Montagsinterview

Sabine Flegel (Heinrich-Auel-Schule) zur Pandemie: „Kinder sind gravierend betroffen“

Es „menschelt“ in der Heinrich-Auel-Schule: Leiterin Sabine Flegel schätzt das Miteinander an der Förderschule, das über Wissensvermittlung hinausgeht.
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Es „menschelt“ in der Heinrich-Auel-Schule: Leiterin Sabine Flegel schätzt das Miteinander an der Förderschule, das über Wissensvermittlung hinausgeht.

Die Rotenburger Heinrich-Auel-Schule feiert in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen ihres Gebäudes, das knapp 100 Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen beherbergt.

Rotenburg – Dort werden nicht nur Wissen und Fähigkeiten vermittelt, sondern auch die Entwicklung der Persönlichkeit berücksichtigt. Corona und die zeitweise Schulschließung haben sich gravierend ausgewirkt, weiß Schulleiterin Sabine Flegel.

Vor einem Jahr mussten die Schulen für fast vier Monate geschlossen werden. Kann Homeschooling in einer Förderschule funktionieren?

Es war schwierig. Die Kolleginnen und Kollegen haben Lernpakete geschnürt und die Umschläge mit Arbeitsblättern und manchmal auch kleinen Schnuckereien bei den Kindern zu Hause abgegeben. Anfangs war die Motivation der Kinder groß, sie haben fast alle Aufgaben gemacht. Aber je länger der Lockdown dauerte, desto schlechter wurde auch die Mitarbeit. Aufgaben wurden gar nicht oder nur noch teilweise gelöst.

Konnten die Eltern ihren Kindern helfen?

Unsere Lehrkräfte haben einmal wöchentlich mit ihnen telefoniert. Je länger die Schließung dauerte, desto schwieriger wurde die Situation. Gespräche bis zu einer Stunde waren keine Seltenheit. Die Kolleginnen und Kollegen sind zu Seelsorgern geworden. Es ist ja auch verständlich: So ein Tag ist lang. Und wenn man zu Hause bleiben und für die Schule arbeiten muss mit mehreren Kindern, ist das schwierig. Da entsteht Hilflosigkeit.

Wie haben Sie die Kinder denn zurückbekommen? Konnten Sie nahtlos an den üblichen Unterrichtsverlauf anknüpfen?

Die Kinder waren natürlich total froh, wieder hier sein zu dürfen. Die Förderschulen waren ja mit die ersten, die nach Ostern wieder öffnen durften. Sie haben ganz toll mitgezogen, als wir erneut die Hygieneregeln trainiert haben. Bis heute funktioniert das gut. Auch das mehrfache wöchentliche Testen unter Aufsicht und das Tragen der Masken akzeptieren sie und haben schon eine Routine entwickelt.

Das klingt prima für den Rahmen des Lernens. Aber wie lief es im Unterricht?

Das war eher schwierig. Man hatte manchen Kindern massive Defizite angemerkt: Sie waren „hibbelig“, also unruhig, blass, unkonzentriert. Dazu hatten manche massiv an Gewicht zugelegt. Wir haben einfach gemerkt, dass sie schlecht ernährt waren und sich nicht mehr draußen bewegt haben. Wir gehen davon aus, dass sie massiv am Computer oder auf dem Handy gespielt haben. Das übrigens auch nachts. Einige waren morgens immer todmüde.

Auch übliche Verhaltensregeln mussten viele komplett neu lernen: Zum Beispiel zuhören, wenn ein anderer spricht, am Platz sitzen bleiben, konzentriert eine Aufgabe abarbeiten. Grundsätzlich geholfen hat, dass es bei uns viel Klassenlehrerunterricht gibt. Das sorgt für ein besonderes Vertrauensverhältnis. Es menschelt bei uns.

Wie war der Leistungsstand der Kinder?

Die Schere zwischen den starken und den schwachen Schülern ist weiter auseinandergegangen. Wir fördern jedes Kind ab da, wo es steht. Unsere Schule ist perfekt dafür. Wir sind ein kleines System, das flexibel auf einzelne Kinder eingehen kann. Versetzung zum Beispiel ist kein Thema, das unsere Kinder unter Druck setzt. Wir arbeiten in Stufen. So hat zum Beispiel ein Kind der Grundstufe mehrere Jahre lang Zeit, sich den Stoff zu erarbeiten. Manche Kinder bekommen es schnell hin, andere brauchen länger und dürfen das auch. Und trotzdem haben auch im vergangenen Schuljahr alle zehn Jugendlichen im Abschlussjahrgang ihren Hauptschulabschluss in unserer Kooperationsklasse an der Jakob-Grimm-Schule geschafft. Zwei Schüler, die im vergangenen Jahr den qualifizierenden Hauptschulabschluss erlangt hatten, bekamen 2021 ihren Realschulabschluss.

Wie würde sich wohl ein weiteres Mal Homeschooling auswirken?

Dann fangen wir mit allem wieder von vorne an. Die Kinder ertragen das alles. Und wir sind auch ein bisschen cooler geworden. Die permanenten kurzfristigen Ansagen aus dem Kultusministerium an den Wochenenden haben uns ein bisschen Galgenhumor gelehrt. Nur Frust bringt uns nicht weiter. Und es gibt ja nicht nur das Thema Corona an unserer Schule. Jetzt freuen wir uns auf unseren Weihnachtsmarkt, den wir am kommenden Donnerstag ab 16 Uhr auf dem Schulhof feiern dürfen – sogar mit Besuchern. (Silke Schäfer-Marg)

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