"Notwendig für die eigene Orientierung" 

Historiker sprach mit Schülern an Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg über Erinnerungskultur 

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Gespräch mit dem Historiker: Schüler der Jakob-Grimm-Schule präsentierten dem früheren Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Thamer Plakate, die im Untericht entstanden. Von links: Annika Larson, der ehemalige Geschichtslehrer Kurt Meyer, Historiker Thamer, Philipp Rolf und Caroline Franz. 

Rotenburg. In der Reihe "Gegen Vergessen, für Demokratie" hat schon Bundespräsident Joachim  Gauck die Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg besucht. Jetzt war Historiker Hans-Ulrich Thamer zu Gast und sprach mit Schülern über den Zweiten Weltkrieg und das Erinnern. 

Der spätere Bundespräsident Joachim Gauck, Schriftsteller Ralph Giordano und viele andere Menschen, die spannende Geschichten zu erzählen haben, waren in den vergangenen knapp 20 Jahren zu Gast an der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule. In der Reihe „Gegen Vergessen, für Demokratie“ besuchte nun ein Mann die Schule, der selbst Schüler der Jakob-Grimm-Schule war und sich später beruflich mit der Geschichte und dem Erinnern befasste: Historiker Hans-Ulrich Thamer.

Thamer wurde in Rotenburg geboren und machte hier 1962 sein Abitur, bevor er das Geschichtsstudium aufnahm. Das heutige Schulgebäude ist ihm von früheren Klassentreffen vertraut. An die Schulzeit hat er gute Erinnerungen, auch wenn er autoritäre Lehrer hatte, die als Strafe schon mal das Auswendiglernen der Schulordnung forderten.

In der Aula, die für ihn einst „einer der heiligen Orte“ war, den man nicht ohne Weiteres betreten durfte, traf Thamer auf Schüler der Oberstufe, denen er einen Vortrag zum Thema Erinnerungskultur hielt.

Arbeit mit Abstand

Dabei vermittelte der frühere Geschichtsprofessor den Schülern ein recht nüchternes Bild der Arbeit eines Historikers, der den Berichten von Zeitzeugen immer mit kritischem Abstand begegnen müsse, der auch Verständnis für die heilsame Wirkung des Vergessens haben und sich nicht zu moralischen Urteilen hinreißen lassen solle. Trotzdem versicherte er den Schülern: „Erinnerung ist existenziell notwendig für die eigene Orientierung in der Gegenwart und in der Zukunft.“

Die Schüler hatten sich im Vorlauf mit denjenigen Persönlichkeiten befasst, die früher schon an der Schule zu Gast waren, neben Gauck und Giordano etwa der frühere DDR-Oppositionelle Rainer Eppelmann, Politikerin Cornelia Schmalz-Jacobsen oder Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, der während des Zweiten Weltkriegs Generalgouverneur des besetzten Polen war und danach als einer der Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde.

Ihre Ergebnisse präsentierten die Schüler einander und Professor Thamer auf Schautafeln und berichteten von ihren Erfahrungen beim Umgang mit deren Geschichten. Es sei erschreckend für sie zu sehen, wie Niklas Frank zwischen der Liebe zu seinem Vater und der Erkenntnis über dessen Verbrechen gestanden habe, sagte Schülerin Imke Schmalfeldt.

Schulleiterin Sabine Rimbach dankte dem früheren Geschichtslehrer Kurt Meyer, der die vielen Kontakte zu den Personen der Zeitgeschichte geknüpft und diese an die Schule geholt hat. Für die Schüler seien die Begegnungen mit Zeitzeugen immer ein Gewinn, sagte Geschichtslehrerin Christiane Lindner. Die direkte Konfrontation mit den Schicksalen der Menschen eröffne einen besonderen Zugang zum Fach Geschichte.

Quelle: HNA

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