"Wandern für die Augen"

Montagsinterview mit Wanderwart Rainer Schade aus Heenes

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Immer gut ausgerüstet: Wander- und Pilgerführer Rainer Schade aus Heenes. Sein Motto lautet: Es gibt immer einen Weg, man muss ihn nur finden.

Heenes. Ob in der Rhön, auf dem Eisenberg oder in Slowenien: Beim Wandern ist Rainer Schade aus Heenes in seinem Element. Wir haben mit ihm zum Tag des Wanderns am 14. Mai über den Reiz, schöne Touren und typische Anfängerfehler gesprochen.

Wo hört eigentlich das Spazierengehen auf und wo fängt das Wandern an?

Rainer Schade: (lacht) Wenn ich zum Beispiel mit der Familie ganz gemütlich eine kleine Runde durch den Kurpark und an der Fulda entlang in die Stadt laufe, ist das ein Spaziergang. Wenn ich aber mit einem festen Ziel eine vorgegebene Strecke in Angriff nehme und anschließend gemütlich einkehre, ist das Wandern.

Wandern ist in, gleichzeitig gehen vielen Vereinen die Mitglieder aus. Woran liegt das?

Schade: Zum einen gibt es ein Überangebot an sportlichen Aktivitäten und jeder sucht sich die auf ihn zugeschnittene Sportart aus. Zum anderen kann dank des GPS und guter Beschilderung jeder auf eigene Faust ganz individuell Touren unternehmen, ohne sich an feste Zeiten halten oder an eine Gruppe binden zu müssen. Vereinsarbeit ist eben immer auch ein bisschen Arbeit, und davor scheuen sich leider viele.

Was macht für Sie den Reiz des Wanderns aus?

Schade: Wenn ich allein wandere, komme ich zur Ruhe, gehe in mich und kann die Natur so genießen, wie ich sie mir wünsche. Ich bin aber auch gerne mit anderen Menschen gemeinsam unterwegs und finde es toll, ihnen die Besonderheiten der Natur zu zeigen, die es am Wegesrand zu entdecken gibt. Ich wandere für die Augen, nicht für die Strecke. Mir macht es aber genauso viel Spaß, mich beim Wandern mit Gleichgesinnten zu unterhalten. Einem guten Gespräch sollte man nie aus dem Weg gehen.

Welche Touren können Sie in der Region besonders empfehlen?

Schade: Es gibt hier ganz tolle Touren. Einmal unseren Eisenberg-Panoramaweg mit rund acht Kilometern. Dann etwas weiter weg zum Beispiel den Rundweg von der Hohen Sonne bei Eisenach über die Weinstraße, die Landgrafenschlucht, die Sängerwiese und die Drachenschlucht wieder zur Hohen Sonne. Das ist eine mit etwa zehn Kilometern nicht ganz so lange und sehr schöne Strecke.

Es kommt natürlich auch darauf an, was man möchte – Ruhe oder etwas mehr Trubel. Ich persönlich suche mir am liebsten ruhige, landschaftlich interessante Strecken aus. Das mache ich teilweise auch, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin. Dabei halte ich Ausschau nach schönen Ecken, die ich später vielleicht in eine Wanderung integrieren kann.

Wieviele Kilometer laufen Sie in der Woche oder im Monat?

Schade: (lacht) Ich komme allein beim Gassigehen mit meinem Hund auf 70 Kilometer – in der Woche. Ich halte mich fit und will das auch so beibehalten.

Wo gibt es Nachholbedarf im Landkreis?

Schade: Die Wandervereine werden leider nicht mehr so gut vom Land in ihrer Arbeit unterstützt. Da bleibt irgendwann auch die Wegemarkierung auf der Strecke, das ist schließlich alles ehrenamtliche Arbeit. Und es gibt eben immer weniger Leute, die sich ehrenamtlich engagieren und zu viele, die sich keine Arbeit mehr machen wollen.

Andererseits gibt es auch tolle Angebote, die nicht angenommen werden, wie etwa der Bus im Geisgrund. Mit dem kann man bequem zum Eisenberg fahren, unterwegs ein- oder aussteigen, wo man möchte, aber dieser wird leider nur wenig genutzt. Aktuell entwickeln wir, die „Freunde des Eisenbergs“, einen Hersfeld-Steig vom Eisenberg nach Bad Hersfeld. Dieser Weg kann dann mit dem Bus in beide Richtungen optimal genutzt werden.

Was sollten Einsteiger bedenken?

Schade: Man muss immer ehrlich zu sich selbst sein, sollte sich nicht überschätzen und sich am Anfang nicht zu schwierige Strecken aussuchen. Grundsätzlich ist wandern für jeden geeignet, unabhängig vom Alter oder Fitnesslevel, wenn das Strecken- und Höhenprofil stimmt.

Anfänger sollten sich zunächst Strecken aussuchen, die nicht länger als zehn Kilo-meter sind. Vielleicht gibt es auch Bekannte, die mehr Erfahrungen haben und Tipps zur richtigen Ausrüstung geben können. Das fängt bei geeignetem Schuhwerk an und hört beim Proviant auf. Feste stabile und trittfeste Schuhe sind ein Muss. Für Ungeübte können aber auch knöchelhohe Leichtwanderschuhe sinnvoll sein. Ausreichend Flüssigkeit ist ebenfalls wichtig. Wenn man in der Gruppe unterwegs ist, sollte auch ein Erste-Hilfe-Set nicht fehlen.

Und ich empfehle nicht zu lange Pausen zwischendurch, lieber am Ende gemütlich und länger rasten.

Ihr bisher schönstes Wandererlebnis?

Schade: Wandern ist eigentlich immer schön! Ein besonders schönes Erlebnis war allerdings die Bergwandertour mit meinen Kindern auf den Triglav (2864 Meter), den höchsten Berg Sloweniens und der Julischen Alpen. Dort wird man übrigens oben am Gipfel zur Begrüßung traditionell zweimal mit einem Bergseil auf den Hintern geschlagen.

Welche Wanderung möchten Sie noch in Angriff nehmen?

Schade: Traumziele gibt es viele. Eins ist auf jeden Fall der Schmuggler-Steig entlang der Küste in Cornwall. Im Moment habe ich dafür aber leider keine Zeit, da ich den Jacobsweg von München nach Santiago in mehreren Etappen laufe.

Zur Person: Rainer Schade (61 Jahre) ist gelernter Elektroniktechniker und war bis zu seiner Pensionierung im Lokfahrdienst bei dem Bundeseisenbahnvermögen tätig. Er kommt aus Allmershausen und lebt inzwischen mit seiner Frau in Heenes. Die beiden haben drei erwachsene Kinder. Rainer Schade ist Wanderführer im Hersfelder Wanderverein und beim Alpenverein Sektion Bad Hersfeld. Er ist außerdem Pilgerführer für die Evangelische Kirche auf dem Lutherweg und engagiert sich bei den „Freunden des Eisenbergs“. Neben Wandern und Klettern zählen Radfahren und Motorradfahren zu seinen Hobbys.

Quelle: HNA

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