In den vergangenen Jahren die Hälfte eingebüßt

Mitgliederschwund: Chören im Kreis geht die Luft aus

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Werden immer weniger: Die klassischen Männergesangvereine im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sterben langsam aus. Unser Archivbild zeigt das Kreis-Chorkonzert 2005 des Sängerkreises Alheimer im Dr.-Durstewitz-Saal in Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg. Traditionellen Chören gehen auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg die Mitglieder aus. Beide Sängerkreise – Alheimer und Hersfeld – haben in den vergangenen 20 Jahren gut die Hälfte ihrer Mitglieder eingebüßt.

So bestehen von den 55 Vereinen und den 65 Chören des Sängerkreises Alheimer heute noch 38 Vereine und 43 Chöre. Von 2165 aktiven Mitgliedern im Jahr 1998 singen heute noch 1143 Mitglieder, wie Marco Gerke, Vorsitzender des Sängerkreises Alheimer, sagt. Zu dem Sängerkreis gehörten einst sechs Sängerbezirke, inzwischen sind es nur noch vier. „Es haben sich einfach keine Vorsitzenden mehr gefunden“, so Gerke.

Er ist sich zwar bewusst, dass vor allem die Überalterung der Mitglieder ein großes Problem für die Zukunft der Gesangsvereine darstellt: „Wir sind ganz klar von einem Mitgliederschwund betroffen.“ Gerke bleibt aber optimistisch: „Sicherlich werden in den nächsten Jahren noch mehrere Vereine aufgrund des demografischen Wandels ihre Singtätigkeit einstellen. Trotzdem wird weiterhin gesungen werden, da bin ich mir sicher. Nur eben anders.“

Und auch im Sängerkreis Hersfeld sieht die Lage alles andere als rosig aus: Zählte der Sängerkreis vor 20 Jahren noch 80 Vereine, sind es mittlerweile nur noch 54, also 26 Vereine weniger, sagt Helmut Großenbach, Ehrenvorsitzender des Sängerkreises Hersfeld. Von ehemals 2371 aktiven Mitgliedern haben bis heute mehr als die Hälfte den Sängerkreis verlassen. Übrig geblieben sind 1153 aktive Sängerinnen und Sänger.

Doch auch Helmut Großenbach bleibt zuversichtlich: „Der Chorgesang wird nicht aussterben.“ Allerdings nur unter einer Bedingung: „Bei aller Wertschätzung den traditionellen Gesangvereinen gegenüber, die sich vor 100 und mehr Jahren gegründet haben: Diese Vereine werden sich reformieren müssen.“

Chorgesang muss attraktiver werden

Der Chorgesang muss attraktiver werden – da sind sich die Sängerkreise im Landkreis Hersfeld-Rotenburg einig. Doch wie soll das gehen? Im Sängerkreis Hersfeld habe man bereits mit Seminaren versucht, „die Chöre ein wenig zu modernisieren“, sagt Vorsitzender Helmut Großenbach – mit neuen Liedern und eingebauten Choreographien. „Leider haben nicht alle Chorleiter von diesen Seminaren Gebrauch gemacht.“ Auch diverse Werbemaßnahmen hätten in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg gebracht. 

Ein Beweis dafür, dass der Chorgesang aber nicht aussterben wird, seien vereinzelt gegründete Projektchöre, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen, allerdings immer nur für kurze Zeit bestehen. „Projektchöre entsprechen momentan dem Zeitgeist. Ein nachhaltiger Chorgesang steht damit nach wie vor in Frage“, sagt Großenbach. Marco Gerke vom Sängerkreis Alheimer hält Neugründungen und Chorgemeinschaften für die Lösung. Das mache zum Beispiel der neue Männerchor Baumbach-Sterkelshausen-Weiterode vor: „Die drei Vereine haben sich 2016 zusammengeschlossen und bis heute fünf Mitglieder hinzugewonnen“, berichtet Gerke. 

In seinem Sängerkreis wolle man den Chorgesang attraktiver in der Öffentlichkeit präsentieren, mit Veranstaltungen wie dem offenen Singen im Bebraer Einkaufszentrum „be!“ (2016) und dem Tag der Chöre in Rotenburg (2017). Zusätzlich fördere man die Chöre durch Schulungen, Aus- und Weiterbildungen. Wichtig sei auch neues Chormaterial, sagt Gerke. „Modernes Liedgut wird nötig sein, um auch jüngere Menschen für das Singen zu begeistern.“ Doch sei das kein Allheilmittel: „Ein Chor muss authentisch herüberkommen.“ 

Tradition wahren und trotzdem modern sein – Patrick Busch, der nicht nur die Grundschule Lispenhausen, sondern auch vier Chöre leitet, scheint das geschafft zu haben. Sein gemischter Erwachsenenchor Mixed Melodies wurde aus der Not heraus geboren: Weil das Durchschnittsalter im ehemaligen Eisenbahnchor Bebra bei über 60 Jahren lag, gründete Busch einen neuen, jüngeren Chor. Mit Mundpropaganda Nach Mitgliedern suchen muss er nicht: „Es kommen regelmäßig neue hinzu“, berichtet Busch, dessen Chöre von Eschwege über Bad Hersfeld bis nach Rotenburg Konzerte geben: „Hier funktioniert die Mundpropaganda“, sagt er. Dass den traditionellen Chören die Mitglieder ausgehen, wundert ihn nicht: „Das sind meist eingeschworene Gemeinschaften, wenig flexibel im Repertoire und in der Art, sich zu treffen.“ Bei der Neugründung eines Chors, zu dem dann junge und alte Mitglieder stoßen können, habe man dieses Problem nicht. Auch begingen viele Chorleiter den Fehler, „sich auf die 70-Jährigen einzustellen“, was das Liedgut angeht. 

Er selbst halte sich nicht an das übliche Repertoire, sondern setze seinen Sängerinnen und Sängern Pop-Musik, Musicals, Klassiker, Oldies und englische Stücke vor. Eben alles, „was ihnen selbst gefällt“, sagt Busch. „Das funktioniert seit 20 Jahren.“ (mol)

Quelle: HNA

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