Platz für Büros und Ausstellungsräume

Inselgebäude am Bahnhof Bebra soll wieder Schmuckstück werden

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Der Cafésaal seit 1937: Umgestaltet nach dem Zeitgeschmack mit einer Bauernmalerei der vier Jahreszeiten, ein ländliches Volksidyll mit Schwälmer Tracht, gemalt von der Firma Hembus/ Cronberg.

Bebra. Das historische Inselgebäude am Bahnhof Bebra wird mit Millionenaufwand wieder hergerichtet. Bis Ende 2019 soll die Sanierung abgeschlossen sein.

Ganze 124 Meter lang und 13 Meter breit ist das Empfangsgebäude in Insellage auf dem Bebraer Bahnhof, gelegen zwischen Gleis drei und acht. Es gehört zu den Bauwerken, denen jetzt neues Leben eingehaucht wird. Der alte Eisenbahnknotenpunkt Bebra knüpft nach dem Bedeutungsverlust in Folge der Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989 an seine Bahngeschichte an und saniert die historischen Bahngebäude.

Imposant in seiner Länge präsentiert sich das Inselgebäude, das aus dem dreistöckigen Mittelgebäude, aus Nord- und Südkopf sowie den sie verbindenden Zwischenbauten besteht. In diesen Zwischenbauten befanden sich einst die Warteräume, die heute am meisten interessieren. Über zwei Stockwerke hoch waren die Wartesäle einmal. So gab es in der Kaiserzeit für die Reisenden der ersten und zweiten Klasse im nördlichen Zwischengebäude einen Speisesaal und einen Cafésaal – mit Sonderraum für die Damen, Wickelmöglichkeit und Toiletten, die vom Wasserturm in Bebra gespeist wurden. Der komplett mit dunklem Holz getäfelte Salon – bis heute erhalten – wurde später als Logenzimmer genutzt, dann von den Kadetten der Nationalsozialisten.

Es gab zu wilhelminischer Zeit aber auch ein Zimmer für die Herren. Hier konnten sie sich vom Friseur den preußischen Schnurrbart richten lassen. An den Speisesaal schloss sich die Küche an, so erklären Hans Möller, ehemals bei der Bahn beschäftigt, und Patrick Schuster vom Bauamt bei einer Besichtigung. Die Wartesäle sind mit einer prunkvollen Kassettendecke ausgestattet, die künftig wieder zur Geltung kommen soll. Die Räume verfügten damals schon über eine Dampfheizung.

Die Holztäfelung ist noch in einem guten Zustand: Das Foto zeigt den Sonderraum für die Damen der 1. und 2. Klasse mit Toiletten und Wickelmöglichkeit.

In den 30er-Jahren wurden die ehemaligen Wartesäle umgestaltet: Seit 1937 zeigte die Wand über dem Buffet ein Bauernidyll mit den vier Jahreszeiten, gemalt von der Firma Hembus/Cronberg. Es zeigte den Bauern samt Sense, Bäuerin mit Kartoffelsack und winters am Spinnrad beziehungsweise mit Ziehharmonika – in Schwälmer Tracht. Später wurde die Decke abgehängt, um Heizenergie zu sparen. Der Cafésaal wurde zum „Sternensaal“ – benannt nach der Beleuchtung in der Decke, wie Hans Möller erklärt. Am 19. März 1970 hatte sich Bundeskanzler Willy Brandt auf seiner Fahrt nach Erfurt während eines Lokwechsels hier den Fragen von Journalisten gestellt.

Im südlichen Zwischenbau schlossen sich an das Mittelgebäude die Warteräume für die 3. und 4. Klasse an, wo die Menschen mit Kind und Kegel, Äpfelkörben und Hühnern im Gepäck bis zur Abfahrt ihres Anschlusszuges verbrachten. Ein Torbogen-Durchgang trennte den Bereich des reisenden Volkes vom „Fürstenzimmer“ (42 Quadratmeter). Hier soll 1859 Otto von Bismarck verweilt haben.

Das Inselgebäude ist ein denkmalgeschützter Bau, der das Stadtbild und den Bahnhof Bebra prägt. Bei der Sanierung, die schon Ende 2019 abgeschlossen sein muss, will man sich am wilhelminischen Stil orientieren, die alten Decken in Holz beziehungsweise Stuck und die historische Fassade wiederherstellen – ohne Klinkersteine. Sie hat beim Abbau der alten Schutzdächer während der Bahnhofsmodernisierung schwer gelitten und soll einen neuen Putz nach historischem Vorbild bekommen. Die zugemauerten Rundbogenfenster im früheren Speisesaal 1./2. Klasse sollen geöffnet werden.

Die Gesamtkosten liegen bei 5,7 Millionen Euro, der Anteil der Stadt beträgt 1,9 Millionen Euro.

So soll es werden:

Nordkopf: Öffentlicher Wartebereich für Reisende und Toiletten, Räume und Lager für Cantus Zugreinigung. Im Obergeschoss Büroräume für Cantus, 250 Quadratmeter.

Nördlicher Zwischenbau: Im nördlichen Zwischenbau kommen in den Wartesälen die Zwischendecken wieder raus, sodass die ursprünglichen sieben Meter Raumhöhe erreicht werden. Hier sind eine Ausstellung zur Geschichte des Grenzbahnhofs, Dauer- und Wechselausstellung geplant.

Mittelbau: Er wird zentraler Eingang zum Büro der Touristen-Info und zu den Zwischenbauten. In der zweiten Etage, wo in hohen Räumen mit Stuckdecke einst der Bahnhofswirt wohnte, entstehen weitere Büroflächen für die Touristen-Info (130 Quadratmeter), in der dritten Etage Archiv- und Betriebsräume. Ein Aufzug ist geplant.

Südlicher Zwischenbau: Im Erdgeschoss – ehemaliger Wartebereich der 3. und 4. Klasse – entsteht eine weitere Ausstellungsfläche mit Galerie. Diese ergibt sich durch teilweisen Rückbau einer nachträglich eingezogenen Betondecke. Das ehemalige Fürstenzimmer mit Stuckdecke soll als repräsentativer Besprechungsraum oder auch vom Standesamt genutzt werden. In der Etage darüber ist ein Gründerzentrum geplant. Büros können angemietet werden (200 Quadratmeter).

Südkopf: Büros mit insgesamt 400 Quadratmetern. Gedacht ist auch an eine Ferienwohnung für Bahntouristen dort, wo früher die Fernmeldevermittlung und der Dienstvorsteher des Bahnhofs saßen.

Fachliche Beratung: Stadtarchivar Peter Kehm.

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