Größte Lücke in ganz Hessen

Hessischer Lohnatlas: Frauen im Kreis Hersfeld-Rotenburg weit hinten

Frauen sind nur selten in Vorständen vertreten.

Hersfeld-Rotenburg. Im Kreis Hersfeld-Rotenburg klafft die größte Lohnlücke Hessens, was den Verdienst von Männern und Frauen betrifft.

Das ist zumindest das Ergebnis des jüngsten hessischen Lohnatlasses. Mit einer Lücke von 23,4 Prozent zwischen Frauen und Männern in sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigung befand sich der Kreis 2015 deutlich über dem hessischen Schnitt von 14,1 Prozent. Im Schnitt verdienten Frauen brutto 726 Euro weniger als Männer.

„Entgeltgleichheit ist in Hersfeld-Rotenburg derzeit noch nicht gegeben“, heißt es. Allerdings deute der Vergleich zwischen 2012 und 2015 auf eine positive Entwicklung hin. Denn die Lohnlücke habe sich in diesem Zeitraum um 2,5 Prozent verringert. Diese Entwicklung sei etwas dynamischer als im Landesschnitt.

Ausgewertet wurden jedoch nur Fälle von Personen, die sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigt waren. Ein differenziertes Bild ergibt sich zudem bei der Betrachtung verschiedener Berufssektoren, wobei viele Bereiche aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht ausgewiesen werden können, nämlich dann, wenn es dort weniger als 1000 Beschäftigte gibt. 

Der Frauenanteil bei den Vollzeitbeschäftigten betrug 2015 im Landkreis 28,3 Prozent und lag damit unter dem Hessen-Schnitt von 33 Prozent. Laut Melanie Bonacker, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, ist die Zahl in den vergangenen zehn Jahren jedoch kontinuierlich angestiegen.

Nach Auffassung des kommunalen Jobcenters ist die Lohnlücke in der hiesigen Wirtschaftsstruktur begründet. „Der Kreis ist geprägt durch eine hohe Anzahl gut bezahlter Arbeitsplätze im Bergbau, dominierend mit Männern besetzt, zum anderen durch Jobs in Handel, Dienstleistung und Logistik mit einem höheren Anteil an Frauen“, sagt Fachbereichsleiter René Bieber.

Während die durchschnittlichen Entgelte von Frauen im Kreis Hersfeld-Rotenburg deutlich unter dem Landesschnitt liegen, weisen die Entgelte von Männern einen deutlich geringeren Abstand zum Hessenschnitt auf. Auch das ist ein Ergebnis des aktuellen Hessischen Lohnatlasses, der sich auf Daten von 2015 bezieht. 

Bei der Betrachtung verschiedener Berufssektoren ergibt sich allerdings ein differenziertes Bild. So beträgt die Lohnlücke etwa bei den Produktions- und den sogenannten Mint-Berufen, also den mathematisch-technischen Berufen, im Kreis Hersfeld-Rotenburg nur 1,3 Prozent. Damit ist Entgeltgleichheit nahezu erreicht. 

Ebenfalls gering ist die Lücke mit 3,1 Prozent bei den kaufmännischen und wirtschaftlichen Dienstleistungsberufen im Vergleich der Berufssektoren. Im hessischen Schnitt ist die Lücke mit 12,2 Prozent deutlich größer als im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

 Mit 7,2 Prozent etwas größer ist die Lohnlücke bei den personenbezogenen Dienstleistungsberufen. Sie liegt jedoch ebenfalls immer noch deutlich unter dem Landesschnitt von 13 Prozent. 

„Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen hat vielschichtige Ursachen“, sagt Melanie Bonacker, Beauftragte für Chancengleichheit bei der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda. Zwar sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich angestiegen. Es bestünden allerdings nach wie vor strukturelle Differenzen in der Beschäftigungssituation. Neben der unterschiedlichen Berufswahl – Frauen arbeiten häufig in sozialen oder personennahen Dienstleistungen, die tendenziell schlechter bezahlt werden als beispielsweise technische Berufe – sei insbesondere die (längere) familienbedingte Erwerbsunterbrechung und der anschließende Wiedereinstieg in Teilzeit und Minijobs ein Grund. Dies wirke sich negativ auf die Karrieremöglichkeiten von Frauen aus. „Frauen sind in Führungspositionen, besonders in Spitzenpositionen, unterrepräsentiert“, weiß sie. Zudem würden Führungspositionen selten in Teilzeit besetzt. Auch Rollen- stereotype und geschlechtsspezifische Zuschreibungen wirkten bei der Arbeitsbewertung, Leistungsfeststellung oder Stellenbesetzung noch nach. 

Ähnlich äußert sich Ute Boersch, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte beim Landkreis: „Die ländlichen Gebiete, die nicht an eine größere Stadt grenzen, haben generell Probleme mit der Erreichung von Entgeltgleichheit. Strukturelle Probleme, aber auch konservativere Rollenbilder, davon sind auch wir betroffen.“ Es gelte nun, die Daten genauer zu analysieren und entsprechende Handlungsansätze zu entwickeln. 

Letztendlich läge die Entscheidung über die Gehaltsstruktur bei den Unternehmen, sagt René Bieber, Fachbereichsleiter Arbeit und Migration beim Kreis. „Und damit liegt auch allein dort die Entscheidung über eine differenzierte Vergütung.“ 

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