Meistens ist der Mensch der Auslöser

Wegen Trockenheit: "Wir müssen jeden Tag mit weiteren Bränden rechnen"

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Warnstufe Rot: In den heimischen Wäldern kann es jederzeit brennen, sagt der stellvertretende Kreisbrandinspektor Martin Orf aus Hersfeld/Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg. Die Trockenheit sorgt in den heimischen Wäldern fast schon für kalifornische Verhältnisse. Die größte Brandgefahr geht vom Menschen aus, sagt dieser Experte.

Der Deutsche Wetterdienst bewertete das Risiko zwischenzeitlich mit Stufe vier von fünf. Wir sprachen darüber mit dem stellvertretenden Kreisbrandinspektor Martin Orf.

Fast täglich werden derzeit Wald- und Flächenbrände im Kreis gemeldet. Zu wie vielen solcher Einsätze mussten die Feuerwehren in diesem Sommer schon ausrücken?

Martin Orf: Wir unterteilen solche Brände unter den Stichworten „Wald eins“ ohne Gefahr einer Ausbreitung und „Wald zwei“ mit Gefahr einer Ausbreitung. Derzeit haben wir Gleichstand: Seit 1. Juni gab es 13 Einsätze unter dem Stichwort „Wald eins“ und 13 unter dem Stichwort „Wald 2“. Also insgesamt 26 dieser Brände.

Das ist eine außergewöhnliche Häufung, oder?

Orf: Ja. Wir müssen jeden Tag mit weiteren Bränden rechnen. Die Feuerwehren stellen sich organisatorisch darauf ein. In Neuenstein und anderen Kommunen wurden die Landwirte, die derzeit keine Gülle ausbringen, gebeten, ihr Güllefass mit Wasser zu füllen, um bei Bedarf darauf zurückzugreifen zu können.

Was ist die Ursache solcher Brände?

Orf: Es gibt verschiedene Auslöser: Die arglos weggeworfene Zigarette, eine vor Jahren weggeworfene Flasche, die wie ein Brennglas wirkt, oder der heiße Katalysator eines im hohen Gras geparkten Autos. Beim Bremsen von Zügen entstehen Funken, die den Bewuchs des Bahndamms in Brand setzen. Oder jemand ist der Meinung, er müsste am Waldrand oder an getrockneten Getreidefeldern grillen, Lagerfeuer machen oder Grünabfälle verbrennen.

Gibt es auch natürliche Ursachen?

Orf: Das ist eher unwahrscheinlich. Meistens ist in irgendeiner Form der Mensch der Auslöser. Selbstentzündung eines Waldes oder eines Getreidefeldes – das gibt es nicht.

Bislang waren nur wenige Quadratmeter betroffen. Könnten sich Flächenbrände bei uns ähnlich stark ausbreiten wie derzeit in Kalifornien?

Orf: Ausgeschlossen ist das nicht. Man muss zwischen Waldboden- und Waldhochfeuer unterscheiden. Bekommen wir in einem Nadelwald ein Feuer, das am Baum hochläuft und dort vom Wind angefacht wird, kann sich der Brand in einem größeren Radius ausbreiten.

Stellvertretender Kreisbrandinspektor Martin Orf.

Wie gefährlich sind Waldbrände für die Einsatzkräfte?

Orf: Gefährlich wird es immer dann, wenn die Feuerwehr zum Löschen in den Wald hineinfährt und der Wind sich dreht. Dann wird den Feuerwehrleuten der Weg abgeschnitten. Das passiert in großen Waldbrandgebieten wie in Kalifornien. Bei der Brandkatastrophe in der Lüneburger Heide 1975 sind ebenfalls Löschfahrzeuge abgebrannt und Feuerwehrleute verletzt worden oder gar zu Tode gekommen.

Flüsse und Seen führen derzeit nur wenig Wasser. Ist die Löschwasserversorgung noch gesichert?

Orf: Ja. Wir haben die Möglichkeit, mit unseren Tanklöschfahrzeugen Pendelverkehr zu fahren. Eine wichtige Unterstützung sind unsere Landwirte. Ein Güllefass fasst bis zu 12 000 Liter Wasser, unsere Tanklöschfahrzeuge nur etwa 5000 bis 6000 Liter. Ein Güllefass kann irgendwo an einen Teich oder Fluss fahren und Wasser ansaugen. Ohne die Hilfe unserer Land- und Forstwirte wären wir sicher nicht so gut aufgestellt.

Wie sind die Feuerwehren für Waldbrände ausgerüstet – Löschflugzeuge oder -hubschrauber gibt es in der Region sicher nicht?

Orf: Nein. Die Standardbeladung der Feuerwehrfahrzeuge reicht aus. Es gibt die sogenannte Feuerpatsche. Sie sieht aus wie ein Besen mit Metall-Lamellen. Damit schlägt man auf das Feuer, um Flächenbrände einzudämmen. Auf Tanklöschfahrzeugen sind sogenannte Monitore installiert – Wasserwerfer, mit denen man massiv Wasser abgeben kann, um ein Fortlaufen des Feuers zu verhindern. Das ist aber keine Sonderausrüstung für Waldbrände, wir brauchen sie auch für viele andere Einsätze.

Jedes Jahr geraten Erntemaschinen wie Mähdrescher oder Strohpressen in Brand. Wie können Landwirte vorbeugen?

Orf: Da gibt es keine Vorbeugung. Wenn ein Stein mit aufgenommen wird, saust er durch das System und schlägt Funken. Dann fängt die Maschine an zu brennen. Die Fahrzeuge sind sehr hoch. Dadurch fällt zumindest die Gefahr weg, dass der heiße Motor ein Stoppelfeld entzündet.

Angenommen die Grillparty geht schief oder ich habe das Auto zu nah am trockenen Gras geparkt – machen eigene Löschversuche Sinn?

Orf: Ja. Gerade in der Entstehungsphase kann ich ein Feuer theoretisch mit dem Fuß austreten. Wenn es über den Entstehungsbrand hinausgeht, ist es ein Fall für die Feuerwehr, die aber grundsätzlich immer über den Notruf 112 zu erreichen ist.“

Ab wann ist die Waldbrandgefahr gebannt – mit einem Regenschauer ist es sicher nicht getan?

Orf: Wir müssen weiterhin mit Bränden rechnen. Erst wenn wir einen Landregen bekommen, bei dem es ein oder zwei Tage durchregnet, entspannt sich die Situation.

So wird das Wetter in der Region.

Zur Person

Martin Orf (51) ist stellvertretender Kreisbrandinspektor. Als Mitarbeiter des Fachdienstes Brandschutz und Rettungswesen ist Orf auch in Baugenehmigungsverfahren für den vorbeugenden Brandschutz zuständig. Orf ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Bad Hersfeld. Dort ist er auch Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Entspannung findet Orf beim Angeln. 

Quelle: HNA

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