Porträt

Integration: Nidal Younes und Marija Balic wollen Brücken statt Hürden bauen

Arbeiten in Rotenburgs nach der Kommunalwahl gegründeten Integrationskommission mit: Nidal Younes und Marija Balic wollen dabei helfen, Brücken zu bauen. Unser Foto zeigt sie am Fuldawehr.
+
Arbeiten in Rotenburgs nach der Kommunalwahl gegründeten Integrationskommission mit: Nidal Younes und Marija Balic wollen dabei helfen, Brücken zu bauen.

In vielen Kommunen in Hersfeld-Rotenburg sind Intergrationskommissionen gegründet worden. Stellvertretend für die vielen Engagierten stellen wir zwei Rotenburger Ehrenamtler vor.

Rotenburg – „Wir sind hier hergekommen für ein besseres Leben. Wer deswegen nach Deutschland kommt, will die Kultur auch kennenlernen und sich gut integrieren.“ Das sagt Marija Balic und findet damit volle Zustimmung bei Nidal Younes. Beide leben seit rund sechs Jahren in Rotenburg. Sie sind sich aber auch einig darin, dass es für die Integration Hürden gibt, die abgebaut werden müssen. Deswegen engagieren sie sich in der neuen Integrationskommission, die nach der Kommunalwahl in der Fuldastadt gegründet worden ist.

Marija Balic ist die Frau von Tomislav Balic – ein Name, der allen heimischen Handballfans bekannt ist. Er und sein Bruder Boze gehen für die TG Rotenburg in der Landesliga auf Torejagd. „Mein Mann ist das perfekte Beispiel dafür, wie man sich über den Sport in eine Gesellschaft integrieren kann. Er konnte kein Wort Deutsch, aber er hat gezeigt, was er kann“, sagt Marija Balic. Aus dem Umfeld des Vereins hat das Ehepaar insbesondere in der Anfangszeit in Rotenburg tatkräftige Unterstützung bekommen. Vor allem von Harald Grau, bei dem sie anfangs wohnten.

„Diese Hilfe und diese Ansprechpartner haben viele andere nicht. Da möchte ich helfen“, sagt die Frau, die gebürtig aus Bosnien und Herzegowina kommt, deren Heimat bis 2015 aber Kroatien war (siehe Artikel unten). Ihr größtes Anliegen ist die Sprache. „Das ist das Wichtigste. Ohne Sprache funktioniert Integration nicht. Viele sind schon lange hier, verstehen aber beim Elternabend kein Wort“, sagt die Rotenburgerin. Schon oft hat sie in der Kita für andere Eltern und Erzieherinnen übersetzt. Auch Besuche beim Kinderarzt oder wichtige Briefe seien so große Hürden. Die Kroatin und der Syrer Nidal Younes sprechen mittlerweile gut Deutsch.

Teil der Kultur werden und nicht am Rand bleiben

Beide berichten aber auch, dass sie schon in Sprachkursen waren, die sie sehr enttäuscht hätten. „Da erwartet man eigentlich kompetente Leute. Aber gute Lehrer sind teuer“, sagt der 46-Jährige.

Außerdem müsse man für Kurse häufig nach Bebra oder Bad Hersfeld fahren – eine weitere Hürde, wenn man kein Auto hat. Balic und Younes sind sich einig darin, dass es auch in Rotenburg großen Bedarf gibt. Viele Kinder mit Migrationshintergrund kämen nur deshalb vor der ersten Klasse in die Vorschule, weil sie die Sprache noch nicht gut genug beherrschen, meint Marija Balic. Das Duo lebt gerne in Deutschland.

„Die deutsche Sprache erweitert meinen Horizont. Die deutsche Kultur ist eine wunderbare Kultur. Unter Integration verstehe ich, dass man Teil dieser Kultur wird und nicht am Rand bleibt. Das ist eine Aufgabe von beiden Seiten“, sagt Nidal Younes. Er sieht sich nicht nur als Interessenvertreter für Ausländer, sondern für alle Bürger Rotenburgs. Auch die Einheimischen könnten von der Vielfalt ihrer neuen Mitbürger profitieren. „Wir Ausländer sind wie das Gewürz auf dem Gericht.“ Marija Balic erzählt, dass in ihrer Heimat über die Deutschen das Bild vorherrsche, dass sie eher kalt und unfreundlich seien. „Das hat sich für mich überhaupt nicht bestätigt“, sagt sie. Nidal Younes hat allerdings auch schon negative Erfahrungen gemacht. Er kam 2015 als Sozialbetreuer nach Rotenburg und arbeitete in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung. Oft wurde er dann selbst für einen Flüchtling gehalten. „Ich erlebe auch in Rotenburg, dass manche Menschen mit mir einfach nichts zu tun haben wollen. Leider ist das so. Aber die meisten sind tolerant“, sagt er.

Oft ist derzeit die Rede davon, dass die Kinder die großen Verlierer der Pandemie sind. Doch auch Personen mit Migrationshintergrund, die sich eigentlich gerne integrieren möchten, treffen die Einschränkungen hart. Wenn man die Sprache nicht perfekt beherrscht, helfen Gestik und Mimik bei der Verständigung enorm, erklärt Younes. Das funktioniere nur mit persönlichem Kontakt richtig gut. In den Jahren, als in der Alheimerkaserne Flüchtlinge lebten, seien viele Angebote wie das Café International aufgebaut worden. Die Corona-Auflagen hätten dann aber viel verhindert.

Marija Balic und Nidal Younes haben für ihr neues Ehrenamt nun erst mal vor allem ein Ziel: „Wir wollen herausfinden, was die Leute brauchen und möchten.“ Dafür soll ein Fragebogen für Personen mit Migrationshintergrund erstellt werden. Die Arbeit der Kommission beginnt gerade erst.

Neue Heimat Rotenburg: Wie Kriege ihr Leben veränderten

Nidal Younes ist eigentlich Jurist und hat als junger Mann in Syrien schon als Rechtsanwalt gearbeitet. Nach Deutschland kam er 2008 eigentlich nur, um an der Universität in Jena eine Dissertation zu schreiben. „Danach wollte ich zurück in mein Heimatland. Der Krieg ab 2011 hat meinen Plan aber radikal verändert.“

Schon bald musste er sich neben der Uni viel mehr aufs Arbeiten konzentrieren, weil über die Stipendien aus dem Bürgerkriegsland kein Geld mehr ausgezahlt wurde. So dauerte seine Dissertation wesentlich länger als geplant. 2014 schloss er sie trotzdem noch erfolgreich ab. Younes kommt aus Homs. Die Großstadt ist regelmäßig in den Nachrichten zu sehen, weil sie vom Krieg besonders stark betroffen ist. Im Krieg gehen die Leute nicht zum Anwalt, erklärt der Jurist. Der Rechtsstaat funktioniere nicht mehr. Eine Rückkehr war also keine Option.

So stand der Rechtsanwalt nach der Dissertation zunächst ohne feste Stelle da. Die fand er dann 2015 in Rotenburg. Allerdings nicht als Rechtsanwalt, denn als solcher darf er in Deutschland ohne das Staatsexamen nicht arbeiten. Er wurde Sozialbetreuer in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Alheimer-kaserne, bis der Standort im vergangenen Jahr aufgelöst wurde. Nun ist Younes als Migrationsberater beim Schwalm-Eder-Kreis in Homberg angestellt. „Dort habe ich jetzt viele Kontakte geknüpft. In Rotenburg fehlt mir ein solches Netzwerk ein wenig. Auch deswegen habe ich mich für die Kommission beworben“, sagt Younes.

Wenn in seiner Heimat allerdings irgendwann doch wieder echter Frieden einkehrt, möchte er auch zurückkehren, sagt er.

Marija Balic kam 1985 in Bosnien und Herzegowina zur Welt. Schon vor ihrer Einschulung floh ihre Familie wegen des Bosnienkriegs nach Kroatien, wo sie bis 2015 in Zagreb lebte. Die junge Frau hat Chemie studiert und in Kroatien als Umweltingenieurin gearbeitet. Zu Deutschland hatte sie immer schon eine Verbindung. Ihr Vater arbeitete 20 Jahre lang hier. „In meiner Kindheit habe ich ihn nicht oft gesehen“, erinnert sich die 36-Jährige. Ihr Bruder Vladimir Maljkovic dürfte ganz eingefleischten Fans von Eintracht Frankfurt ein Begriff sein: Er spielte dort ab 1999 vier Jahre für die Amateure und kam auch dreimal in er Bundesliga zum Einsatz.

2015 war es schließlich auch der Sport, der Marija Balic und ihrem Mann Tomislav den Weg nach Deutschland ebnete. Dessen Bruder Boze hatte ab 2013 bei der TG Rotenburg eine neue Heimat gefunden. Er überzeugte Tomislav, der unter anderem in Slowenien und Kroatien Erstliga-Handball gespielt hatte, von Rotenburg. „Ich habe gesagt: Alles klar, wir machen das. Wir haben nichts zu verlieren“, sagt Marija Balic.

Im Gegenteil. Familie Balic hat eine neue Heimat gewonnen. Der sechs Jahre alte Sohn ist gerade in die Schule gekommen. Nun hofft seine Mutter, wieder eine Stelle zu finden, wo sie ihr Studium auch anwenden kann. Bislang hat sie in Deutschland nur in Minijobs und Teilzeit gearbeitet. (Christopher Ziermann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare