die von den USA unterstützten islamischen Mudschaheddin.

Najibullah Kandahari stammt aus Herat, einer Provinz nahe der Grenze zum Iran – eine Region mit viel Kultur und einer reichen Geschichte. Die Familie Kandahari ist wohlhabend und gebildet. In seiner Heimat studiert Kandahari an der pädagogischen Hochschule Elektrotechnik – in seinem Jahrgang sind damals 19 Jungs und 26 Mädchen.

Die Flucht

Weil Kandahari als junger Student kritische Flugblätter gegen die Regierung verteilt, muss er fliehen. Die Gefängnisse des Landes sind schon damals berüchtigt. Für den jungen Mann beginnt eine Odyssee: Zu Fuß, bei Nacht und Nebel, in kleinen Booten, den Schleusern ausgeliefert. Er flieht zunächst in den Iran. „Dort wurden wir aber nicht anerkannt, wenn man erwischt wurde, drohte die Abschiebung zurück über die Grenze. Davor hatte ich richtig Angst“, erinnert sich Kandahari. Illegal geht es deshalb weiter nach Pakistan und schließlich nach Deutschland. „Ich wollte einfach weg, zuerst wusste ich nicht wohin, aber ich wollte etwas aus meinem Leben machen, und mein Studium abschließen.“

1986 kommt Kandahari in Deutschland an. Da ist er 21 Jahre alt. „Ich bin gut aufgenommen worden in Frankfurt“, erinnert er sich. Schon damals kamen viele Flüchtlinge: aus dem Libanon, Iran – auch aus Polen. Kandahari landet schließlich in einer Sammelunterkunft in Limburg und später in Willingen.

„Ich habe von Anfang an die Sprache gelernt und nebenbei Tischtennis gespielt. Ich hatte meinen Schläger aus der Heimat mitgebracht. Zweimal in der Woche gab es eine Party der Perser und Polen.“ Aber auch damals gab es zuweilen in der Unterkunft Streitereien zwischen den Nationalitäten.

Die Sprache

Aber es gab keine Sprachkurse. Nur einige wenige deutsche Ausdrücke habe er von ehrenamtlichen Betreuern gelernt. Erst später bekommt er Bücher und Lehrmaterial. „Nach sieben Monaten konnte ich für mich und die ganze Unterkunft dolmetschen. Darauf war ich sehr stolz.“

Nach sieben Monaten in der Unterkunft wird Kandahari als Asylbewerber anerkannt und erhält sogar die Erlaubnis zu studieren. „Die Sprache war nicht mein Problem, viel schwieriger war es, das deutsche Bildungssystem zu verstehen.“ An der Uni kommt er nicht klar. Deshalb macht Kandahari eine Umschulung im Bereich Elektronik. 1990 bekommt er eine Anstellung bei Siemens als Informationselektroniker. „Nach drei Jahren in Deutschland hatte ich einen Job bei Siemens – das war schon eine Leistung.“

Doch die deutsche Arbeitskultur und das Betriebsklima bleiben ihm fremd. Nach drei Jahren wird bei Siemens rationalisiert. Kandahari geht und macht zunächst eine Umschulung zum IT-Experten, später eine weitere zum microsoft-zertifizierten System-Ingenieur. „Das Arbeitsamt hat mir nie eine Stelle vermittelt. Ich habe mir meine Jobs immer allein gesucht.“ Aber meist ist er nicht lange beschäftigt.

Schließlich findet er eine gut bezahlte Anstellung bei einer großen IT-Firma in Darmstadt. Er arbeitet als IT-Dienstleister bei der Landesbank im Maintower und stellt deren Server und Computer-Systeme auf Windows 2000 um.

Der Wendepunkt

„Aber dann passierte der 11. September – und ich war Afghane. Die Leute waren sehr freundlich, aber hinter meinem Rücken wurde gefragt: Was macht ein Terrorist im Maintower?“ Nach weiteren zwei Jahren voller Misstrauen wird ihm eine Abfindung angeboten, die er ablehnt. Er wird freigestellt. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden, denn ich hatte doch nichts angestellt.“ Das Arbeitsgericht gibt ihm Recht, seinen Job bei der IT-Firma ist er aber los.

Dabei hatte Kandahari seit Jahren keinen Kontakt nach Afghanistan. Seit 1999 ist er sogar deutscher Staatsbürger, war nie wieder in Afghanistan. Auch seine Familie ist längst in die USA ausgewandert. „Mit Afghanistan habe ich überhaupt nichts mehr zu tun, ich bin zwar Moslem, aber ich praktiziere meinen Glauben nicht und gehe auch nicht in Moscheen.“

Die neue Heimat

Inzwischen lebt Najibullah Kandahari seit fast 20 Jahren in Bad Hersfeld, wo schon ein Cousin von ihm wohnte. Er ist mit einer ebenfalls aus Afghanistan stammenden Frau verheiratet, die beiden haben drei Kinder, die zur Konrad-Duden-Schule gehen. In Sorga spielt Kandahari Tischtennis, war sogar Vorsitzender seines Vereins. Er dolmetscht für die neuen Flüchtlinge oder begleitet sie zum Arzt und zu Behörden. Eigentlich ist Najibullah Kandahari ein Beispiel für gelebte Integration.

Und doch fühlt er sich manchmal fremd und nicht willkommen. Noch immer schlägt er sich mit Zeitarbeit, versucht sich mit der Selbstständigkeit und Ein-Euro-Jobs durch – und arbeitet dadurch beim Landratsamt, im Klinikum und an Schulen.

Najibullah Kandahari ist 53 Jahre alt. Seit über 30 Jahren lebt er nun in Deutschland. Er hat nie aufgeben, sich weiter qualifiziert und Bewerbungen geschrieben. Inzwischen hat er einen festen Job in Fulda. Aber jetzt ringt er mit den Folgen einer schweren Krankheit. Er wird auch diese Niederlage wegstecken und weiterkämpfen. Seine Odyssee ist noch nicht zu Ende.

Interview: „Die Akzeptanz fehlt – das spüre ich jeden Tag“

Herr Kandahari, obwohl Sie mehr als Ihr halbes Leben in Deutschland leben und sogar deutscher Staatsbürger sind, haben Sie das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Warum? 

Najibullah Kandahari: Ich fühle mich zwar als Deutscher, aber ich werde nicht als solcher anerkannt. Dabei feiern wir mit meiner Familie sogar die deutschen Feste. Ich bin inzwischen mehr Deutscher als Afghane und spreche auch mit meinen Kindern ganz bewusst deutsch.

Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit? 

Kandahari: Ich selbst nicht, denn ich spreche die deutsche Sprache sehr gut. Aber meine Frau, die auch aus Afghanistan kommt. Bei manchen Behörden wurde sie beleidigt oder regelrecht schikaniert. Aber das ist schwer zu beweisen. Ich bin enttäuscht, weil man uns keine wirkliche Chance gibt.

Wie meinen Sie das? 

Kandahari: Obwohl ich mich immer weiterqualifiziert habe, wurde mir immer wieder gekündigt. Ich habe mich dann immer weiter beworben, habe immer wieder Bewerbungsgespräche geführt – beim Landkreis, im Klinikum. Aber mir wurde keine Chance gegeben. Mir fehlt Vitamin-B, um unterzukommen.

Sie glauben, das liegt an Ihrer Herkunft aus Afghanistan? 

Kandahari: Das nehme ich an. Man hat vor uns Angst, wir werden in eine Ecke gestellt. Uns schlägt eine unbegründete Angst entgegen.

Ist diese Angst wirklich so unbegründet? 

Denn es gibt doch islamischen Terrorismus – auch hier bei uns? Kandahari: Ja, das stimmt, aber das sind relativ neue Entwicklungen. Den IS gibt es erst seit einigen Jahren. Aber die Vorurteile gab es schon früher. Deshalb glaube ich, meine Schwierigkeiten resultieren aus meiner Herkunft. Dabei dolmetsche ich sogar manchmal für die Polizei. Ich wurde wirklich genau überprüft.

Begegnen Ihnen diese Vorurteile auch privat? 

Kandahari: Nein, bin ich sehr gut aufgenommen worden. Ich bin ja auch im Verein. Der Sport hilft mir. Ich habe dadurch viele Kontakte. Aber einen Job habe ich deshalb auch nicht gefunden.

Fragen Sie Ihre Bekannten denn nach Afghanistan? 

Kandahari: Natürlich, in meinem Verein, nach dem Spiel, reden wir über Gott und die Welt. Dann erzähle ich auch von der Heimat, von meiner Geschichte. Ich glaube, vielen Menschen fehlen verlässliche Informationen. Es wäre wichtig, mehr über die Herkunftsländer der Flüchtlinge zu berichten – vor allem auch positive Nachrichten. Man sieht immer nur Elend und Bomben, aber nicht die guten Entwicklungen – zum Beispiel auch im Sport. Bei uns leben nicht nur Terroristen.

Reden wir also zu wenig miteinander? 

Kandahari: Genau. Wenn man mit Leuten spricht, dann hilft das. Ich habe damit nur positive Erfahrungen gemacht. Ich glaube, dass viele Deutsche vor Fremden Angst haben. Das ist in Afghanistan anders. Dort ist ein Fremder zunächst mal ein Freund, deshalb ist unsere Gastfreundschaft auch so berühmt. Ihre Geschwister leben inzwischen in den USA. Fiel ihnen die Integration leichter? Kandahari: Sehr viel leichter. Meine Familie arbeitet in der Tankstellenbranche. In Deutschland bekommt man immer gleich zwanzig Formulare, in den USA nur eins. Dort wird man belohnt, wenn man etwas kann. Wenn man in den USA die Staatsbürgerschaft hat, ist man Amerikaner, egal wo man geboren ist.

Quelle: HNA

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