Pfeifkonzert und Trillerpfeifen

2000 Besucher und lautstarke Proteste beim Wahlkampfauftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Vacha

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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Helmut Heiderich (links) und dem CDU-Bundestagskandidaten Timo Lübeck bei der Ankunft in Philippsthal. 

Philippsthal/Vacha. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war am Donnerstagnachmittag zum Wahlkampf in der Vachaer Innenstadt. Zuvor war sie zu Fuß von Philippsthal aus über die Brücke der Einheit gegangen. 

In Philippsthal herrscht noch Ruhe. Rund 30 Schaulustige mit Handys und Fotoapparaten haben sich an der Brücke der Einheit versammelt, um Angela Merkel zu empfangen. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Helmut Heiderich und der CDU-Bundestagskandidat Timo Lübeck warten auf die Kanzlerin. Heiderich ist ein wenig wehmütig zu Mute. 

„Für mich schließt sich heute ein Kreis“, sagt er und erinnert an 1989 als hier, an der so lange versperrten Brücke, tausende Menschen aus Ost und West die Einheit feierten. Nun endet hier seine politische Laufbahn im Bundestag. „Ich freue mich, dass die Kanzlerin ein paar Minuten von ihrem Besuch in Thüringen abzwackt, und meiner Einladung zum Gang über die Brücke gefolgt ist“, sagt Heiderich. 

Dann rollt der Konvoi der Kanzlerin heran. Ihr Hubschrauber ist auf dem Sportplatz in Philippsthal gelandet. Handyfotos. Händeschütteln. Winken. Ein kurzer Blick auf die Hoß’feldsche Druckerei, dann geht die Kanzlerin über die Brücke. Timo Lübeck nutzt die Gelegenheit, um die Kanzlerin auf die Sorgen der Kali-Kumpel aufmerksam zu machen. Doch Merkel weiß Bescheid. Als Lübeck von den Befürchtungen wegen des neuen Thüringer Gutachtens zur Versenkerlaubnis erzählt, sagt sie: „Dabei hat der Ramelow doch mit den Kumpeln in der Menschenkette demonstriert.“ 

Proteste in Thüringen

Am Ende der Brücke in Thüringen ist es dann mit der Ruhe vorbei. Die ersten Demonstranten erwarten die Kanzlerin. Auf Transparenten fordern sie eine lange versprochene Umgehungsstraße der B62 in Merkers und Dorndorf. „Hand in Hand für die Kaliindustrie“ steht auf dem Plakat der Jugend-Ausbildungsvertretung von K+S. Auf dem Weg durch Vacha gellen der ersten Trillerpfeifen. 

Merkel gibt sich unbeeindruckt, plaudert derweil mit dem kleinen Sohn von Vachas CDU-Bürgermeister Martin Müller. Auf dem Marktplatz erwartet die Kanzlerin ein gellendes Pfeifkonzert. Viel Polizei sichert die Veranstaltung. Die CDU spricht von rund 2000 Teilnehmern. 

Die NPD-Gegendemo besteht nur aus einem einzigen Bus mit ziegenbärtigen, jungen Männern in Cargo-Hosen, die mit hassverzerrten Gesichtern ins Mikro brüllen. 

Aber auch junge Mütter mit Tattoos und Piercings, muskulöse Männer in Arbeiterkluft und biedere ältere Leute schwenken rote „Merkel muss weg“-Karten. „Früher hab ich den Kohl gewählt, jetzt kriegt die AfD meine Stimme“, sagt ein alter Mann im karierten Flanellhemd. Ein andere sagt, er wählt jetzt gar nicht mehr. 

„Dankbar für die Freiheit“ 

Inzwischen hat die Kanzlerin die Bühne erreicht. Sie bedankt sich für den netten Empfang und würdigt die gute Nachbarschaft zwischen Hessen und Thüringen. „Der Weg über die Brücke der Einheit war so bewegend wie ein Gang durchs Brandenburger Tor“, sagt Merkel. Und sie begrüßt eigens die Bergmannskapelle und verspricht: „Wir wollen alles tun, damit die Bergleute ihre Arbeit behalten“. 

Doch ihre Worte gehen im Pfeifkonzert unter. So hören viele wohl auch nicht als die Kanzlerin sagt: „Ich bin dankbar, dass wir jetzt ein freies Land sind, in dem auch Sie hier demonstrieren können.“ 

In Vacha gab es auch mal andere Zeiten.

Quelle: HNA

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