In der Jakobikirche

Martin Luther und das Judentum: Ausstellung in Rotenburg stellt kritische Fragen

Verblendet: Dekanin Gisela Strohriegl verbindet der Statue von Martin Luther die Augen, um symbolisch auf seine „Blindheit“ gegenüber dem Judentum und den Juden aufmerksam zu machen. Das Bild zeigt links neben der Dekanin Küster Horst Barm, rechts Inge und Dr. Heinrich Nuhn. Morgen wird die Ausstellung offiziell eröffnet.

Rotenburg. Die Ausstellung „Martin Luther und das Judentum“ soll Sensibilität im Umgang mit Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem schaffen. Sie wird morgen, Sonntag, um 15 Uhr in der Rotenburger Jakobikirche am Marktplatz eröffnet. Dazu spricht Dr. Robert Brandau aus Kassel.

Der Historiker und Kurator des Jüdischen Museums in Rotenburg, Dr. Heinrich Nuhn, spricht vom „Aufbruch zum Miteinander“ der monotheistischen Religionen Christen- und Judentum. Die geschichtliche Aufarbeitung findet auf 16 Tafeln und zahlreichen historischen Exponaten statt. Dabei ist sie sowohl informativ, als auch kritisch. Denn sie lädt zu einer differenzierten Reflexion der vergangenen 500 Jahre Kirchengeschichte ein. Nach der Eröffnungsfeier morgen ist die Ausstellung täglich von 9 bis 18 Uhr zu sehen. Führungen für Gruppen sind nach telefonischer Anmeldung bei Dr. Nuhn möglich. Schon um 13 Uhr wird eine Sonderführung im Jüdischen Museum angeboten.

Das Versagen der Kirche

Eine besondere Spannung entsteht vor allem bei den Exponaten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Eine der dunkelsten Zeiten Deutschlands betrifft auch die Kirche. So nimmt sich die Ausstellung in der Jakobikirche dieses Tabu-Themas an und arbeitet es unter Einbeziehung Luthers auf. „Versagen der Kirche und Holocaust“ prangt in großen Lettern auf der dreizehnten Tafel der Ausstellung. An dieser Stelle setzt sich die Exposition kritisch mit dem Verhalten der Kirche und mit Luthers Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Denn Luthers judenfeindliche Spätschriften (Anm. um 1543; Titel: „Von den Juden und ihren Lügen“) gelten bei antisemitischen Theologen als wichtigste Erkenntnis der protestantischen Leitinstanz. Luther wurde nach 1918 als eine Art „nationaler Luther“ von völkischen Verbänden instrumentalisiert. Dadurch wurde er für sie eine antidemokratische und antisemitische Legitimationsfigur.

Lokalität wird in der Exposition durch zwei besondere Stücke erzeugt. Zum einen mit dem im Kreisgebiet bekannten, mit Hakenkreuzen dekorierten kirchlichen Wandteppich von 1934, der mithilfe von Zeitungsartikeln und Bildern thematisiert wird. Zum anderen durch die interessante Geschichte „Der Silberne Löffel von Rotenburg“, in der die Tributzahlung der jüdischen Bevölkerung aufgegriffen wird, und warum diese nach langen Jahren des Ruhens auf einmal wieder für Furore sorgte.

Leitbild und Weckruf

Die Ausstellung beweist zudem Weitsicht. Sie wagt einen Blick in die Zukunft. Dabei möchte sie sensibilisieren. Auch im Umgang mit Zuwanderung und aufkommendem Fremdenhass möchte sie mahnendes Leitbild und Weckruf sein: „Gerade aus aktueller Sicht hat dieses Thema nicht abgeschlossen. Das Zusammenleben von Religionen und Kulturen war lange eine Selbstverständlichkeit. Das ist momentan nicht so. Daran sehen wir, dass ein Miteinander und die gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit wichtiger als je zuvor sind“, erklärt Dr. Heinrich Nuhn.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Rotenburg (an der Fulda)
Kommentare zu diesem Artikel