Vermieter fühlten sich nicht ernst genommen

Kritik an Polizei nach dem Fund eines Toten in einer Schutzhütte

Alheim. Nach dem Tod eines 64-Jährigen aus Rotenburg, der vor zwei Wochen in der Schenkkopf-Hütte bei Alheim gefunden wurde, kritisieren die Vermieter des Verstorbenen die Polizei.

Nach eigenen Angaben hatte das Paar bereits am Wochenende vor dem Leichenfund Sorge um den Mann geäußert – das sei nicht ernst genommen worden. Der 64-Jährige hatte offenbar nach einem Streit seine Wohnung in Rotenburg am Strandfest-Samstag verlassen. 

Die Vermieter wurden daraufhin verständigt, weil die Frau des Verstorbenen „sehr aufgelöst“ begonnen hatte, ihren Haushalt auf die Straße zu stellen. Das Paar rief die Polizei und meldete den Mann als vermisst, laut seiner Frau habe er beim Abschied gesagt „er halte das alles nicht mehr aus und gehe jetzt“. 

Die Polizei weist die Kritik zurück: Laut Polizeisprecher Manfred Knoch hätten sich aus den geäußerten Sorgen der Vermieter zu keinem Zeitpunkt konkrete Hinweise auf eine Gefahr für Leib und Leben des 64-Jährigen ergegeben. Dennoch sei sofort eine Fahndung in Rotenburg eingeleitet worden. 

Mobiltelefon war ausgeschaltet

Zudem habe die Polizei Kontakt zu Angehörigen des vermissten Mannes aufgenommen, dessen Frau sich zu diesem Zeitpunkt in ärztlicher Behandlung befand. „Eine Ortung des Mobiltelefons war nicht möglicht, weil es ausgeschaltet war“, so Knoch.

Vom Tod ihres Mieters erfuhren Arnfried Becker und Gerda Weitzel am Ende durch Zufall: Sie wollten in der Wohnung im Mehrfamilienhaus in Rotenburg nachsehen, ob der 64-Jährige wieder aufgetaucht ist – und trafen stattdessen die Kriminalpolizei. Der vor wenigen Monaten nach Rotenburg gezogene Mann wurde vier Tagen vermisst, das Paar aus Lispenhausen hatte die Suche von Beginn an begleitet.

Nach einem Streit am Strandfest-Samstag hatte der 64-Jährige seine aufgelöste Frau stehen gelassen und war gegangen. „So, wie wir ihn kennengelernt haben, hätte er sie in dem Zustand nicht allein gelassen“, sagt Gerda Weitzel. Das habe man auch der Polizei gesagt, dort sei die Haltung aber sehr abwehrend gewesen. „Wir wurden regelrecht abgebügelt, als ob wir sensationssüchtig wären“, sagt sie. Auch ihre weiteren Hinweise im Verlauf des Wochenendes seien nicht ernst genommen worden, so der Eindruck des Paares. „Wir halten die Augen offen“, habe die Polizei gesagt. „Was immer das auch heißen soll“, sagen die Vermieter.

„Wir haben alles gemacht, was wir konnten“, sagt Polizeisprecher Manfred Knoch. Die Ermittler seien sämtlichen Hinweisen nachgegangen, dass der vermisste Mann für sich oder andere eine Gefahr darstellte, habe sich dabei zu keiner Zeit ergeben. Für eine groß angelegte Suche etwa fehlten die Ansatzpunkte (siehe Hintergrund).

Personenbeschreibung an Streifen gegeben

Die Beamten gaben die Personenbeschreibung der Vermieter an die zahlreichen Streifen, die zum Strandfest in Rotenburg im Einsatz waren, weiter. Sie sprachen mit dem Krankenhauspersonal, das die Frau des Vermissten betreute. Zudem seien sämtliche Krankenhäuser im Kreis auf der Suche nach dem Mann angerufen worden – ohne Erfolg.

Arnfried Becker und Gerda Weitzel wollen nicht behaupten, dass der Tod des 64-Jährigen hätte verhindert werden können. „Das wäre reine Spekulation“, sagen sie. Wanderer hatten den Toten in der Schenkkopf-Hütte bei Alheim gefunden. Laut Polizei ergab die Obduktion kein eindeutiges Ergebnis, die Gerichtsmediziner fanden Anzeichen für eine Alkoholvergiftung. Nach der abwehrenden Haltung der Polizei will Becker aber wissen: „Wie soll man sich als Bürger richtig verhalten?“

Polizei stellt die richtigen Fragen

Wenn es nach der Polizei geht: Zur Polizei gehen. „Wir stellen die richtigen Fragen“, so Manfred Knoch. Bei einer vorschnellen öffentlichen Fahndung mache sich die Polizei aber angreifbar. „Es geht dabei um Menschen, die in die Öffentlichkeit gestellt werden“, sagt er. Mit Namen, mit Bild. Die Verbreitung über das Internet gehe rasend schnell.

Offenbar sei in den Gesprächen aneinander vorbeigeredet worden, so Knoch zur Kritik der Lispenhäuser: „Wir sind aber dazu verpflichtet, unsere Arbeit zu erklären.“ Die Polizeistation in Rotenburg habe daher bereits Kontakt zu Arnfried Becker und Gerda Weitzel aufgenommen und zudem ein weiteres Gespräch angeboten.

Hintergrund: Wann gilt eine Person als vermisst?

Grundsätzlich gilt: Erwachsene im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte dürfen sich frei bewegen, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Wer eine Person als vermisst melden möchte, muss nicht – wie häufig angenommen – eine 24-Stunden-Frist abwarten. Die Polizei leitet eine umfassende Vermissten-Fahndung ein, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

 • Eine Person hat ihren gewohnten Lebenskreis verlassen

 • und ihr derzeitiger Aufenthalt ist unbekannt 

• und es kann eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden. 

Bei Minderjährigen gilt allerdings eine besondere Schutzpflicht. Die Polizei geht daher vorsorglich von einer Gefahr für Leib und Leben aus. Minderjährige gelten bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthaltsort nicht bekannt ist. (cig)

Von Clemens Herwig

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