Anonyme Bewertung

Jameda in der Kritik: Was Mediziner aus der Region von dem Bewertungsportal halten

Viel Lob, aber auch sehr harte Worte: Auch Patienten aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg nutzen die Internetplattform Jameda, um Ärzte anonym zu kritisieren und ihnen Schulnoten von 1 bis 6 zu vergeben.

Hersfeld-Rotenburg. Ein Urteil des Bundesgerichtshofs hat die Bewertungsplattform Jameda in die Schlagzeilen gebracht. 

Das Internetportal Jameda („Deutschlands größte Arztempfehlung“) muss die Daten einer Ärztin löschen, die nicht auf dem Portal vertreten sein wollte, auf dem Kollegen, die als Premiumkunden bezahlen, bevorteilt werden. Trotzdem kann auf Jameda weiter gelobt und kritisiert werden. Hier erzählen Mediziner aus der Region von ihren Erfahrungen.

Dr. Andreas Alles aus Bad Hersfeld (Allgemeinmediziner, 20 Bewertungen, Note: 3,2): „Ich gucke mir die Bewertungen nicht an. Die Plattform ist anonym und so laden dort viele Leute ihren Frust ab. Von den Patienten bekommen wir generell ein gutes persönliches Feedback. Dann kann man sie auch auf die Situation beziehen. Keiner ist frei von Fehlern. Die Plattform finde ich nicht sinnvoll.“

Akram Malakzay

Dr. Akram Malakzay aus Bebra (Allgemeinmediziner, elf Bewertungen, Note: 2,0): „Durchschnittlich behandelt ein Hausarzt in Hessen 800 bis 1000 Patienten im Quartal. Die Bewertungen bei Jameda sind also nicht aussagekräftig. Wenn ein Patient meint, er wäre krank, der Arzt ihn aber nicht krank schreibt, dann setzt er sich frustriert zuhause an den Computer und schreibt eine negative Bewertung. Menschen, die dankbar sind, sagen es dem Arzt persönlich. Bei Jameda habe ich schon eine Bewertung, die weit unter die Gürtellinie ging und unbegründet war, löschen lassen. Das war nicht einfach. Ich musste Jameda Argumente liefern. Das Portal hat den Patienten damit konfrontiert und er hat seine Bewertung zurückgezogen. Andernfalls hätte ich mich juristisch wehren müssen. Kurzum: Von Jameda halte ich nichts.“

Werner Hampe, Sprecher des Klinikums Hersfeld-Rotenburg: „Alles, was über uns auf Portalen wie Jameda geschrieben wird, nehmen wir ernst. Wir beantworten oder kommentieren Bewertungen im Internet aus Gründen der Schweigepflicht aber grundsätzlich nicht öffentlich. Meist erfolgen diese Bewertungen auch anonym.“ Die jeweiligen Einrichtungen des Klinikkonzerns sind auf www.jameda.de einzeln gelistet.

Dr. Martin G. Oechsner, Chefarzt am Kreiskrankenhaus Rotenburg, das bei Jameda zwei Bewertungen (Gesamtnote: 3,9) hat: „Bewertungsportale, die offensichtlich finanziert werden, sehen wir im Kreiskrankenhaus kritisch. Wenn sich Patienten im Internet informieren, sollten sie auf Objektivität achten, die man zum Beispiel an Zertifikaten erkennt. Feedback ist uns wichtig. Berechtigte Kritik kann sogar befruchtend sein und im besten Fall dafür sorgen, dass wir besser werden.“

Johannes H. Brönn.-Born

Dr. Johannes H. Brönneke-Born aus Bad Hersfeld: (Allgemeinmediziner, acht Bewertungen, Note: 1,0): „Ich stehe der Plattform neutral gegenüber. Mir sind die Bewertungen nicht wichtig, egal ob gut oder schlecht. Sie interessieren mich nicht und ich brauche diese Werbung für die Praxis auch nicht. Ein persönliches Feedback ist mir lieber.“

Dr. Mihail Roznovanu aus Heringen (Gynäkologe, fünf Bewertungen, Note: 2,4): „Ich möchte bei der Plattform bleiben, weil das Bewertungen von Patienten sind und ich ihre Meinung hören möchte. Die Daten kontrolliere ich aber auf Richtigkeit. Mit den Bewertungen bin ich generell einverstanden.“

Dr. Frank Klein aus Schenklengsfeld (Allgemeinmediziner, zwei Bewertungen, Gesamtnote: 1,0): „Die Bewertungen auf Jameda sind mir ehrlich gesagt egal. Meine Patienten stimmen mit den Füßen ab. Ich glaube, dass die Bewertung eines Internetportals für viele Patienten, die akut krank sind und beispielsweise eine Krankschreibung benötigen, keine große Rolle spielt“.

Ein weiterer Allgemeinmediziner aus Nordhessen, der anonym bleiben will (Gesamtnote: 4,9), sagt: „Ich halte Jameda für eine der schlimmsten Erfindungen überhaupt. Ärzte, die sich nicht zum Erfüllungsgehilfen ihrer Patienten machen, bekommen schlechte Bewertungen und können sich nicht dagegen wehren. Das ist geschäftsschädigend und sollte verboten werden.

Zu mir kommen vor allem ältere Leute. Die nutzen Jameda nicht. Internetaffin sind vor allem die unter 40. Die sind zwar immer mehr vernetzt heutzutage, meiner Ansicht nach werden sie aber auch dümmer. Zudem hat ihr Anspruchsdenken unerfüllbare Dimensionen erreicht. Manche Kollegen sagen Bekannten, sie sollten bei Jameda schreiben, dass er der beste Arzt der Welt sei. Das machen die dann auch. Viele positive Beurteilungen kann ich nicht nachvollziehen.“

Von Sebastian Schaffner und Patrizia Lerch 

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