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Lieferengpässe sorgen in Hersfeld-Rotenburg für Frust in den Apotheken

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Von: Lea-Sophie Mollus

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Engpass im Apothekenregal: Das Foto zeigt eine Apothekerin mit einem Rezept und einem Medikament in der Hand an einer ausgezogenen Apothekenschublade.
Engpass im Apothekenregal: Vor allem Fieberzäpfchen und Fiebersäfte für Kinder sind derzeit knapp. © Patrick Pleul/dpa

Apotheker aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg klagen über den Mangel an Medikamenten – und seine Ursachen. Vor allem Fiebersäfte und -zäpfchen für Kinder sind knapp.

Hersfeld-Rotenburg - Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg ist kein Ausnahmefall: Deutschlandweit haben Apotheken mit Lieferengpässen bei Medikamenten zu kämpfen. Vor allem bei Fiebermedikamenten mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol gibt es Engpässe.

„Katastrophal ist das“, sagt Saskia Hildwein von der City-Apotheke in Bad Hersfeld. Lieferengpässe in diesem Umfang seien neu. Vor allem der Blick auf die Wintersaison – die Erkältungszeit schlechthin – bereitet Hildwein große Sorgen: Ihre bereits im Frühjahr aufgegebene Großbestellung sei storniert worden. Vor allem für Kinder gebe es kaum Alternativen. Zwar können Apotheker die Säfte und Zäpfchen auch selbst herstellen, es sei jedoch „schwer, an Substanzen zu kommen, und wenn nur zu einem irren Preis“, sagt Hildwein.

Auch Susanne Padilla Montenegro, Apothekerin in der Biber-Apotheke in Bebra, hat so einen Mangel in diesem Jahrtausend noch nicht erlebt. Schon jetzt decke der Vorrat die Nachfrage nicht mehr. Teilweise würden Kunden extra aus Bad Hersfeld kommen, um noch Zäpfchen oder Fiebersaft zu ergattern. In Alheim ist es sogar einmal vorgekommen, dass ein Baby, für das nur ein einziges Fieberzäpfchen in Frage gekommen wäre, ins Krankenhaus verwiesen werden musste, weil dieses nicht vorrätig war, berichtet Julia Robinson von Christians Apotheke, die auch in Niederaula eine Niederlassung hat.

Ibuprofen und Paracetamol sind seit 1977 offiziell unentbehrlich

Ibuprofen und Paracetamol gehören zu den Nichtopioid-Analgetika und sind demnach schmerzstillende Arzneimittel. Die Wirkstoffe können als Saft oder Tablette verabreicht werden, Paracetamol zusätzlich als Zäpfchen. 1977 wurden sie als unentbehrliche Arzneimittel eingestuft und sind seitdem auf der gleichnamigen Liste der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu finden. Mit ihnen lassen sich die dringlichsten Bedürfnisse der Bevölkerung medizinisch versorgen.

Für Krankenhäuser wachse die Last durch den Mangel indirekt, erklärt Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Landkreis: „Wenn die Patienten ihre Medikamente nicht bekommen, entsteht eine Lawine von Patienten, die stationär behandlungspflichtig werden, die es sonst nicht geben müsste.“

Die Ursache für die Engpässe sehen die befragten Apotheker nicht etwa in einer gestiegenen Nachfrage, sondern kritisieren die Abhängigkeit von Indien und China, wo die gängigen Wirkstoffe produziert werden. Unter anderem durch Pandemie und Krieg seien die Lieferketten gestört.

Abhängigkeit von China und Indien: „Man hat aus Corona nichts gelernt“

„Man hat nichts gelernt“, macht Saskia Hildwein von der City-Apotheke in Bad Hersfeld ihrem Ärger über den aktuellen Mangel bei Medikamenten Luft. Als die Lieferketten bereits vor einiger Zeit durch Corona zusammengebrochen waren, habe man sich darum kümmern wollen, die Arzneimittelproduktion in Europa zu stärken, um die internationale Abhängigkeit zu verringern. „Für solch wichtige Arzneimittel sind wir in Europa handlungsunfähig“, klagt die Apothekerin.

Weltweit gebe es nur zwei Hersteller für den Ibuprofen-Wirkstoff, erklärt Julia Robinson von Christians Apotheke in Alheim. Ein Grund dafür, dass so wenige Firmen diesen produzieren, seien die geringen Gewinnmargen: „Viele Hersteller ziehen sich aus der Produktion von Standardmedikamenten zurück, weil sie daran nichts verdienen.“ Das Spardiktat der Krankenkassen trage seinen Teil dazu bei.

Eine kurzfristige Lösung gibt es ihrer Ansicht nach nicht. Langfristig müssten Lieferketten stabiler aufgestellt und Anreize für Firmen geschaffen werden, gängige Wirkstoffe zu produzieren – das sei aber eine Angelegenheit der Politik, so Robinson.

„Wir müssen die Pharmaproduktion zurück nach Europa holen“

„Wir müssen die Pharmaproduktion zurück nach Europa holen“, fordert auch Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Landkreis. „Das ist erst mal der richtige Weg.“ Mit der Umstellung auf die heimische Produktion müsse möglichst jetzt begonnen werden, so Ebel: „Das ist nichts, was innerhalb von ein bis zwei Jahren entstehen kann.“

Wann die notwendigen Substanzen wieder verfügbar sind, ist für die befragten Apotheker kaum absehbar. Dr. Jürgen Leimbach vom Heringer Apothekenverbund vermutet, dass das Problem noch bis Ende des Jahres besteht. Aber reichen die Vorräte bis dahin? Leimbach zeigt sich zuversichtlich: „Wir tun alles, um die Versorgungssituation sicherzustellen.“ In der Heringer Glück-Auf-Apotheke stelle man sich auf die Eigenherstellung ein. „Es wird teuer und viel Zeit kosten, aber irgendwie kriegen wir das hin“, sagt Leimbach.

Julia Robinson hingegen hält das für nicht realistisch: „Dafür haben wir keine Kapazität.“ Die Herstellung sei zeit-, personal- und materialaufwendig und aufgrund des starken Personalmangels im Apothekenbereich nicht zu leisten. Die Apothekerin blickt mit großer Sorge auf den Winter – eine Entspannung sei für Robinson nicht absehbar.

Etwas besser sieht die Situation laut Werner Hampe vom Klinikum Bad Hersfeld in Krankenhausapotheken aus: Dort liegen andere Liefer- und Versorgungsketten zugrunde. (Lea-Sophie Mollus)

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