Wochenendporträt

Sie will Brücken bauen im Parlament: Petra Wiesenberg ist neue Kreistagsvorsitzende

Die neue Kreistagsvorsitzende in Hersfeld-Rotenburg: Petra Wiesenberg aus Niederjossa.
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Die neue Kreistagsvorsitzende Petra Wiesenberg lebt seit 64 Jahren in Niederjossa.

Sommerferien heißt auch: Sitzungspause in den Parlamenten. Petra Wiesenberg kommt diese Pause nicht ganz ungelegen.

Niederjossa – Die 64-Jährige ist nämlich Vorsitzende in gleich zwei Parlamenten: in Niederaula und neuerdings auch im Kreistag – als erste Frau überhaupt.

Obwohl die Sozialdemokratin seit 1996 dem Landkreis-Parlament als Abgeordnete angehört, ist es nun doch etwas völlig anderes, plötzlich die Leitung des 61-köpfigen Gremiums zu haben, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung unumwunden einräumt. „Ich bin jetzt immer furchtbar nervös, obwohl ich ja eigentlich genau weiß, was im Kreistag passiert“, sagt sie mit der Erfahrung, nun zwei Marathonsitzungen geleitet zu haben, einmal fünf und einmal sechs Stunden lang.

Woran es liegt, dass sie nervös ist? „Ich weiß es gar nicht genau. Vermutlich an den vielen Menschen, die einen die ganze Zeit beobachten. Ich hätte nicht gedacht, dass das so aufregend ist.“

Dass sie jetzt überhaupt ganz vorn sitzt, wo 24 Jahre lang ihr Parteifreund Horst Hannich aus Schenklengsfeld Regie geführt hat, war übrigens so gar nicht geplant. „Aufgedrängt habe ich mich nicht“, sagt sie. Aber als ihre Partei, insbesondere Torsten Warnecke, auf sie zukam, konnte sie nicht Nein sagen, wenngleich sie betont, nicht sofort zugesagt zu haben. Nebenbei allerdings auch noch gleich die erste Frau auf diesem Posten zu sein, „dieser Gedanke war dann natürlich schon reizvoll“, sagt sie. Zudem wollte sie die Genossen nicht hängen lassen. „Wir sind doch ein Team.“

Bereut hat sie ihre Zusage bislang nicht. Ohnehin kann sich Petra Wiesenberg, die im März einstimmig von den Abgeordneten gewählt worden ist, auf die Schriftführerinnen des Parlaments – Johanna Rommel, Susanne Struth und Carola Stransky – verlassen. „Mit ihnen an meiner Seite habe ich ein gutes Gefühl.“

Auf die Welt gekommen ist Petra Wiesenberg vor 64 Jahren in Alsfeld. Seitdem lebt sie in Niederjossa, dem südlichsten Ortsteil Niederaulas. „Ich war immer gerne hier und werde es auch immer bleiben“, sagt die verheiratete Mutter von zwei Kindern, die zwischenzeitlich auch schon mal zweite Vorsitzende des SV Niederjossa war. Wenn sie in den Urlaub fährt, zieht es sie am liebsten mit ihren drei Geschwistern samt Partnern ans Meer, vornehmlich nach Griechenland oder in die Türkei. Hobbys? Hat sie nicht, sagt sie. „Es sei denn, irgendwann erfindet jemand den 28-Stunden-Tag.“ Schließlich hat sie auch vier Enkel, denen sie gern ihre Aufmerksamkeit schenkt, und arbeitet neben ihren kommunalpolitischen Ämtern hauptberuflich noch als selbstständige Berufsbetreuerin. Dabei kümmert sie sich um Menschen, die Hilfe benötigen, meist ältere Mitbürger ohne Kinder, aber auch um Menschen, die in einer Behinderteneinrichtung leben. „Ich löse Probleme“, sagt Petra Wiesenberg.

Ursprünglich gelernt hat sie allerdings etwas anderes: Rechtsanwalts- und Notargehilfin, wie der Beruf der heutigen Fachangestellten Anfang der 70er-Jahre hieß. „Diesen Job habe ich 34 Jahre lang gemacht.“ Am besten gefallen hat ihr dabei das Notariat, „auch wenn die Rechtspfleger das nie so richtig verstehen konnten“, erinnert sie sich vergnügt. Doch diese vermeintlich langweiligen Tätigkeiten machten ihr nichts aus. Im Gegenteil: Petra Wiesenberg ist überzeugt davon, dass sie noch heute von ihren Erfahrungen dort profitiert – als Betreuerin und Parlamentsvorsitzende.

Notare müssten immer einen Mittelweg finden, niemand dürfe einen Vorteil haben, niemand benachteiligt werden. Die Kunst, Kompromisse zu arrangieren, werde ihr vor allem als Parlamentsvorsitzende helfen, glaubt sie. „Ich sehe mich als Brückenbauerin.“ Unter Beweis stellen kann sie das im Kreistag wieder nach der Sommerpause, am 27. September, einen Tag nach der Bundestagswahl. Dann wählt das Parlament unter anderem den Nachfolger der Ersten Kreisbeigeordneten Elke Künholz. „Das wird bestimmt wieder ganz aufregend“, sagt Petra Wiesenberg. (Sebastian Schaffner)

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