Drei Städte schließen sich zusammen

Bad Hersfeld, Bebra und Rotenburg werben für digitale Kontaktverfolgung mit der Luca-App

Stefan Pruschwitz zeigt sein Smartphone mit der Luca-App auf dem Bebraer Rathausmarkt.
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Die Marketingchefs aus Bad Hersfeld, Rotenburg und Bebra werben für die digitale Kontaktnachverfolgung: Unser Bild zeigt Stefan Pruschwitz aus Bebra. Einen derart engen Austausch zwischen den Städten gab es zuletzt zum Hessentag vor zwei Jahren. Die Stadtentwickler erhoffen sich durch die Smartphone-App eine möglichst unkomplizierte Öffnung des Einzelhandels – sobald es die Inzidenz zulässt.

Auf der Smartphone-Software Luca ruhen viele Hoffnungen bei der Pandemie-Bekämpfung – auch in Bad Hersfeld, Bebra und Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg – Die Marketingchefs der drei Städte wollen mit einer großangelegten Werbekampagne für den Einsatz der App werben. Mit dieser Zusammenarbeit, wie es sie im Kreis wohl seit dem Hessentag 2019 nicht gegeben hat, soll „mehr Wumms auf die Straße gebracht werden“, so Matthias Glotz, Marketingchef der Kreisstadt. Das Budget: 20.000 bis 25.000 Euro.

„Lasst uns Corona abhaken. Ein Klick und fertig“, heißt es auf Beispiel-Werbebannern der Kampagne, die sich an den gesamten Landkreis richtet, wie die Stadtentwickler betonen. Bevor sie richtig ins Rollen kommen kann, müssen allerdings zwei Hindernisse verschwinden. Zunächst muss die Inzidenz fallen: Erst ab einem Wert von höchstens 150 ist in den Geschäften wieder Click&Meet erlaubt – mit Dokumentation der Kundendaten, die von der App übernommen werden könnte. Derzeit liegt der Landkreis erstmals seit März unter einer Inzidenz-Schwelle von 100 – der niedrige Wert muss allerdings fünf Werktage in Folge halten.

Und: Die Gewerbetreibenden im Landkreis müssen vom Einsatz der Luca-App überzeugt werden, die der Zettelwirtschaft mit langen Kundenlisten ein Ende bereiten soll – siehe Hintergrund. Die drei Stadtentwickler stellen ihre Pläne daher derzeit unter anderem in Videokonferenzen vor. Unter dem Titel „Luca und Du – endlich wieder sicher einkaufen“ wollen sie Betriebe bei der Einrichtung unterstützten und Kunden zur Nutzung der Software motivieren.

„Es macht keinen Sinn, wenn 90 Prozent der Gewerbetreibenden in Bebra teilnehmen, aber nur zehn Prozent in Bad Hersfeld“, sagte Glotz bei einer der Online-Veranstaltungen mit 49 Gewerbetreibenden aus dem gesamten Kreisgebiet. Je mehr Geschäfte, Restaurants und Hotels die App nutzten, desto besser wirke die Strategie. „Bringen Sie möglichst viele Ihrer Nachbarn und Kollegen zum Mitmachen, so wie auch wir gesagt haben, wir gehen über Stadtgrenzen hinaus“, so der Kurdirektor und Leiter des Fachbereichs Stadtmarketing in Bad Hersfeld.

In der 30 Minuten dauernden Konferenz gab es nach der Vorstellung der App-Vorteile lediglich eine Nachfrage aus der Hotellerie: Ob kontrolliert werden müsse, dass sich die Kunden beim Betreten und Verlassen des Geländes mit der App an- und abmeldeten. Das binde Personal. Laut Stefan Pruschwitz müssen die Betriebe – wie auch beim analogen aufnehmen der Kundenkontakte – sicherstellen, dass die Dokumentation klappt. „In diesen sauren Apfel müssen wir beißen“, so der Chef der Bebraer Stadtentwicklung SEB. Er sieht die Gewerbetreibenden allerdings in der Bringpflicht: „Die Politik wird sich das sehr genau anschauen.“ Lockerungen gingen leichter von der Hand, wenn das System funktioniere.

Derzeit werden noch Partner gesucht, die die Kampagne finanziell unterstützen – die Pandemie mache sich auch im Stadtmerkting-Budget bemerkbar. Aus jüngsten Gesprächen habe es allerdings sehr positive Signale gegeben, so Pruschwitz. Sollte die Inzidenz noch im Mai fünf Werktage in Folge unter der 150er-Marke bleiben, soll die Kampagne trotzdem bereit sein. Erste Entwürfe gebe es bereits – Flyer, Plakate und Aufsteller müssten allerdings noch in Auftrag gegeben werden. „Wir reden nicht mehr von Monaten, sondern von Tagen, bis es losgeht“, so Torben Schäfer, Chef der Rotenburger Marketing- und Entwicklungsgesellschaft MER.

Die Luca-App ist nicht unumstritten: So hatten 70 deutsche Sicherheitsexperten kritisiert, dass die mit dem Luca-System verbundenen Risiken höher seien als der zu erwartende Nutzen. Die Smartphone-Software erfasse in großem Umfang Bewegungs- und Kontaktdaten, die bei einem Privatunternehmen gesammelt und gespeichert werden.

Die Macher der App weisen die Kritik allerdings zurück: Luca verfüge über eine umfassende und dezentrale Verschlüsselung.

So funktioniert die Luca-App – und das ist die Alternative für alle, die kein Smartphone haben

Die Luca-App kann direkt an die von den Gesundheitsämtern in Hessen genutzte Software zur Kontaktnachverfolgung angebunden werden. Nutzer registrieren sich zum Beispiel per Smartphone und hinterlegen ihre persönlichen Daten. Diese sind verschlüsselt und für Gastgeber wie Restaurantbetreiber oder Einzelhändler nicht einsehbar. Über einen QR-Code – eine Art Barcode, der von vielen Smartphones gelesen werden kann – checken die Nutzer online ein, wobei die Daten hinterlegt werden. Formulare oder Kontaktlisten müssen dann nicht mehr ausgefüllt werden. Beim Verlassen von Restaurants, Veranstaltungen oder Geschäften checken Nutzer einfach wieder aus. Bei einem Kontakt mit Corona-Infizierten werden die Daten nach persönlicher Freigabe direkt an das Gesundheitsamt übermittelt. Die Software lässt sich im App-Store von Apple und im Google-Play-Store für Android-Smartphones kostenfrei herunterladen. Menschen, die kein Smartphone besitzen, haben trotzdem die Möglichkeit, sich an Luca-Standorten zu registrieren – und zwar mit dem Luca-Schlüsselanhänger. Er ist so etwas wie das analoge Gegenstück zur App. Erhältlich ist der Schlüsselanhänger, der über einen aufgedruckten QR-Code verfügt und mit den für die Software benötigten Informationen bestückt werden kann, über die Internetseite der Luca-App. Die Schlüsselanhänger sollen ab Ende Mai über einen Webshop direkt beim Anbieter bestellbar sein. Ob die Anhänger auch direkt vor Ort im Landkreis geordert werden können, ist noch nicht geklärt, heißt es aus dem Landratsamt. Man befinde sich bei den Details noch in der Abstimmung. Das Gesundheitsamt sei aber startklar und bereits an die Luca-App angebunden. ses/cig

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