Pfand geht an die Tafel

Rentnerin Ilse Vitt sammelt täglich Abfall in Rotenburg

Ende der Morgenrunde: Ilse Vitt wirft ihre Müllbeutel in den öffentlichen Abfallkorb am Wehr in Rotenburg. Täglich kümmert sie sich um achtlos Weggeworfenes.
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Ende der Morgenrunde: Ilse Vitt wirft ihre Müllbeutel in den öffentlichen Abfallkorb am Wehr in Rotenburg. Täglich kümmert sie sich um achtlos Weggeworfenes.

Getränkedosen, Papiertaschentücher, Zigarettenkippen („Ganz schlimm“) – einfach alles, was zwischen Grashalmen und Laub liegt und dort nicht hingehört, sammelt sie ein.

Rotenburg – „Es stört mich einfach, wenn etwas rumliegt“, sagt Ilse Vitt und greift mit ihrer Teleskopzange geschickt nach einem Bonbonpapier. Wir laufen am Fuldaufer entlang in Ilses Revier: Zwischen alter Brücke und grüner Brücke am Campingplatz in Rotenburg sammelt die 71-Jährige jeden Morgen eine Stunde lang Müll auf.

Getränkedosen, Papiertaschentücher, Zigarettenkippen („Ganz schlimm“), Pizzakartons – einfach alles, was zwischen Grashalmen und Laub liegt und dort nicht hingehört, pickt sie auf und packt den Unrat in Beutel vom Hundeklo. Die haben genau die richtige Größe für eine normale Mülltour. Sperriges holt sie später mit dem Fahrrad ab. Für Pfandflaschen und -dosen hat sie einen Extrabeutel dabei. „Die gebe ich ab, das Pfand spende ich der Tafel“, sagt Ilse Vitt.

Wie kommt man dazu, jeden Morgen Unrat einzusammeln, den andere hinterlassen haben? Angefangen hat es vor einem Jahr, als ihr Hund starb, erzählt die gebürtige Rotenburgerin. Sieben Jahre hatte er bei der Familie gelebt, der Verlust traf sie schwer. „Fünf Tage lang habe ich gar nichts gemacht vor lauter Trauer. Und dann bin ich wieder rausgegangen und habe angefangen, auf meinen Spaziergängen den Müll einzusammeln“, berichtet Ilse Vitt weiter und schnappt sich beiläufig einen Kronkorken. „Das tut mir gut und macht Spaß.“

Ihre „Beute“ wirft sie in öffentliche Mülleimer. Beim städtischen Bauhof kennt man Ilse Vitt und sogar ihre Beutel. Auch anderen Spaziergängern ist sie ein vertrauter Anblick. Sie bekommt viel Lob für ihre Aktivität. „Manche sagen sogar Engel zu mir“, schmunzelt sie. „Ich sage dann immer, das müssen Sie mal meinem Mann sagen.“

Aber auch böse Worte muss sie sich anhören. Pöbeleien, wenn sie Menschen darauf anspricht, die gerade etwas achtlos weggeworfen haben. „Das ignoriere ich aber. Das ist mir egal“, sagt sie. Nur bei Hundebesitzern ist sie vorsichtig. Unter denen gebe es doch so einige, die die Hinterlassenschaften ihrer Tiere einfach liegenließen. Das kann Ilse Vitt überhaupt nicht nachvollziehen.

Genauso wenig wie sie versteht, dass man einfach so Flaschen kaputt wirft und die Scherben liegen lässt. Seit ihr Hund zum ersten Mal auf einer Wiese in eine Scherbe getreten ist, ist sie besonders sensibilisiert. Da kehrt sie schon mal nach der morgendlichen Mülltour mit dem Rad, Schaufel und Eimer zurück zum „Tatort“ und nimmt die Scherben auf.

Achtlosigkeit und Zerstörungswut stören die Frau, die aus vollem Herzen Rotenburgerin ist. „Ich kümmere mich um meine Stadt“, sagt sie, die ihren Freischwimmer noch in der Fulda gemacht hat und die Sommer ihrer Kindheit am Strandbad verbrachte. Heute ist dort der Campingplatz und immer noch die Heimat von Ilse Vitt.

Mit ihrem Mann Helmut – und früher auch den beiden Söhnen – verbringt sie seit über 40 Jahren die Sommer auf dem Campingplatz. Dort steht der Wohnwagen, den sie sich seit ihrer Kindheit ersehnt hat. Von April bis Oktober lebt das Paar in diesem Wohnwagen. Nur die kalte Jahreszeit verbringen die Vitts in ihrer Wohnung, die natürlich auch an der Fulda liegt.

Am Wehr endet die Mülltour. „Man muss auch eine Grenze ziehen“, sagt sie und sammelt noch ein paar blaue Plastikbecher ein, die an der Mauer zum Schloss liegen. „Da hinten ist der Mülleimer. Da hätten sie die Becher doch reinwerfen können“, sagt Ilse Vitt und geht nach Hause.

Von Silke Schäfer-Marg

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