„Heute klingt alles sehr ähnlich“

Ian Paice von Deep Purple tritt in Bebra im Lokschuppen auf 

Selten ohne Sonnenbrille: Deep-Purple-Schlagzeuger Ian Paice.
+
Selten ohne Sonnenbrille: Deep-Purple-Schlagzeuger Ian Paice.

Deep-Purple-Schlagzeuger Ian Paice gab uns ein Interview vor seinem Auftritt im Lokschuppen in Bebra.

Mit Deep Purple hat er Rockgeschichte geschrieben, viele zählen ihn zu den einflussreichsten Schlagzeugern der Welt: Ian Paice. Am Mittwoch, 5. Februar, spielt der Brite ab 20 Uhr im Bebraer Lokschuppen – ausgerechnet mit einer Deep-Purple-Tribute-Band (Purpendicular). Wir haben mit dem 71-Jährigen über ihn als lebende Legende, Erfolg und Schlagzeug-Nachwuchs gesprochen.

Das Telefon klingelt, auf dem Display steht Reading, England. Die Stadt liegt im Südosten, auf halber Strecke zwischen Oxford und London. Dann klickt es in der Leitung: „Hier ist Ian.“ Kein PR-Zwischenmann, kein Manager – der Drummer von Deep Purple ist direkt dran. Ian Paice klingt jünger als seine 71 Jahre und spricht ein gepflegtes British-English, das sich auch gut auf einer Lehr-CD für den Schulunterricht machen würde. Von einer Whiskey-und-Wein-Stimme, die das Rockstar-Leben gelegentlich mit sich bringt, keine Spur. Muss noch etwas geklärt werden, bevor es losgeht? „Ich bin startklar.“ Na dann...

Herr Paice, Sie haben Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. War schon mal ein altes Bahnhofsgebäude wie in Bebra dabei?

Wir haben schon an unzähligen Orten gespielt, und meine Erfahrung ist: So lange genug Platz da ist für ein paar Leute und die Band, klappt das mit dem Konzert. Bei unserer ersten Tour in Australien 1968 haben wir an einem Swimming-Pool gespielt – wir auf der einen Seite, die Zuhörer auf der anderen. Nach zwei Songs sind die Leute im Pool herumgeschwommen und hatten eine tolle Zeit.

Konnten Sie sich jemals ein anderes Leben vorstellen als das eines Rockstars?

Ich habe mir nie ausgemalt, ein Rockstar zu werden. Ich dachte, wenn ich genug Glück habe, werde ich ein Musiker, der davon leben kann. Der auf der Bühne steht, sein Instrument spielt und einfach Spaß hat. Erfolg ist eine seltsame Angelegenheit: Man sieht so viele Leute, die ihm hinterherjagen. Je mehr sie sich bemühen, desto schneller zieht er davon. Wenn du machst, was dir Spaß macht, und bringst etwas Talent mit, dann tippt dir der Erfolg manchmal von hinten auf die Schulter, ohne dass du ihn kommen siehst.

Ist das ein Tipp für die vielen Bands, die noch auf den großen Durchbruch warten? Geduldig zu sein?

In der Entertainment-Industrie, egal ob als Schauspieler, Musiker oder Künstler, kann man nur geben, was in einem steckt. Mit etwas Glück berührt es die Leute. Das kannst du nicht planen oder erzwingen. Du kannst nur du selbst sein und das machen, was dir gefällt. Du machst nicht Musik, um reich und berühmt zu werden und ein einfaches Leben zu haben. So funktioniert das nicht. Wer unbedingt erfolgreich sein will, sollte zur Uni gehen und es da versuchen.

Sie sind das letzte aktive Gründungsmitglied von Deep Purple, die Band ist immer noch dick im Geschäft. Trotzdem kommen Sie mit Musikern nach Bebra, die Klassiker von Deep Purple spielen. Was steckt dahinter?

Ich werde erst im März wieder mit Deep Purple auf der Bühne stehen, das letzte Mal gespielt haben wir im Herbst. Ich bin Musiker. Ich brauche die Bühne, ich brauche das Publikum, nicht den Proberaum. Und da macht es keinen Unterschied, ob es einige hundert oder 200 000 Leute sind. Du bleibst nur auf der Höhe, wenn du in einer Situation bist, in der du dir keine Fehler erlauben darfst. Wenn du mit vollem Einsatz spielst. Als Musiker bleibst du nicht monatelang zu Hause und machst nichts.

Was unterscheidet Auftritte von Deep Purple und Purpendicular?

Mit Purpendicular können wir andere Songs spielen. Wenn man als Rockband lang genug dabei ist, kann man auf eine ganze Lieder-Bibliothek zurückgreifen. Aber einige Stücke musst du immer spielen. Du kannst nicht sagen: „Das bringen wir heute Abend nicht“ – weil das Publikum möglicherweise genau dafür ein Ticket gekauft hat. Die meisten kommen zur Show, um fünf oder sechs Songs zu hören. Mit Ian Gillan und der Band spielen wir Ian-Songs, was ja auch richtig ist (Ian Gillan ist seit 1969 – mit Pausen – der Sänger von Deep Purple). Aber es gab eine Zeit, als David Coverdale in der Band war. Mit Purpendicular habe ich die Chance, auch diese Songs zu spielen, „Mistreated“ und „Burn“ und „Sail Away“. Sie sind Teil meines musikalischen Erbes, also macht es Spaß, sie wieder anzupacken. Das gibt dem Ganzen Würze.

Es hilft sicherlich, dass die Musiker bei Purpendicular selbst Profis sind.

Wenn sie nicht eine richtig gute Band wären, würde ich die Shows nicht machen. Wenn du mit Leuten auf der Bühne stehst, die nicht so gut sind – das ist schwierig. Auch ich kann eine schlechte Band nicht ausgleichen, irgendwann zieht sie mich runter.

Wie fühlt es sich an, als lebende Legende zu gelten?

Legende? Nah. Wenn du genug Glück hast, Erfolg zu haben, und lange genug dabei bleibst, benutzen die Leute dieses Wort, um dich zu beschreiben. Ich kenne niemanden – keinen meiner Freunde, die in einer ähnlichen Situation sind – der sich als lebende Legende sieht. Wir sind einfach Typen, die Spaß haben und für ihre Familie sorgen. Es ist toll, dass die Leute das denken. Aber ich sehe mich nicht so. Ich hatte Glück, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und ich habe den Vorteil, dass Schlagzeugspielen mir leicht fällt. Die Logik, warum eine Hand das und die andere Hand etwas anders macht, habe ich verstanden, als ich das erste mal die Stricknadeln meiner Mutter benutzt habe, um nachzuspielen, was der Typ da im Fernsehen macht.

Gibt es einen Purple-Song, den Sie nie wieder live spielen würden?

Nur, wenn ich mich überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, wie er funktioniert. Einige der Stücke sind 40 Jahre alt und vielleicht nie live, sondern nur im Studio gespielt worden. Die vergisst du. Ich kenne die Stärken und Schwächen der Stücke. Wenn wir eines nicht live gespielt haben, gibt es einen Grund dafür. Einige Songs wurden für das Studio geschrieben, die können auf der Bühne nicht überleben. Sie sind für eine bestimmte Zeit gedacht, und wenn du die Platte auflegst, ist das in Ordnung. Aber wenn du sie heute auf die Bühne zerrst, funktioniert das möglicherweise nicht.

Sie sind seit mehr als 50 Jahren Schlagzeuger. Hat sich die Szene verändert?

Als wir Kinder waren und angefangen haben, wollten wir etwas schaffen, das wir für neu hielten. Aber es gibt nichts wirklich Neues, nur neue Wege, um Altes zu tun. Viele von uns haben sich das spielen selbst beigebracht. Niemand hat uns die Technik gezeigt. Klar haben wir uns was bei den guten Musikern abgeschaut, aber unseren eigenen Stil geschaffen. Heute lernen zwar nicht alle vom gleichen Buch, aber sie bedienen sich in einer ziemlich limitierten Bibliothek. Sie lernen die richtige Technik, und daran ist nichts falsch. Was das angeht, sind sie uns damals weit voraus. Aber sie haben alle die gleiche Antwort auf ein Problem. Als wir aufwuchsen, kamen John Bonham (Drummer von Led Zeppelin), Cozy Powell (unter anderem Black Sabbath), Mitch Mitchell (Jimi Hendrix Experience) und ich zu ganz verschiedene Lösungen. Wir hatten etwas Individuelles. Heute klingt alles sehr ähnlich.

Noch vor dem Schlagzeugspielen haben Sie Violine gelernt. Können Sie noch spielen, oder hauen Sie zu hart auf die Saiten?

Oh Mann, es war furchtbar. Ich habe das nicht lange gemacht, vielleicht vier oder fünf Monate. Mein Vater hat als Kind Piano gespielt, und ich wollte auch ein Instrument lernen. Wir haben damals in einem sehr kleinen Haus gewohnt, und die Violine war klein und leise, also dachte ich: „Versuch das.“ Ich war vielleicht elf Jahre alt, und ich hatte irgendwie mehr Spaß dabei, die Violine umzudrehen und mit den Fingern auf dem Rücken herumzutrommeln, als die Saiten kreischen zu lassen. Ich habe eigentlich nie richtig Violine gelernt – ich habe gelernt, Schlagzeug auf einer Violine zu spielen. Nach einer halben Stunde geht es ums Autorisieren: Interviewpartner bekommen die Chance, das verschriftlichte Gespräch vorab noch einmal zu lesen. Ian Paice versteht das zunächst nicht. Bei der britischen Presse ist die in Deutschland so gängige Praxis eher verpönt. „Das brauchen wir nicht“, sagt Paice. „Wir haben miteinander gesprochen, also haben Sie meine Autorisierung.“ Mehr Infos zum Konzert unter: bebra-lokschuppen.de

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare