Zurück in die Vergangenheit

KZ-Überlebender Ernest Gans besucht seine Geburtsstadt Rotenburg

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Schwerer Gang: 260 Fotos erinnern an der Treppenaufgangswand des Jüdischen Museums an ebenso viele ehemalige jüdische Einwohner Rotenburgs. Unter den Fotos befindet sich das von Kappel Gans, des Großvaters von Ernest Gans und Mitbegründers der Freiwilligen Feuerwehr, das von Paula Gans (zweites von links unten) und das von Willi Gans, den im Konzentrationslager Riga ermordeten Eltern von Ernest Gans.

Der älteste in Rotenburg aufgewachsene ehemalige jüdische Einwohner ist 93 Jahre alt und lebt inzwischen in Florida.

Wie mag man sich fühlen, wenn man in einem Museum an einer langen Reihe von Fotos von vertrauten Menschen vorbeigeht, plötzlich Fotos von den Eltern sieht, unumstößlich wissend, dass Mutter Paula und Vater Willi in einem Konzentrationslager umgebracht worden sind? Ernest Gans behält es für sich.

Der 93 Jahre alte, in Kassel geborene und in Rotenburg in der Brotgasse 6 groß gewordene, 1936 von der kleinen Stadt an der Fulda nach Köln am Rhein gezogene, von dort aus in die Konzentrationslager Riga, Stutthof und Buchenwald deportierte Mensch jüdischen Glaubens, der in den letzten Kriegstagen bewusstlos bis ins Sudetenland „verschlagen worden“ ist – wo er Gott sei Dank gerettet worden ist, besucht seine Vaterstadt. Dr. Heinrich Nuhn, der rastlos die jüdische Geschichte Rotenburgs Erforschende, führt den gelernten Schlosser, der den Holocaust wahrscheinlich wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten überlebt hat, und dessen 48-jährigen Sohn William durch die Rotenburger Mikwe.

Ernest kann sich nicht an das Gebäude, das in erster Linie von jüdischen Frauen genutzt worden ist, erinnern. Erst als sich sein Blick auf ganz bestimmte Ausstellungsstücke richtet und er nach Kindheitserlebnissen befragt wird, leuchten Bilder und Worte auf. In holprigem Deutsch erzählt er ganz spontan, wie er mit seinen Eltern Ausflüge auf den Katzenkopf und auf den Alheimer machte, wie er im Schrebergarten der Familie spielte, für dessen Bewässerung der Druck der Wasserleitung meistens nicht ausreichte.

Auf Spurensuche in Rotenburg:  Der 93-jährige KZ-Überlebende Ernest Gans zusammen mit seinem 48-jährigen Sohn William.

Wie Mitschüler in Gruppen am Haus der Familie in Richtung Strandbad vorbeizogen, wie er am liebsten mitgegangen wäre, wie ihn seine Tante Johanna aber, die nach dem Wegzug seiner Eltern nach Köln für ihn sorgte, aus Angst vor Unheil nicht mitgehen ließ.

Es ist ganz offensichtlich so, dass Ernest Gans in hohem Alter noch einmal seine Wurzeln und sein frühes Leben mit all seinen schrecklichen Ereignissen, das er für seinen Sohn und seine zwei Enkelkinder aufgeschrieben hat, bedenken und mit seinem Sohn begehen will. 

Insoweit hat es ihn gefreut, dass er im Rathaus überaus freundlich von Rotenburgs Erster Stadträtin Ursula Ender empfangen worden ist –unbefangener als bei seinem Besuch Anfang der Siebzigerjahre, als beide Seiten nicht so recht wussten, ob und wie sie aufeinander zugehen sollten. Auch dass er beim Spaziergang an der Fulda von Passanten angesprochen wurde, dass ihm die Hand gegeben wurde, hat ihn sehr beeindruckt.

Als Dr. Nuhn ihn fragt, ob es sich denn lohne, gerade mal für ein paar Tage von Florida über den großen Teich zu fliegen, sagt Ernest: „Es macht keinen Sinn, wenn man sein Geld nicht nutzt.“

Und für junge Leute hat der alte Herr, der im November 1944 auf 42 Kilogramm abgemagert war, auch noch einen Rat: „Lernt alles, was Ihr könnt und woran Ihr interessiert seid. Was ich in der Schule und während meiner Ausbildung zum Schlosser gelernt habe, hat mir das Leben gerettet.“

Zur Person: 

Ernest (Ernst) Gans wurde am 17. Mai 1926 als zweites Kind des Rotenburger Schlossermeisters Willi Gans und dessen Ehefrau Paula geborene Rothschild in Kassel geboren. Nachdem der Vater seine Schlosserei angesichts zunehmenden Drucks auf jüdische Betriebe verkauft und in Köln einen Neustart gewagt hatte, lebte Ernst, der zunächst weiter in Rotenburg gewohnt hatte, ab 1936 ebenfalls in Köln. Von dort aus wurde die Familie 1941 in das Konzentrationslager Riga deportiert. Das Schicksal wollte es, dass Ernst und seine gut vier Jahre ältere Schwester Ruth den Holocaust überlebten und 1945 über Köln nach Rotenburg zurückkehrten. 1946 wanderten beide nach Amerika aus, wo Ernest bis 1998 in seinem erlernten Beruf arbeitete, unter anderem auch einige Jahre als beratender Ingenieur in Frankreich. Aus der 1970 mit seiner am 27. März 1926 geborenen Frau Shirley geborene Bigeleisen, die 2013 verstarb, geschlossenen Ehe ging Sohn William hervor. Inzwischen ist Ernest zweifacher Großvater. Der älteste in Rotenburg aufgewachsene ehemalige jüdische Einwohner lebt inzwischen in Florida.

Quelle: HNA

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