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Intensivkrankenschwester ruft zu Gegendemo in Rotenburg auf - Reaktion auf „Spaziergänge“

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Von: Christopher Ziermann

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Impfen statt schimpfen: Unter diesem Motto soll heute in Rotenburg demonstriert werden – als Reaktion auf die bekannten „Spaziergänge“ von Gegnern der Corona-Maßnahmen, die montags unter anderem durch den Steinweg führen. Organisatorin der heutigen Versammlung ist die Intensivkrankenschwester Elizabeth Farkas.
Impfen statt schimpfen: Unter diesem Motto soll heute in Rotenburg demonstriert werden – als Reaktion auf die bekannten „Spaziergänge“ von Gegnern der Corona-Maßnahmen, die montags unter anderem durch den Steinweg führen. Organisatorin der heutigen Versammlung ist die Intensivkrankenschwester Elizabeth Farkas. © Christopher Ziermann

Als Reaktion auf die bekannten „Spaziergänge“ organisiert Intensivkrankenschwester Elizabeth Farkas in Rotenburg eine Gegendemo am Montag, 24. Januar.

Rotenburg – Montag für Montag ziehen derzeit Kritiker der Corona-Maßnahmen im Rahmen sogenannter „Spaziergänge“ durch Innenstädte in ganz Deutschland. Angemeldet sind diese Demonstrationen meist nicht, Maskenpflicht und Mindestabstände werden häufig ignoriert – auch in Rotenburg.

Als Reaktion darauf hat die Intensivkrankenschwester Elizabeth Farkas aus Braach für den heutigen Montagabend (24.01.2022) eine Demo unter dem Motto „Impfen statt schimpfen“ in Rotenburg angemeldet. Beginn ist um 17.45 Uhr auf dem Marktplatz. Es wird mit bis zu 250 Teilnehmern gerechnet.

In Rotenburg besteht seit dieser Woche auf dem Marktplatz, in der Breitenstraße, Brückengasse und im Steinweg Maskenpflicht. Während der Demonstration soll laut Organisatorin Elizabeth Farkas aber ohnehin strikt auf Maskenpflicht und Abstände geachtet werden. Wir haben mit ihr über ihre Beweggründe und Ziele gesprochen.

Sie rufen die Rotenburger dazu auf, am Montagabend auf die Straße zu gehen – zu genau der Zeit und an genau dem Ort, wo regelmäßig Kritiker der Corona-Maßnahmen demonstrieren. Was wollen Sie erreichen?

Mein Hauptanliegen ist, dass das Schweigen eines Großteils der Bevölkerung, während ein kleiner Teil montagabends demonstriert, nicht als stille Zustimmung gewertet wird. Mit diesem Anliegen bin ich nicht allein. Unglaublich viele Menschen haben mir ihre Unterstützung angeboten, zum Beispiel bei Technik und Werbung.

Sie werden auf Facebook für Ihren Aufruf auch von Menschen kritisiert, die eigentlich ebenso wie Sie die Montagsspaziergänge ablehnen. Ist eine Versammlung vieler Menschen angesichts der hohen Infektionszahlen nicht unvernünftig?

Ich kann die Kritik nachvollziehen. Aber: Ich möchte aufzeigen, dass man auch derzeit im Rahmen der geltenden Gesetze für seine Ideale einstehen und seine Meinung kundtun kann. Mir wurde in Facebook-Diskussionen gesagt, eine offiziell angemeldete Versammlung wäre sehr aufwendig. Aber wenn ich für etwas einstehen will, nehme ich den Aufwand auf mich und mache alles rechtskonform. Ich finde es paradox, dass die Menschen montags für ihre Grundrechte auf die Straße gehen, sich dabei aber nicht an Recht und Gesetz halten.

Wie groß ist denn Ihr Aufwand bei dieser Demo?

Viel geringer, als ich erwartet hatte. Ich muss bei der Anmeldung meinen Namen angeben, die Uhrzeit und den Ort. Außerdem ist pro 25 Teilnehmer ein Ordner vorgeschrieben. Mehr rechtliche Vorgaben gibt es nicht. Ein Hygienekonzept zum Beispiel wird gar nicht verlangt. Die bürokratischen Hürden sind sehr niedrig. Natürlich müssen die Ordner dann am Montag darauf achten, dass Mindestabstand und Maskenpflicht auch eingehalten werden. Darauf lege ich großen Wert.

Und wie kann eine Privatperson wie Sie eben mal Ordner für so einen Anlass rekrutieren?

Ich muss genügend Warnwesten besorgen. Die müssen die Ordner dann anziehen und, wie gesagt, auf die Einhaltung der Abstandsregeln achten. Die Ordner brauchen keine bestimmte Qualifikation und müssen auch nirgendwo ihren Namen angeben. Ich hätte mir das auch nicht so einfach vorgestellt. Eine E-Mail an das Ordnungsamt hat eigentlich schon genügt.

Sie haben die Versammlung allein angemeldet. Das ist viel Verantwortung. Auf Facebook wird spekuliert, ob am Montag alles friedlich bleibt. Und ob sich die Menschen, die wie Sie für die Einhaltung der Corona-Regeln eintreten, dann während der Demo selbst daran halten.

Ich kann nicht garantieren, dass das alle tun werden. Mit Risiken muss ich leben, wenn ich für etwas einstehe. Dass alles friedlich bleibt, ist mir selbstverständlich immens wichtig. Es soll keine Provokationen oder Wortgefechte geben. Dazu rufe ich die Teilnehmer auch ausdrücklich auf. Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Ich weiß auch, dass ein Teil der Montagsspaziergänger radikal ist.

Das klingt so, als würden Sie doch mit Konfrontationen rechnen.

Nein, aber ich habe mich darauf eingestellt. Ich glaube nicht, dass Diskussionen am Montag zielführend wären. Dafür sind die Meinungen zu verhärtet. Ich will auch niemandem meine Meinung aufzwingen. Es ist gerade der Sinn von Demokratie, dass jeder seine Meinung haben und auch äußern darf. Schlimm finde ich, dass bei den Spaziergängen rechte Kräfte versuchen, normale Bürger auf der Basis ihrer berechtigten Ängste und Sorgen auf die falsche Fährte zu ziehen.

Was würden Sie sich wünschen, wenn es Gegendemonstranten gibt?

Dass sie sich anhören, was ich und die anderen Redner sagen. Wenn es am Ende nur ein oder zwei Leute sind, die man zum Nachdenken anregt – dann hat es sich gelohnt. Und vielleicht entdeckt man ja mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt.

Gibt es Kritikpunkte der Montagsspaziergänger, die Sie nachvollziehen können?

Natürlich. Ich bin zum Beispiel sehr unglücklich damit, wie seitens der Politik mit den Kindern umgegangen wird. Schulen und Kitas wurden stiefmütterlich behandelt, während in Ministerien Luftfilter installiert wurden. In gewisser Form wird eine Durchseuchung in Schulen und Kitas angestrebt. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass nicht nur wir Bürger, sondern auch Politiker und Wissenschaftler in diesem Leben noch nie mit einer Pandemie konfrontiert waren. Da dauert es eine Zeit, bis ein Weg gefunden wird.

Aber?

Trotzdem werden zu viele Entscheidungen getroffen, bei denen es nicht zuerst um Gesundheit und das Wohl der Bürger geht. Zum Beispiel wenn Geschäfte geöffnet bleiben, obwohl es angesichts der Infektionszahlen zu gefährlich ist. Mein Eindruck ist, dass Wirtschaft oft vor Gesundheit geht. Das sieht man ja daran, dass ohnehin schon reiche Menschen profitieren.

Das klingt sogar nach sehr viel Verständnis für die Anliegen der Kritiker.

Ja, ich habe auch bei den Spaziergängen schon mit einigen das Gespräch gesucht und es ist offenkundig, dass wir viele Punkte ähnlich sehen. Dass zum Beispiel eine Zeit lang Sterbende im Krankenhaus nicht besucht werden konnten, das war auch für mich als Intensivschwester eine furchtbare, enorme psychische Belastung. Du weißt, du bist die letzte Person, die dieser Mensch in seinem Leben sieht. Du bist komplett in Schutzkleidung eingehüllt, der Patient kann dein Lächeln nicht mal sehen. In der Regel betreut man Patienten auf der Intensivstation wochenlang, mit viel Empathie, und freut sich gemeinsam über Erfolgserlebnisse. Natürlich verliert man den Kampf auch mal.

Und wie ist es während der Pandemie?

Wir verlieren den Kampf viel zu oft. Das belastet mich selbst extrem. Wenn jemand weiß, dass ein geliebter Mensch wochenlang um sein Leben kämpft und man sich nicht mal verabschieden kann – dann kann ich nachvollziehen, dass man Vertrauen in den Staat verliert. Auch die viel zu oft völlig undurchsichtigen Regeln, die sich auf unseren Alltag auswirken – da wünsche ich mir mehr Klarheit vom Staat.

Trotzdem muss man sich ja weiter an Recht und Gesetz halten. Oder haben Sie sogar auch hierbei Verständnis für die „Spaziergänger“, die das nicht tun? Sie sagen ja selbst, dass der Staat teilweise große Fehler macht.

Jeder macht Fehler. Da sollten wir uns alle zuerst an die eigene Nase fassen. Der Staat sollte öfter dazu stehen, wenn er Fehler gemacht hat. Das macht es menschlicher und nachvollziehbarer. Aber Regierung und Behörden haben derzeit viel zu tun, vorsichtig ausgedrückt. Wenn sie sich dann noch mit einer kleinen Gruppe auseinandersetzen müssen, die einfach alles ablehnt, raubt das Energie, die man in sinnvolle Lösungen für die Pandemiebekämpfung stecken könnte. Auch aus der Bevölkerung heraus können konstruktive Vorschläge kommen, zum Beispiel in Richtung unserer Kommunalpolitiker. Nur schimpfen hilft jedenfalls nicht.

Zur Person:

Elizabeth Farkas (29) kommt aus Rotenburg und zog als Jugendliche mit ihrer Familie nach Braach, wo sie heute noch lebt. 2008 machte sie an der Jakob-Grimm-Schule den Realschulabschluss und anschließend Fachabitur im sozialen Bereich an der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen. Nach einigen Jahren in Gießen kehrte sie vor vier Jahren in die Heimat zurück und machte eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin bei einer Klinik in der Region. Sie arbeitet, ebenso wie ihre Mutter, als Intensivschwester. Die 29-Jährige ist ledig und hat einen jüngeren Bruder. Ihre Freizeit verbringt die Rotenburgerin oft im Garten und mit Tieren. Familie Farkas engagiert sich im Auslandstierschutz. 

(Christopher Ziermann)

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