Interview zum "Tag des Handwerksmeisters"

Kreishandwerksmeister Marco Diegel: „Werken sollte wieder auf den Stundenplan“

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Wünscht sich mehr Nachwuchs für das Handwerk: Kreishandwerksmeister Marco Diegel, hier bei einer Fehlerdiagnose an einem Auto im Berufsbildungszentrum Bad Hersfeld. 

Fachkräftemangel, fehlende Lehrlinge, die umstrittene Bonpflicht und die Bedeutung der Kreishandwerkerschaft waren Themen im Interview mit Kreishandwerksmeister Marco Diegel.

Die Kreishandwerkerschaft veranstaltet heute Abend zum ersten Mal einen „Tag des Handwerksmeisters“, bei dem junge Meister ihre Urkunden erhalten und Altmeister geehrt werden. Wir haben im Vorfeld mit Kreishandwerksmeister Marco Diegel über den branchenübergreifenden Fachkräftemangel, fehlende Lehrlinge, die umstrittene Bonpflicht und die Bedeutung der Kreishandwerkerschaft gesprochen.

Herr Diegel, die Betriebe im Bezirk der Handwerkskammer Kassel haben im vergangenen Jahr 9,6 Milliarden Euro umgesetzt, also 460 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Die Stimmung im heimischen Handwerk dürfte also prächtig sein, oder?

Ja, die Stimmung ist gut, keine Frage. Die Betriebe, die es noch gibt in der Region, haben volle Auftragsbücher. Vor allem die boomende Logistikbranche und der Neubau der A 44 sorgen für einen Schub.

Eines der Mega-Themen bleibt aber der Fachkräftemangel. Wie wirkt er sich auf das heimische Handwerk aus?

Der Fachkräftemangel ist in der Tat ein Riesenproblem. Wir sehen es ja schon an den Ausbildungszahlen. In Hersfeld-Rotenburg gibt es im Handwerk noch zahlreiche unbesetzte Lehrstellen. Auf 180 angebotene Ausbildungsplätze kommen nur 100 Bewerber. Früher war das genau umgekehrt.

Welche Gewerke sind besonders betroffen?

Besonders betroffen sind die Lebensmittelbereiche wie Bäcker und Metzger, sowohl im Verkauf als auch im Handwerk selbst. Grundsätzlich suchen aber alle. Die Frage ist, finden sie das qualitativ hochwertige Personal, das sie brauchen? Und da scheiden sich die Geister.

Wie lässt sich das Problem in den Griff bekommen?

Ich würde mir wünschen, dass in Schulen wieder das handwerkliche Werken auf den Stundenplan kommt. Nur so können die Kinder ein Gefühl für das Handwerk entwickeln. Gerade im ländlichen Raum müssen wir aber davon ausgehen, dass der Bedarf an Lehrlingen und ausgebildeten Fachkräften noch größer wird, dass Stellen unbesetzt bleiben, dass Familienunternehmen keine Nachfolger finden. 

Ich kann deshalb nur an die jungen Menschen appellieren, ins Handwerk zu gehen. Alle, die heute eine Lehre machen, haben ihren Arbeitsplatz über Jahre gesichert. Wenn sie dann noch ihren Meister machen, stehen ihnen Tür und Tor offen - und zwar weltweit. Und eines darf man auch nicht vergessen: Im Handwerk kann man inzwischen richtig gut Geld verdienen.

Wie sieht’s in den Berufsschulen aus?

15 Schüler pro Beruf pro Lehrjahr in einer Schule – so sind die Vorgaben, sonst bekommt man den Lehrer nicht bezahlt. Das einzuhalten, wird immer schwieriger. Schon jetzt ist es so, dass alle Bäcker aus dem Landkreis nach Fulda fahren müssen. Die Metzger kommen dafür alle zu uns. Das klappt auch ganz gut. Wir müssen aber alles daran setzen, die Berufsschulstandorte, die wir haben – Bad Hersfeld und Bebra – , zu halten. Das ist auch die große Aufgabe unserer Politiker, sich dafür einzusetzen. Sonst sägen wir uns den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Im März tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, das qualifizierten Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Staaten den Weg nach Deutschland erleichtern soll. Was erhoffen Sie sich davon hier im Landkreis?

Wenn Menschen aus der ganzen Welt nach Deutschland kommen dürfen, muss erst einmal geprüft werden, für welche Tätigkeiten sie geeignet sind. Einen Kfz-Mechaniker aus Afrika kann ich nicht einfach so an ein hochmodernes Euro-6-Fahrzeug lassen. Ohnehin wäre es wünschenswert, wenn andere Länder ähnliche Standards hätten wie wir. Dann ließen sich die Voraussetzungen viel besser vergleichen. Aber die Idee des Gesetzes ist gut, wir brauchen ja die Fachkräfte. 

Wir müssen aber auch realistisch bleiben: Wenn Fachkräfte aus Indien oder Südamerika nach Deutschland kommen, gehen sie in Ballungsräume und nicht nach Bad Hersfeld.

Welche Erfahrungen machen die heimischen Betriebe mit Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind?

Das sind überwiegend positive Erfahrungen. Gäbe es keine Zugereisten, hätten wir vor allem auf dem Bau große Probleme. Deshalb werden sie bewusst im Rahmen der Integration rekrutiert und an Baufirmen vermittelt, nachdem sie beispielsweise im Bildungszentrum Bau Osthessen in Bebra auf die Berufe vorbereitet worden sind. Ich habe im vergangenen Jahr auch schon die ersten Geflüchteten als Facharbeiter freigesprochen, die weiterhin in der Region arbeiten. Das läuft ganz gut.

Nachdem vor 16 Jahren in 53 Handwerksberufen die Meisterpflicht aufgehoben wurde, hat die Politik zu Beginn dieses Jahres die Pflicht in zwölf Gewerken wieder eingeführt. Wie groß ist die Enttäuschung in den Gewerken, die nicht dazugehören?

Sie hält sich in Grenzen. Für uns in der Region war es wichtig, dass die Fliesenleger bei der Meisterpflicht wieder dabei sind und die historischen Berufe wie Stuckateur und Orgelbauer berücksichtigt wurden. Sicherlich ist der eine oder andere Bestatter ein bisschen enttäuscht, nicht wieder dazuzugehören. Aber die Rückvermeisterung gilt erst einmal nur für fünf Jahre. Dann kommt wieder alles auf den Prüfstand.

Ebenfalls seit Januar gilt die viel diskutierte Bonpflicht ...

Die Begeisterung hält sich natürlich weiterhin in Grenzen. Der Aufschrei war da, und ich kann ihn nachvollziehen. Aber sind wir doch mal ehrlich: Es kommt äußerst selten vor, dass neue Gesetze zurückgenommen werden. Insofern müssen wir jetzt wohl alle damit leben.

Die Zahl der Mitgliedsbetriebe der Kreishandwerkerschaft nimmt kontinuierlich ab. Derzeit sind nur noch rund 350 der 1100 Handwerksbetriebe im Landkreis unter ihrem Dach organisiert. Ist die Kreishandwerkerschaft ein Auslaufmodell?

Nein, im Gegenteil. Es stimmt zwar, dass die Zahl der Mitgliedsbetriebe leicht rückläufig ist. Allerdings haben jetzt auch viele Betriebe mehr Mitarbeiter als früher. Als Vertreter des Handwerks vor Ort wird die Kreishandwerkerschaft sogar immer wichtiger für die Betriebe. Wir sind Ansprechpartner bei technischen Fragen, beim Umweltrecht, beim Datenschutz. Wer bei dem Verwaltungswust heutzutage den Überblick behalten will, braucht uns.

Zur Person:

Marco Diegel (45) ist seit zwei Jahren Kreishandwerksmeister, zudem ist er stellvertretender Obermeister der Innung der Metallhandwerke. Er ist gelernter Kfz-Mechaniker und absolvierte 1996 erfolgreich die Meisterprüfung. Außerdem hat er eine Weiterbildung zum internationalen Schweißfachmann (IWS). Er ist Betriebsleiter der Firma Fehr Umwelt Hessen in Bad Hersfeld und Weidenhausen (Werra-Meißner-Kreis). Zudem ist er Inhaber der Firma Marco Diegel Fahrzeugbau. In seiner Freizeit spielt er Blasmusik in verschiedenen Vereinen, unter anderem in Bebra. Marco Diegel ist verheiratet und hat zwei Töchter. (ses)

Quelle: HNA

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