Kindertagesstätte Lispenhausen

Inklusion: Guter Geist im Hintergrund

Sie helfen beim Abtrocknen: Mädchen aus der Kindertagesstätte in Lispenhausen versuchen sich in der Hausarbeit. Dieter Jürgens, hinten, arbeitet im hauswirtschaftlichen Bereich der Kita. Fotos: Schäfer-Marg

Rotenburg. Ein gutes Beispiel für gelebte Inklusion gibt die Kindertagesstätte in Lispenhausen.

Er ist der Mann, der klar Schiff macht in der Küche. Seit Monatsbeginn arbeitet Dieter Jürgens dort vier Stunden täglich und kümmert sich um Geschirr, Essensausgabe und vieles mehr. Kita-Leiterin Margot Kanngießer nennt ihn den „guten Geist im Hintergrund“.

Dieter Jürgens ist einer von inzwischen 40 Frauen und Männern, die früher in den Werkstätten für behinderte Menschen gearbeitet haben und nun auf dem ersten Arbeitsmarkt aktiv sind. Unterstützt werden sie bei ihrem Wechsel von Annette Schüler, der Inklusionsbeauftragten der sozialen Förderstätten in Bebra. Sie sucht noch mehr Arbeitgeber, denn das Interesse von Menschen mit Behinderungen, auf dem freien Markt zu arbeiten, sei riesig groß, berichtet sie.

„Tolle Arbeit“

Dieter Jürgens ist bereits der zweite ehemalige Werkstättenmitarbeiter, den die Stadt Rotenburg beschäftigt. Ein Kollege arbeitet in der Telefonzentrale. „Beide machen tolle Arbeit. Dank der Unterstützung der Kollegen sind sie auch ihren Aufgaben gewachsen und helfen uns sehr weiter“, sagt Bürgermeister Christian Grunwald, der auch von einer „Win-win-Situation“ spricht..

Dieter Jürgens hat viel Freude an seinem neuen Arbeitsplatz. Er mag die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten und den Umgang mit den Kindern. Kita-Leiterin Kanngießer hatte Unterstützung für ihre hauswirtschaftliche Mitarbeiterin gesucht, da die Zahl der Kinder, die Ganztagsbetreuung und somit auch Mittagessen bekommen, stetig zunimmt. Hauptamts- und Personalleiter Ralf Wassermann sei auf die Idee gekommen, erneut einen Menschen mit Behinderung einzustellen und die Inklusion voranzutreiben.

Die Krippe und die Kindertagesstätte sind mit insgesamt 124 Kindern voll belegt. Das Mittagessen wird von der Küche der Verwaltungsfachhochschule im Rotenburger Schloss geliefert. 50 Kinder essen mit, berichtet die Kita-Leiterin, die Dieter Jürgens gern noch eine Stunde länger am Tag beschäftigen würde.

„Die Menschen wollen Anteil an der Gesellschaft nehmen und ihr ganz normales Leben führen“, weiß Annette Schüler. Sie möchten viel Kontakt zu anderen Menschen. Für die Arbeit in pflegerischen oder sozialen Bereichen seien sie geradezu prädestiniert und fänden dort auch die meisten Nischenarbeitsplätze. Mehrere junge Frauen seien bereits in Kindertagesstätten tätig und qualifizieren sich in Eisenach am Diakonischen Bildungsinstitut Johannes Falk weiter.

Auch bei der Stadt Bebra arbeiten Menschen, die früher in den Werkstätten tätig waren. In der freien Wirtschaft, genauer im Toom-Markt in Bebra, ist ebenfalls seit einigen Jahren ein ehemaliger Mitarbeiter der Werkstätten beschäftigt. 

Hintergrund

Wer Menschen aus den Werkstätten beschäftigen möchte, kann mit Zuschüssen rechnen. Das Budget für Arbeit, das nach dem Bundesteilhabegesetz angezapft werden kann, sichert 75 Prozent der Lohnkosten. Arbeitgeber, so sagt Inklusionsbeauftragte Annette Schüler, müssen die Sozialversicherungskosten tragen, aber auch dafür gebe es Zuschüsse. Die Frauen und Männer können in Praktika, Kooperationsverträgen oder festen Arbeitsverhältnissen beschäftigt werden zum ortsüblichen Stundensatz, mindestens aber zum Mindestlohn. Ein solcher Nischenarbeitsplatzvertrag werde in der Regel über zwei Jahre abgeschlossen. Kooperationsverträge gibt es zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Landeswohlfahrtsverband und sozialen Förderstätten. Neuerdings können die Menschen mit Behinderungen, die einen Arbeitsvertrag haben, die Zuschüsse aus dem Budget für Arbeit direkt beim LWV oder beim Sozialamt des Kreises stellen. Wer Nischenarbeitsplätze anbieten möchte, kann sich bei Annette Schüler melden: Telefon 0 66 22 603 59 540, E-Mail: annette.schueler@sfb-ev.de. (sis)

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