Die Sängerin tritt am 5. Mai in Rotenburg auf

Interview mit Katja Ebstein: „Ungehorsam und Evergreens“

Eine Sängerin mit einem ganz eigenen Kopf: Katja Ebstein kommt am 5. Mai zu einem Konzert in den Durstewitz-Saal am HKZ in Rotenburg. 

Rotenburg. „Wunder gibt es immer wieder“ heißt ihr wohl größter Hit. Und fast ein Wunder – auf jeden Fall aber wunderbar – ist es, dass Katja Ebstein nach Rotenburg kommt. Am Samstag, 5. Mai, tritt sie ab 20 Uhr im Durstewitz-Saal des Herz- und Kreislaufzentrums auf.

Am Telefon sprach Kai A. Struthoff vorab mit Katja Ebstein über das Konzert und ihr vielfältiges politisches und soziales Engagement.

Frau Ebstein, wo erreichen wir Sie: In Berlin, auf Amrum oder auf Tournee?

Katja Ebstein:Momentan erwischen Sie mich in Bayern; grübelnd an einem Buchprojekt, sozusagen in Klausur, nur unterbrochen von ein paar Konzerten, wie am 5. Mai in Rotenburg. Inhaltlich geht es dabei um Menschen, denen ich durch meine Arbeit begegnet vin und die mich durch ihr Sosein in Leben und Werk entscheidend geprägt haben, zum Beispiel Willy Brandt oder der Dalai Lama, aber auch viele weitere Menschen.

Das Konzert in Rotenburg ist auch durch einen privaten Kontakt zustande gekommen?

Ebstein: Durch meinen Pianisten Stefan Kling, der in Rotenburg lebt, wurde dieses Konzert angeregt und logischerweise stehen wir dort gemeinsam auf der Bühne.

Stefan Kling ist der Lebenspartner der in Rotenburg sehr aktiven Kantorin Eva Gerlach ...

Ebstein: Stefan hatte die Idee und ich komme gern auch in kleinere Orte, wo man oft auf unglaublich aktive Kulturvereine trifft – so wie in Rotenburg. Sowas unterstütze ich, wo ich kann. Mit Gestern – Heute – Morgen werden mich die Menschen mehr musikalisch erleben, quer durch alle Musikstile bis hin zu den Hits, die alle kennen. Sonst sind wir ständig in politisch-kabarettistischen Theaterkonzerten unterwegs, wo es sich um Gott und die Welt dreht.

Sie waren ja immer mehr als nur Sängerin, sondern auch politisch aktiv, zum Beispiel in der 68er-Bewegung. Wie bewerten Sie 50 Jahre danach diese Zeit, die heute ja durchaus von einigen sehr kritisch gesehen wird?

Ebstein: Wer dabei war, so wie ich, sieht das auch kritisch – selbstkritisch. Natürlich nicht in der Art wie jene, die diese Zeit als unwesentlich abbügeln wollen. In diesem Jahr hat unglaublich viel Wichtiges stattgefunden, auch weltweit. Viele Neunmalkluge von heute waren nicht dabei oder noch nicht geboren. Wer diese Bewegung erlebt hat, weiß, genau, worum es ging: Zuallererst um die nicht stattgefundene Entnazifizierung. Da war schon viel Herzblut und konstruktiver Veränderungswille – und zwar durch alle Instanzen, gewaltfrei, wie Rudi Dutschke gesagt hat. Und wir haben was bewirken können hinsichtlich Aufklärung, Denkanstößen und Inspiration zur Veränderung.

Stichwort Herzblut: Sie haben sich früher für die SPD und später auch für Die Linke engagiert. Ich vermute, Ihr Herz schlägt immer noch links, oder fällt Ihnen das in diesen Tagen schwer?

Ebstein: Willy Brandt war mein politischer Lehrer mit seinen Ostverträgen. Ohne jene keine Versöhnung gen Osten und keine Wiedervereinigung. Wir alle haben eine große Verantwortung und müssten eigentlich an einem Strang ziehen, statt dieser ewigen Parteien-Rechthaberei. Die Parteiverantwortlichen sind in dieser Hinsicht rückständig und ermöglichen dadurch Gruppen wie der AfD hochzukommen. Die AfD besetzt einige Positionen, an denen man nicht vorbeikommt, abgesehen von der übrigen Rechtslastigkeit. Und besagte Positionen hätten die demokratischen Parteien ihrerseits im Wahlkampf besetzen müssen.

Der Grand Prix d’ Eurovision brachte Ihnen den großen Durchbruch. Würde es Sie reizen, heute beim Eurovision Song-Contest aufzutreten?

Ebstein: Nein, ich war dreimal dabei. Das ist ein gutes Sprungbrett für Newcomer, außerdem geht’s dort nur elektronisch zu. Einerseits sollte der Wettbewerb bleiben als gute weltweite Begegnung durch die Musik. Aber den Komponisten-Wettstreit spürt man kaum noch. Es fehlt Menschliches und handgemachte Musik.

Ich will nicht uncharmant sein, aber Sie sind in einem Alter, in dem andere den wohlverdienten Ruhestand genießen. Woher nehmen Sie die Kraft und Leidenschaft für Ihre vielfältige musikalische, literarische, aber auch soziale und politische Arbeit?

Ebstein: (berlinert): Dit weeß ick nich wirklich. Solange meine Arbeit Sinn macht und die Menschen mich verstehen, werde ich weitertun. Für dieses Privileg, mit meiner Meinung auf der Bühne stehen zu können, bin ich dankbar. Man kann nichts verändern, sondern nur zum Mitdenken inspirieren und zum fantasievollen, gewaltfreien zivilen Ungehorsam auffordern und Verantwortung für unsere demokratische freiheitliche Gesellschaft.

Da können wir uns ja für Ihren Auftritt in Rotenburg auf einiges gefasst machen?

Ebstein: Ich habe wie immer ein paar Gedichte im Programm. Und es gibt zwischen Gospel und Musical Angerocktes bis hin zu Evergreens wie „Theater“ oder „Wunder“. Lassen Sie sich einfach überraschen.

Veranstalter des Konzerts ist der Verein „Gemeinsam in Rotenburg“. Einlass ist ab 19 Uhr. Karten im Vorverkauf in der Tourist-Info, Marktplatz Rotenburg, und in der Buchgalerie Berge zum Preis von 20 Euro. An der Abendkasse kosten die Karten 25 Euro.

Zur Person: Katja Ebstein

Katja Ebstein wurde am 9. März 1945 in Niederschlesien geboren. Sie wuchs in der Ebsteinstraße in Berlin-Reinickendorf auf, von der auch ihr Künstlername stammt. Weithin bekannt wurde sie durch den 3. Platz beim Eurovisionsfestival in Amsterdam 1970 mit dem Lied „Wunder gibt es immer wieder“. Sie trat aber auch als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Theaterbühne in Erscheinung. Eckpfeiler ihrer Arbeit sind Konzert, Schauspiel, Musical, Kabarett, Chanson und Rezitation. Außerdem war Katja Ebstein in der Studentenbewegung aktiv und unterstützte Will Brandt 1972 im Wahlkampf. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung und bei Attac und unterstützt die Welthungerhilfe und andere Entwicklungshilfsorganisationen. Zudem ermöglichst sie sozialschwachen Familien Ferienaufenthalte auf der Insel Amrum. (kai)

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