Schwierige Spurensuche

Nachfahren der jüdischen Familie Goldschmidt besuchten Bad Hersfeld

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Auf der Suche nach den Wurzeln: von links Danny Pincus, Simon Pincus, Regina Hirsch, Freda Lipszyc, Joseph Pincus, Judy Meshulam, Benjamin Hirsch und Dr. Heinrich Nuhn vor der an Stelle des Goldschmidt-Hauses errichteten Eigentumswohnanlage.

Bad Hersfeld. Nachfahren der jüdischen Familie Goldschmidt begaben sich auf Spurensuche in  Bad Hersfeld. 

Es kann nur als Wunder bezeichnet werden, dass Mitglieder der jüdischen Gemeinde Hersfelds den Holocaust überlebt haben, und dass Kinder und Enkelkinder einer Überlebenden ziemlich genau 76 Jahre nach dem Abtransport der letzten Hersfelder Juden in Richtung Auschwitz nach ihren Wurzeln Ausschau halten.

Als noch viel größeres Wunder aber muss es angesehen werden, wenn eines der Enkelkinder bedauert, dass es nicht Deutsch lernen und sprechen, in der Stadt der Vorfahren in deren Fußstapfen treten und etwas für die Stadt und ihre Menschen tun durfte.

So in etwa drückt es der 27-jährige Danny Pincus aus, als er zusammen mit Bruder Joseph und Cousin Benjamin, Vater Simon, den Tanten Regina, Freda und Judy und dem Rotenburger Historiker Dr. Heinrich Nuhn der Heimat von Großmutter Beate einen Besuch abstattet.

Auf den pensionierten Oberstudienrat, der sich wie kein Zweiter um die Aufarbeitung der Geschichte der in der Region Hersfeld-Rotenburg seit Jahrhunderten heimischen Juden verdient gemacht hat, stieß er im Internet, als er nach Spuren seiner Großmutter suchte.

Als die für einen Tagesbesuch in die Lullusstadt gekommene Gruppe am Rande der Bahnhofstraße steht und nach dem Haus von Regina und Simon Goldschmidt sucht, das bis zur Errichtung einer Eigentumswohnungsanlage als Haus Nummer 11 an Ort und Stelle gestanden hat, reden die sieben Nachkommen alle durcheinander.

Man spürt, wie nahe es ihnen geht, wenn sie neben den hier verlegten Stolpersteinen an die 1920 als eines von drei Kindern geborene Mutter und Großmutter Beate denken – wenn sie interessiert und aufgewühlt von Dr. Nuhn hören, dass Beate die Luisenschule besucht hat und dass es das eine oder andere Lebenszeichen von ihr gibt.

Sie selbst erzählen, wie der 94-jährig in London verstorbenen Ahnin mit inzwischen über 150 Nachkommen die Flucht nach England gelungen ist. Wie sich die in einem Geschäftshaushalt mit Haushaltshilfe groß Gewordene als Hausmädchen durchgeschlagen hat, wie sie später für ihre Familie gesorgt hat – und wie sie vor etwa 20 Jahren mit Tochter Judy und einer weiteren Tochter in Bad Hersfeld war. „Mit Fotos haben wir ihr Haus gesucht, es aber nicht gefunden, sodass unsere Mutter sehr enttäuscht war“, berichtet Judy. Gute deutsche Schuhe habe sie dann auch noch kaufen wollen.

Da ihre Kopfbedeckung wohl etwas fremdländisch wirkte, sei sie erst dann gut bedient worden, als sie plötzlich deutsch gesprochen habe. „Auf materielle Dinge hat sie nach all den schlimmen Erfahrungen keinen großen Wert mehr gelegt. Demgegenüber war sie dankbar für ihre schulische Erziehung!“

Judy, die ein bisschen deutsch spricht, war damals mit bitteren Gefühlen in Bad Hersfeld unterwegs. Beim Anblick alter Menschen fragte sie sich immer: „Wo warst Du in der Nazi-Zeit, im Krieg?“ Beim jetzigen Besuch sind ihre Gefühle gemischt: „Was für ein lieblicher Ort ist das doch eigentlich!“

Quelle: HNA

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