Zweifel an der Ausstattung

Schulen im Lockdown: Skepsis bei Lehrern und Schülern im Kreis Hersfeld-Rotenburg, ob das Konzept funktioniert

Unser Foto zeigt den Eingangsbereich zur Grundschule in Ronshausen.
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Die Grundschulen im Landkreis bleiben geöffnet. Wer seine Kinder nicht zu Hause betreuen kann, darf sie bis einschließlich zur 6. Klasse in die Schule schicken. Unser Foto zeigt die Ronshäuser Schule.

Grundsätzlich zufrieden mit dem hessischen Corona-Schulkonzept für die kommenden drei Wochen zeigen sich im Landkreis Schulamt, Schüler und Lehrer. Aber es gibt Bedenken.

Hersfeld-Rotenburg – Denn Zweifel gibt es daran, ob die Infrastruktur für das Konzept funktioniert. Abschlussklassen werden in der Schule unterrichtet, alle anderen Schüler ab der 7. Klasse müssen zuhause bleiben. Von der 1. bis zur 6. Klasse entscheiden die Eltern, ob sie ihr Kind zuhause betreuen können oder in die Schule schicken müssen.

Für diesen Plan kommt von Kreisschülersprecherin Wiebke Maibaum Zustimmung. Es sei richtig, dass man den Eltern der Jüngsten die Möglichkeit gibt, selbst zu entscheiden. Sie habe aber Bedenken, ob die Kinder, die zuhause bleiben, davon wirklich keine Nachteile haben. Eines ist der 16-jährigen Bad Hersfelderin ganz wichtig: „Niemand sollte sich rechtfertigen müssen, wenn er sein Kind in die Schule schicken muss.“ Ab der 7. Klasse könne man eine gewisse Selbstständigkeit erwarten – gerade in der 7. und 8. Klasse sei das aber auch noch eine große Herausforderung.

Sie lobt ausdrücklich, dass wohl fast alle Schüler, die eines brauchen, mit Tablets für den Unterricht zuhause ausgestattet wurden. Dafür war der Kreis als Schulträger zuständig. Aber: Was bringe ein Gerät, wenn das Internet zuhause nicht funktioniere, die Schulplattform wegen Überlastung abstürze oder der Schüler Hilfe beim Kennenlernen des Tablets brauche?

Einen ähnlichen Kritikpunkt hat der Bad Hersfelder Lehrer Werner Herbert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), denn technische Unterstützung bräuchten neben den Schülern auch die Lehrer. Dafür und für die Einrichtung der Tablets seien IT-Fachleute notwendig – bislang werde das aber von Lehrern nebenbei erledigt, die eigentlich unterrichten müssten. Darauf habe sich der Landkreis nicht rechtzeitig vorbereitet.

Hoffnung auf stabiles Netz

Einmal mehr ist die Vorlaufzeit für das neueste Corona-Schulkonzept extrem kurz. Erst seit gestern können und müssen Schulen, Lehrer und Eltern sich darauf vorbereiten, wie der Nachwuchs ab Montag unterrichtet wird. Laut Anita Hofmann vom Staatlichen Schulamt in Bebra sind die Schulen froh, dass sie nun die nötigen Infos haben.

Nun werden die Lehrer der Klassen 1 bis 6 von den Eltern gefragt, welche Schüler in die Schule kommen und welche zu Hause bleiben. „Meine Erwartungshaltung an gute Lehrer ist, dass sie sich schon in den Weihnachtsferien Gedanken gemacht haben und mit Vorbereitungen für den Unterricht begonnen haben. Viele haben das auch gemacht, zum Beispiel mit kleinen Videos zur Veranschaulichung des Unterrichtsstoffs“, berichtet Hofmann. Insbesondere in der Grundschule werde man dabei meist mit den Schulbüchern und weniger mit dem Internet arbeiten. Es solle, wie das auch Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Dienstag versprach, für Kinder zu Hause eine so gute Betreuung geben, dass sie keine Nachteile gegenüber den Kindern in der Schule hätten. Kinder und Eltern sollen viele Rückmeldungen der Lehrer bekommen.

Auf ein Problem dieses Modells, dass in den Grundschulen einige wenige Schüler kommen und die meisten nicht, weist Gerda Körzell von der Lehrergewerkschaft GEW hin: „Das führt dazu, dass teilweise nur eine Handvoll Kinder da ist, aus verschiedenen Klassenstufen, wodurch mehrere Lehrkräfte für sehr wenig Schüler gebunden sind. Dadurch bleiben weniger Ressourcen für die Schüler zuhause übrig.“ Außerdem sei unter den Lehrern der Unmut über die schon wieder sehr kurzfristigen Informationen sehr groß.

Auf ein weiteres Praxis-Problem weist Werner Herbert, ebenfalls Vorstandsmitglied der Kreis-GEW, hin: „Oberstufenlehrer unterrichten in der Regel Abschlussklassen, die weiter in die Schule kommen, und zum Beispiel auch in der E-Phase, wo die Schüler zuhause bleiben müssen. Distanzunterricht in der einen und Präsenzunterricht in der nächsten Stunde ist an vielen Schulen kaum qualitativ hochwertig zu leisten.“ Das liege daran, dass die Internetkapazitäten an vielen Standorten nicht für Videounterricht ausreichten. Der Distanzunterricht könne dann nur aus dem Verschicken von Materialien und telefonischer Unterstützung bestehen.

Die Schulen werden derzeit vom Schulträger, dem Landkreis, ans Breitbandnetz angeschlossen. Das sei aber noch nicht überall erfolgt, bestätigt Schulamtsleiterin Hofmann. Zuversichtlich ist sie bei dem Internet-Portal, das viele Schulen für den Fernunterricht benutzen. Das war im vergangenen Jahr immer wieder wegen Überlastung zusammengebrochen. Nun habe das Kultusministerium die Serverkapazitäten ausgebaut, wodurch mit einem stabileren Netz zu rechnen sei.

Darauf hofft auch Kreisschülersprecherin Wiebke Maibaum, die aber auch darauf verweist, dass auch das auf manchen Dörfern immer noch zu langsame Internet mitunter ein Hindernis für den Unterricht zu Hause sei. Ein weiterer zentraler Punkt ist für die 16-Jährige, dass in der Schule nicht nur Lernen, sondern auch Sozialleben stattfindet. „Man muss versuchen, dem auch im Distanzunterricht Raum zu geben. Wir sind zuerst Menschen, nicht Schüler. Es geht nicht nur um den Lernstoff, sondern auch um das Wohlbefinden“, sagt sie.

Von Christopher Ziermann

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