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„Impfen statt schimpfen“: 150 Menschen bei „Spaziergang“-Gegendemo in Rotenburg

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Von: Sebastian Schaffner, Christine Zacharias, Wilfried Apel

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Zündeten Kerzen für die Opfer der Corona-Pandemie an: Karin Döring (links) aus Bebra, deren in den USA lebende Enkeltochter an Corona erkrankt ist, sowie Heinz und Christa Holzhauer aus Rotenburg.
Zündeten Kerzen für die Opfer der Corona-Pandemie an: Karin Döring (links) aus Bebra, deren in den USA lebende Enkeltochter an Corona erkrankt ist, sowie Heinz und Christa Holzhauer aus Rotenburg. © Wilfried Apel

Rund 150 Menschen haben nach Zählung der Polizei am Montagabend, 24. Januar, auf dem Rotenburger Marktplatz ein Zeichen gegen die montäglichen „Spaziergänge“ gesetzt.

Rotenburg – „Corona-Leugner, Impfgegner und Rechtsradikale haben in unserer Stadt nichts zu suchen“, sagte Jonas Rudolph, Fraktionsvorsitzender der Rotenburger CDU, einer von drei Rednern bei der friedlichen Demonstration in der Fuldastadt.

Er machte im Gespräch mit unserer Zeitung anschließend deutlich, dass er gern noch weitere Redner aus der Politik gehört hätte: „Schöner hätte ich es gefunden, wenn alle vier im Stadtparlament vertretenden Parteien aufgetreten wären.“

Angemeldet hatte die Veranstaltung (Motto: „Impfen statt schimpfen“) die Intensivkrankenschwester Elizabeth Farkas. Die 29-Jährige aus Rotenburg, die nach eigenen Worten zum ersten Mal vor einer größeren Menschenmenge gesprochen hatte, zeigte sich nach der gut 45-minütigen Demo zufrieden: „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen kommen“. Auch die Polizei habe einen „super Job“ gemacht.

Hatte die Demo angemeldet: Elizabeth Farkas aus Rotenburg.
Hatte die Demo angemeldet: Elizabeth Farkas aus Rotenburg. © Wilfried Apel

Die Intensivkrankenschwester, die von ihren Erfahrungen bei der Arbeit berichtete, betonte, dass es ihr mit der Demo nicht darum gegangen sei, zu spalten oder besorgte Bürger an den Pranger zu stellen, die sich an den sogenannten Spaziergängen beteiligen. „Schlimm ist, dass dort Rechte mitmarschieren, die andere Bürger instrumentalisieren.“

Bürgermeister Christian Grunwald (CDU) zog für die Stadt Rotenburg ein positives Fazit. „Die Versammlungsbehörde freut sich, dass alles friedlich geblieben ist.“ Der Rathauschef forderte die „Spaziergänger“ auf, künftig auch ihre Treffen offiziell anzumelden.

Die Demo auf dem Marktplatz habe gezeigt, wie einfach das sei, so Grunwald: „Es kann nicht sein, dass sie einerseits Liebe, Frieden und Demokratie skandieren und sich andererseits hinter dem Begriff Spaziergang verstecken und mit der Polizei Katz und Maus spielen.“

Grunwald kritisierte, dass der AfD-Landtagsabgeordnete Gerhard Schenk am Rande des Marktplatzes ohne Mund-Nasen-Schutz mit den Polizeibeamten über die Maskenpflicht diskutiert habe. „So ein Verhalten ist eines Landtagsabgeordneten nicht würdig.“

Das Polizeipräsidium Osthessen bestätigte auf Nachfrage, dass ein von Schenk „vorgelegtes Gesundheitszeugnis überprüft“ worden sei. Darüber hinaus seien zahlreiche Passanten im Bereich des Marktplatzes darauf hingewiesen, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen – meist mit Erfolg.

Mit Abstand: Die gut 150 Teilnehmer auf dem Marktplatz hielten sich an die Abstands- und Hygieneregeln.
Mit Abstand: Die gut 150 Teilnehmer auf dem Marktplatz hielten sich an die Abstands- und Hygieneregeln. © Sebastian Schaffner

Nahezu völlig wirkungslos blieben diese Hinweise hingegen bei den „Spaziergängern“, die auch an diesem Abend wieder mit Trommeln, Glocken, Trillerpfeifen und Liedern wie „Die Gedanken sind frei“, dafür aber größtenteils ohne Masken, durch die Stadt zogen – obwohl die Polizei den „Spaziergang“ zuvor zur Versammlung erklärt und auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte.

Die Beamten zählten rund 80 Teilnehmer, die anfangs versuchten, Richtung Demo zu laufen, aber von den Einsatzkräften in eine andere Richtung gelenkt wurden. Ob es am kommenden Montag wieder eine offiziell angemeldete Demonstration geben wird, steht derweil noch in den Sternen. Elizabeth Farkas sagte, sie plane vorerst keine Wiederholung. „Aber vielleicht möchte ja jemand anderes Gesicht zeigen?!“ (Sebastian Schaffner und Wilfried Apel)

Das sagt die Polizei

Auf Nachfrage unserer Zeitung, warum die Maskenpflicht zwar auf dem Rotenburger Marktplatz bei der angemeldeten Demo, aber nicht bei der unangemeldeten Versammlung durchgesetzt wurde, sagt Patrick Bug, Sprecher des Polizeipräsidiums Osthessen:

„Die geltenden Auflagen wurden immer wieder per Lautsprecherdurchsagen bekannt gegeben und einzelne Teilnehmer gezielt angesprochen. Das Einschreiten bei festgestellten Verstößen fand unter Abwägung einsatztaktischer Überlegungen und dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz statt.“ (Sebastian Schaffner)

Unangemeldeter Protest auch in Bad Hersfeld

Auch in Bad Hersfeld fand am Montagabend ein unangemeldeter „Spaziergang“ von Kritikern der Corona-Maßnahmen statt. Die Polizei schätzt die Teilnehmerzahl auf 250, die in Reihe auf dem Gehweg am Stadtring unterwegs waren – die meisten von ihnen ohne Maske.

Zu kleinen Verkehrsbehinderungen kam es lediglich durch absichernde Polizeifahrzeuge, die den Zug auf der Straße begleiteten. Insgesamt stellten die Beamten laut Polizeisprecher Patrick Bug die Personalien zweier Personen fest. Besondere Vorkommnisse habe es nicht gegeben. (Christine Zacharias und Sebastian Schaffner)

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