Wochenendporträt

Doku bei ARD: Mit dem Esel durch Afghanistan

Im afghanischen Gewand und mit einem Esel als Packtier hat sich Samuel Häde auf die Reise in die Hochebenen im entlegenen Nordosten Afghanistans gemacht, zwischen den Bergen des Pamir und den Gebirgszügen des Hindukusch.
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Im afghanischen Gewand und mit einem Esel als Packtier hat sich Samuel Häde auf die Reise in die Hochebenen im entlegenen Nordosten Afghanistans gemacht, zwischen den Bergen des Pamir und den Gebirgszügen des Hindukusch.

Doku bei ARD: Wer an Afghanistan denkt, der hat Krieg, Zerstörung und Hass im Kopf, meint Samuel Häde. Zusammen mit seinem Esel lief er drei Wochen lang zu einem Nomadenstamm.

Heinebach – Wenn man hört, dass der Weltenbummler mit Rucksack und Esel, alleine, ohne Dolmetscher einen Teil des tatsächlich stark von den Kriegen der vergangenen Jahrzehnte gezeichneten Landes durchreist, mag man ihn für verrückt halten. Doch sein Ziel hat der Heinebacher mit der bereits drei Jahre zurückliegenden Reise erreicht. „Ich will das wirkliche Leben in Afghanistan zeigen und das von den Medien gezeichnete Bild verändern. Die Menschen dort sind unglaublich gastfreundlich und haben eine ehrenwerte Kultur“, sagt der 27-Jährige. Davon kann man sich nun selbst überzeugen: Eine Doku über seine Reise durch den 300 Kilometer langen Wachankorridor im Nordosten des Landes ist seit dieser Woche in der ARD-Mediathek zu sehen.

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Da ist er - Der erste Trailer zu meiner Afghanistan Doku 🥳🎉 Zusammen mit meinem Esel Edward lief ich drei Wochen lang zu einem Nomadenstamm, tief im Hindu Kush. Dieser Ort wird auch „Das Dach der Welt“ genannt. Was sich romantisch anhört ist in Wahrheit eine lebensfeindliche Umgebung in der Menschen nur mit sehr viel Mühe und Not überleben können. Auf unserem Weg dorthin erfuhren wir immer wieder die unglaubliche Gastfreundschaft von afghanischen Familien. Menschen die selber kaum etwas besitzen, gaben uns so viel. Daher möchte ich mit meiner Doku etwas zurückgeben indem ich ein Bewusstsein für die Bildung in Entwicklungsländern wie Afghanistan schaffe und arbeite dabei eng mit der non-profit Organisation @reliefwithoutborders zusammen. Das Projekt steckt allerdings noch in seinen Kinderschuhen. Ihr könnt mich deshalb in den nächsten Monaten via Instagram Stories ein wenig dabei begleiten, wie die Doku Form annimmt und aktiver Teil davon werden. Du kennst jemanden der Illustrationen erstellen kann? Super. Dein Cousin 2. Grades organisiert ein Filmfestival? Bin ich dabei. Dein Onkel arbeitet bei der Presse? Auch geil. Egal was es ist, viele Kontakte zu knüpfen ist extrem wichtig und hilft mir ein Netzwerk aufzubauen. Deshalb könnt ihr mich jetzt schon durch das simple Teilen meines Trailers bei diesem Projekt unterstützen. Downloaden könnt ihr ihn über den Link in meinem Profil. Sollte es damit ein Problem geben, schreibt mich einfach direkt an 🤗 Vielen Dank für euren Support 🙏❤️ #dokumentarfilm #dokumentation #reisedoku #reisedokumentation #reisedokumentarfilm #afghanistan #afghanistanfilmmakers #berlinfilmmaker #filmemacher #filmnetzwerkberlin #filmemacherdeutschland #afghanistanmypassion #dokufilm #berlinfilm #walkingafghanistan #wakhancorridor #nomads #hindukush #pamirhighway #pamir #m41 #tajikistan #documentary #afghanistandocumentary #afghanfilmfestival #afghanfilm #berlinfilmfestival

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Diese Reise gehört zweifellos zu den extremsten Erlebnissen, die Häde bislang hatte. Sie reiht sich aber nahtlos in seinen Lebenslauf ein. Nach dem Abitur begab er sich das erste Mal mit dem Rucksack auf Reisen, nach Indien und Nepal. Nach einem halben Jahr begann er noch mal für zweieinhalb Jahre, ein „normales“ Leben zu führen. Glücklich wurde er mit seiner Ausbildung bei einer Werbeagentur aber nicht. „Das war mir zu wenig kreativ, und der Verkaufsaspekt daran hat mich gestört. Ich möchte das echte Leben dokumentieren.“ Gegen Ende der Ausbildung durfte er für drei Monate in die Filmproduktion der Agentur wechseln und merkte: „Das Kameratechnische ist das, worauf ich Bock habe.“

„Minimalismus macht mich glücklich“

Also packte er 2016 die Kamera in den Rucksack und machte sich wieder auf die Reise: zunächst noch mal nach Indien, dann in den Iran, nach Südostasien. Er lernte Länder wie Kasachstan, Sri Lanka, Japan und die Philippinen kennen, wo er eine Doku drehte, die auf dem Youtube-Kanal „Y-Kollektiv“ veröffentlicht wurde. Oft ist Häde per Anhalter unterwegs. In Kirgisistan kaufte er sich auch mal ein Auto, das dann aber in Usbekistan geklaut wurde.

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Due to it's political situation in the south, traveling to the Philippines can be a very diverse experience. Siargao Island, like seen in this picture for instance is a backpacker and surfer eldorado and the perfect getaway to let loose for some days. So it was bound to happen that I will find myself, lying in a hammock, drinking Gin Tonic all day long. Whereas 3 days earlier I almost got kidnapped by terrorists. This was just a couple hundred kilometers further south! This can turn a trip to the Philippines to a very diverse traveling experience. Especially when you leave the typical tourist destinations like Siargao island behind you and venture out to the island of Mindanao, aka. 'The Southern Philippines'. It's hard to put in words what I experienced in Mindanao, but more posts about this intense journey will follow. #paradise #terror #terrorism #tourism #isis #mindanao #backpacking #backpackers #beautifuldestination #siargao #visitsiargao #backpackerstory #adventure #wildernessculture #southeastasia #philippines #islandlife #jungle #lonelyroad #sunset #paradise #war #peace #surfing #surf #surfdestination #experience #explore #exploreeverything #gintonic #island @the_philippines

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„Minimalismus macht mich glücklicher, als es die Sicherheit eines geregelten Alltages tun könnte. Erlebnisse sind mir wichtiger, als Gegenstände anzuhäufen, die ich sowieso nicht brauche“, erklärt der 27-Jährige, was ihn antreibt. Im Rucksack hat er zu 60 Prozent Kameraausrüstung und zu 40 Prozent Kleidung. Das sei alles, was er brauche. „Das ist ein unglaublich schönes Lebensgefühl, das süchtig machen kann.“

Viele der Menschen, die Samuel Häde in fremden Ländern trifft, fotografiert er und stellt sie und ihre Geschichte auf der Internetplattform Instagram vor (samuel.haede). „Meistens fühlen sich die Leute geehrt, wenn ich sie fotografieren möchte“, erzählt der Heinebacher.

Kritik an Filmern aus der westlichen Welt

Bei der Afghanistan-Reise schlug ihm aber auch einmal, stellvertretend für alle Fotografen und Dokumentarfilmer aus westlichen Ländern, heftige Kritik entgegen. Der Marsch mit dem Esel führt Häde zu einem Nomaden-Stamm, wo ein Mann in die Kamera sagt: „Wenn Reisende aus Amerika oder Europa uns besuchen, um unser Leben zu entdecken und zu dokumentieren, dann machen sie das nur zu ihrem eigenen Vorteil. Wenn sie kommen, um uns zu fotografieren, dann haben sie die Not unsers Stammes gesehen. Wie können sie dann keine Hilfe holen? Wir haben niemals irgendeine Art von Hilfe erhalten, nachdem hier gefilmt wurde.“ Häde entscheidet sich ganz bewusst dafür, die Sequenz im Film nicht zu unterschlagen, weil er möchte, dass sich auch die Menschen, die seine Doku sehen, die Frage stellen, wie sie helfen können.

Der Heinebacher selbst engagiert sich mittlerweile in einer Hilfsorganisation, die unter anderem in Afghanistan tätig ist. Und er wird weiter mit seiner Kamera um die Welt reisen und das „echte Leben“ dokumentieren.

Ein Foto war der Auslöser für die Reise

Es ist das Foto einer Nomadin, das Samuel Häde in Tadschikistan zufällig in die Hände fällt. „Das hat mich so fasziniert, dass ich unbedingt erfahren wollte, wie diese Frau lebt“, sagt der Heinebacher. Dafür muss er in den äußersten Nordosten Afghanistans, in den Wachankorridor. Im Sommer 2017 ist er für ein Abenteuer in der Wildnis ausgerüstet. Dass es ausgerechnet dort hingeht, war nicht geplant.

Überraschend unkompliziert bekommt er das Visum und hinterlässt im Grenzort einen Notfallzettel. Wenn er sich in vier Wochen nicht zurückmeldet, soll die Botschaft in Kabul kontaktiert werden. Ein Handy hat Häde zwar dabei, Empfang gibt es aber dort, wo er hin möchte, nicht. „Direkt vor der Einreise war ich schon ziemlich unruhig. Vorher war ich immer nur in Ländern gewesen, die sicher waren. Ein paar Tage vorher hieß es noch, dass auch der Wachankorridor sicher sei. Am Grenzort wurde dann aber von Gefechten berichtet“, erinnert sich Häde.

Hilfbereite Einheimische

Direkt hinter der Grenze sieht er offenbar so verloren aus, dass ihm ein Afghane gleich seine Hilfe anbietet. Sobald er im Land ist, ist von Unsicherheit und Angst nichts mehr übrig. „Die Menschen in Afghanistan gehen immer davon aus, dass der Fremde in freundlicher Absicht kommt, dass er schutzbedürftig ist und dass man ihm in jeder Hinsicht zu helfen hat. Eine Gastkultur, von der wir in Europa nur träumen können.“

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To reach something you can maybe call a “road” it requires at least a three-day journey through the mountains from here. The only way to make it into the Pamir mountains is with a persistent animal, like a horse or a yak. My money was just enough for a donkey which resulted in laughter when these merchants passed me, riding with dignity on their horses into the Pamirs. #encounters #salutations #shakinghands #strangers #meetingastranger #isolation #welcoming #hospitality #warmwelcome #pamir #horsebackriding #horse #donkey #packanimals #salam #salamaleikum #afghanistan #peopleoftheworld #culture #mountains #nature #travel #centralasia #wakhancorridor #wakhan #wakhanvalley #badakhshan #kabul

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Der Afghane hilft ihm dabei, die nötigen Passierscheine zu besorgen und beim Kauf des Esels. Da es im Wachankorridor kaum befestigte Straßen gibt, ist das Packtier die einzige realistische Transportmöglichkeit. Ein Pferd wäre zu teuer, der 27-Jährige hat nur 600 US-Dollar dabei. Der Heinebacher will den Esel nach dem Erstbesteiger des Mount Everest, Sir Edmund Hillary, benennen. Doch er hat den Namen nicht mehr richtig im Kopf – drum heißt das Tier fortan Edward.

Ohne Dolmetscher

Schon nach wenigen Kilometern weigert sich Sir Edward I aber, weiter zu gehen. Er ist zu schwach. Also kauft sich Häde Edward II, später sogar noch Edward III. „Ich dachte, ich wäre auf dieser Reise einsamer“, sagt Samuel Häde. Doch um den weißen Mann versammeln sich überall neugierige Einheimische und er wird immer wieder zum Tee eingeladen. Die Afghanen reagieren völlig ungläubig, wenn der Deutsche ihnen mit Händen und Füßen erklärt, dass er ohne Dolmetscher oder Guide unterwegs ist. Was genau ihm die Einheimischen in die Kamera sagen, weiß er erst ein Jahr später nach der Übersetzung.

Dass all dies nun zu einem Dokumentarfilm zusammengefasst werden konnte, ist auch einem Engländer zu verdanken, den der Deutsche unterwegs trifft. Denn er ist zwar bestens mit Campingutensilien, Trockennahrung und Akkus für seine Kamera ausgerüstet – doch die Speicherkarte ist schnell voll. Der Engländer überlässt ihm eine noch originalverpackte 32-Gigabyte-Karte.

Hier liegt der Wachankorridor

So ist unter anderem dokumentiert, wie immer wieder Einheimische dabei helfen, den Esel fachmännisch zu bepacken. Auch das Festknoten der Hose, die zu seinem afghanischen Gewand gehört, ist für den Deutschen eine Herausforderung. „Manchmal bin ich mit heruntergelassener Hose hinter dem Esel hergelaufen“, sagt Häde und lacht. Als es im Gebirge steil hinauf geht, heuert er doch einen Dolmetscher an.

Wie die Reise weiter geht, ist seit Dienstag in der ARD-Mediathek zu sehen.

Kirgisische Nomaden leben in Armut

Der nomadische Kirgisenstamm, den Samuel Häde am Ende des Wachankorridors besucht hat, verließ seine Heimat in Kirgisien nach der russischen Revolution 1917 aus Angst, im Kommunismus seine Traditionen nicht mehr beibehalten zu können. Sie blieben fortan auf der Ebene auf rund 4500 Höhenmetern, wo sie vorher nur im Sommer gelebt hatten. Dort gibt es weder Gas noch Elektrizität oder Bäume. Geheizt wird mit Schafdung. Es gibt weder eine echte Schule noch einen Arzt. Viele Frauen sterben im Kindbett, die Hälfte der Kinder wird nicht älter als fünf Jahre. Immer wieder sind in den vergangenen Jahrzehnten Versuche gescheitert, den Stamm umzusiedeln.

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This nomad child just rounded up her cattle, like every evening. Jumping and almost dancing around she has her own special technique how to shoo the goats inside the stable. #nomad #girl #cattle #livestock #unicef #wakhan #afghanistan #kabul #children #worldnomads #worldnomad #wakhancorridor #afghanpeople #afghanistan #goats #kids #education #powertothepeople @everydaykabul @kabul.photobiennale @breathtakingafghanistan @doctorswithoutborders @unicefusa @worldnomads @natgeoadventure @natgeotravel @natgeo @travelchannel @unicefafghanistan @natgeocreative @reliefwithoutborders @asia_photo_magazine @travisburkephotography @danielkordan @kirstenalana @bemytravelmuse @chrisburkard @youngadventuress @tiffpenguin

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Es sei äußerst schwierig, den Menschen auf der Hochebene im Wachankorridor zu helfen, sagt Samuel Häde. Das hänge auch mit der Abgelegenheit des Ortes in den Bergen zusammen, wo es keine Straßen gibt. „Man kann – für ein paar Tausend Dollar, mit großem bürokratischen Aufwand und nur, wenn man die Genehmigung bekommt – einen Helikopter mieten. Aber für das gleiche Geld kann man wesentlich einfacher wesentlich mehr Menschen in Kabul helfen, die auch darauf angewiesen sind“, sagt Häde. Mit der Hilfsorganisation German Association for Central Asia (gafca.org) arbeitet er derzeit daran, ein Wasserkraftwerk in der Nähe der afghanischen Hauptstadt reparieren zu lassen. Er will versuchen, in Zukunft auch den Kirgisen Hilfe anzubieten – das werde allerdings eine riesige Herausforderung. 

Zur Person

Samuel Häde (27) ist in Heinebach aufgewachsen. Nach dem Abitur an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg reiste er 2013 ein halbes Jahr lang durch Indien und Nepal. Danach machte er in Berlin eine Ausbildung zum Kaufmann für Medienkommunikation bei einer Werbeagentur. Ab 2016 reiste er mehrmals durch die Welt, in Australien erwarb er nach achtmonatiger Ausbildung ein Diplom an einer Filmhochschule. Mittlerweile verdient er sein Geld freiberuflich vor allem mit Dokumentationen und Reportagen. Sein Vater ist der frühere Sonnenei-Geschäftsführer Thomas Häde. Der 27-Jährige hat eine ältere Schwester und einen älteren Bruder. In seiner Freizeit engagiert er sich bei einer ehrenamtlich geführten Hilfsorganisation für Zentralasien. Ein Flug zu einem der Projekte in Afghanistan musste im März coronabedingt abgesagt werden.

Mit dem Esel durch Afghanistan in der ARD-Mediathek.

Von Christopher Ziermann

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