19-Jährige im Parlament in Hersfeld-Rotenburg

„Mich stört vieles“: Victoria Uhrig ist die jüngste Abgeordnete im Kreistag

Hier tankt sie Kraft: An der Fulda in ihrer Heimatstadt Rotenburg verbringt Victoria Uhrig besonders gern ihre Freizeit. Die 19-Jährige ist die jüngste Abgeordnete im neuen Kreistag in Hersfeld-Rotenburg.
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Hier tankt sie Kraft: An der Fulda in ihrer Heimatstadt Rotenburg verbringt Victoria Uhrig besonders gern ihre Freizeit. Die 19-Jährige ist die jüngste Abgeordnete im neuen Kreistag in Hersfeld-Rotenburg.

Wenn sich heute der neue Kreistag in Bad Hersfeld trifft, ist sie die jüngste Abgeordnete: Victoria Uhrig. Die 19-jährige hat bei der Kommunalwahl gut 10.000 Stimmen erhalten.

Hersfeld-Rotenburg – Im Interview spricht die Grünen-Politikerin über die Corona-Schulpolitik der Landesregierung, frustrierte Jugendliche und darüber, was sie sich vom Einzug in den Kreistag erhofft.

Frau Uhrig, am heutigen Montag, 10. Mai, sitzen Sie zum ersten Mal als Abgeordnete im Kreistag. Was glauben Sie: Warum hat man Sie gewählt?
Ich glaube, dass mir vor allem junge Leute ihre Stimme gegeben haben, weil sie endlich jemanden haben wollten, der sie repräsentiert. Im Kreistag sitzen ja kaum junge Menschen.
Warum engagieren Sie sich eigentlich kommunalpolitisch? Junge Leute kommunizieren online, mobil und in Kurzform. Im Kreistag hingegen wird jeder Beschlussvorschlag noch mal verlesen. Das muss man schon mögen.
Naja, man hat zwei Möglichkeiten: Entweder man sitzt zu Hause auf der Couch und beschwert sich – was niemandem etwas bringt. Oder man macht selbst aktiv Politik und sagt, was einem nicht passt und versucht die Dinge, die einen stören, zu ändern.
Was stört Sie denn?
Mich stört vieles, vor allem die Klimapolitik in unserem Land. Sie ist nicht ausreichend, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Das gilt auch für die Gesundheitspolitik und die Digitalisierung, wie man gerade in Corona-Zeiten sieht.
Sie sind noch Schülerin. Wenn Sie der Landesregierung für Ihre bisherige Corona-Schulpolitik ein Zeugnis ausstellen dürften, wie würde das ausfallen?
(lacht) Nicht besonders gut. Unser Bildungssystem ist einfach nicht auf dem neuesten Stand. Die Programme, etwa beim Online-Schooling, haben oft nicht gut funktioniert. Aber auch im Präsenzunterricht fehlt noch viel. Der Landkreis hinkt bei Lüftungsanlagen hinterher. Und bei der Digitalisierung sowieso.
Wenn Sie könnten, wie Sie wollten: Was würden Sie sofort ändern?
Wir müssen unbedingt die Digitalisierung vorantreiben. Da ist durch die Pandemie zwar auch schon etwas passiert. Aber vieles ist früher einfach versäumt worden. Wir brauchen mehr Beamer im Unterricht. Und man müsste gerade Schülerinnen und Schülern mit wenig Einkommen schneller und leichter einen Laptop zur Verfügung stellen, damit sie am Onlineunterricht teilnehmen können.
Die Corona-Beschränkungen machen auch Ihrer Generation außerhalb der Schule zu schaffen. Partys, Freunde treffen, gemeinsame Urlaube sind ja immer noch tabu. Wie haben Sie die vergangenen 14 Pandemie-Monate erlebt?
Zu Beginn war es für mich persönlich durchaus schön, weil alles entschleunigt wurde. Der Stress hat abgenommen, man hat zu sich gefunden. Aber auf Dauer wird’s sehr schwer. Ich gehe beispielsweise gern auf Festivals. Dass sie letztes Jahr ausgefallen sind, war unvermeidlich. Der Gesundheitsschutz geht natürlich vor. Aber wenn jetzt wieder alles gecancelt wird, wenn wir wieder nicht feiern gehen dürfen – auch Abibälle oder Zeugnisverleihungen finden nicht so statt wie immer – das ist schon anstrengend. Trotzdem müssen wir jetzt noch mal die Zähne zusammenbeißen, um die Infektionszahlen entscheidend zu senken.
Eine Bertelsmann-Studie ist kürzlich zu dem Schluss gekommen, dass 65 Prozent der Jugendlichen während des zweiten Lockdowns angaben, dass ihre Sorgen eher nicht oder gar nicht gehört werden. Überrascht Sie das?
Auf keinen Fall. Es hieß ja immer: Bleibt zuhause, damit Ihr Eure Großeltern und andere Risikopatienten schützt. Es ging also stets darum, für andere auf etwas zu verzichten. Wir haben im Supermarkt Abstand gehalten, keine Freunde mehr getroffen, haben auf viel verzichtet. Und dann sieht man einige Menschen, die sich an der Kasse vorbeidrängeln, sich nicht an die Regeln halten. Da denkt man sich als junger Mensch schon manchmal: Ey, ich mache das hier alles auch für Dich. Das ist dann natürlich frustrierend. Dennoch finde ich es wichtig, dass wir weiterhin zusammenhalten, und diese Zeit, die hoffentlich bald zu Ende geht, gemeinsam durchstehen. Die Intensivbetten sind gerade hochbelegt. Ich möchte nicht, dass es meine Eltern erwischt und sie dann keinen Platz bekommen, weil andere leichtsinnig mit der Gefahr umgegangen sind.
Junge Menschen stehen in der Impfreihenfolge weit hinten. Vollständig Geimpfte bekommen früher ihre Freiheiten zurück. Ihre Generation muss vermutlich noch viel länger auf Gewohntes verzichten. Finden Sie das gerecht?
Ich finde einseitige Öffnungen nicht in Ordnung, solange nicht ein Impfangebot für alle da ist. Wenn sich jeder Mensch impfen lassen kann, fände ich es in Ordnung. Es ist wichtig, dass sich so viele wie möglich impfen lassen, auch um die zu schützen, die das aus gesundheitlichen Gründen nicht können. Jeder Mensch sollte aber trotzdem selbst entscheiden können, ob er oder sie sich impfen lassen möchte.
Die Coronakrise hat vieles auf den Kopf gestellt. Welche Schlüsse sollte unsere Gesellschaft aus der Pandemie ziehen?
Dass man durch Zusammenhalt durch solche Krisen kommt und nicht durch Egoismus, indem man beispielsweise mehr Toilettenpapier zuhause hortet als man benötigt. Und dass man nicht immer alles ausschließlich in Präsenz machen muss, sondern auf Onlineangebote ausweicht. Bei der Grünen Jugend haben wir alles ins Digitale verlegt. Das ist zwar blöd gewesen, weil man nicht mehr wie sonst kommunizieren konnte. Aber es war auf der anderen Seite auch schon cool, mit der Jogginghose vor dem Laptop zu sitzen und sich Veranstaltungen digital anzuschauen.
Grüne Themen sind momentan en vogue, Ihre Partei liegt in Umfragen bundesweit sogar vor der CDU. Bleibt das Kanzleramt in Frauenhand?
Ich würde es mir wünschen. Annalena (Baerbock, die Kanzlerinnenhoffnung der Grünen, d. Red.) ist eine Spitzenkandidatin, die zweifellos die Kompetenzen dafür mitbringt.
Haben Sie ein Vorbild?
Privat ist Stefanie Giesinger mein Vorbild.
Die Gewinnerin von „Germany’s Next Topmodel“ aus dem Jahr 2014?
Genau. Stefanie hat eine seltene Krankheit. Ihre Organe liegen seitenverkehrt im Körper, sie kann dadurch jeden Tag sterben. Trotzdem startet sie voll durch. Sie lebt jeden Tag so, als wäre es ihr letzter. Sie denkt zwangsläufig, bei allem was sie tut, so viel weiter, als sie eigentlich denken müsste und als normale Menschen es tun, die oft leben, als hätten sie zwei Leben. Außerdem legt sie viel Wert auf Nachhaltigkeit und unterstützt soziale Projekte. Deshalb finde ich sie sehr motivierend.
Sie sind jetzt mit der Schule fertig - wie geht’s für Sie persönlich weiter?
Ehrlich gesagt weiß ich das noch gar nicht. Ich werde sicherlich erst mal ein Jahr ruhiger machen.
Sie entscheiden sich also freiwillig für eine Art zusätzlichen Lockdown?
(lacht) Könnte man so sagen, ja. Nach diesem Jahr, in dem ich auch ein FSJ oder FPJ (Freiwilliges Soziales Jahr Politik, d. Red.) machen könnte, kann ich mir sowohl eine Ausbildung als auch ein Studium vorstellen, vermutlich dann in Kassel oder Fulda, damit ich hier weiter im Kreis wohnen kann.
Angenommen, wir würden uns kurz vor der Kommunalwahl 2026 noch einmal zu einem Interview verabreden: Was wollen Sie bis dahin im Kreistag auf jeden Fall erreicht haben?
Ich möchte auf jeden Fall die Frauenpolitik weiter vorangebracht haben. Und ich möchte spätestens bis dahin einen Fahrplan aufgestellt haben zur Klimaneutralität im Kreis – auch wenn ich weiß, dass das wegen der anderen Parteien im Parlament möglicherweise nicht ganz so leicht werden wird.

Zur Person

Victoria Uhrig ist 19 Jahre alt und die jüngste Abgeordnete im neu gewählten Kreistag. Die Grünen-Politikerin aus Rotenburg ist Schülerin an der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld und lebt in ihrer Heimatstadt. In ihrer Freizeit singt sie und spielt Gitarre, Klavier und Ukulele.

(Sebastian Schaffner)

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