Interview mit VHS-Leiterin Anja Staab

Auch Volkshochschule ringt mit Corona: „Plötzlich 2800 Stunden weniger“

Sportlich ins Herbstsemester: Anja Staab, Leiterin der Volkshochschule Hersfeld-Rotenburg, und ihr Team haben durch die Pandemie unter anderem gelernt, wie man Sportkurse gibt, wenn Sporthallen geschlossen sind.
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Sportlich ins Herbstsemester: Anja Staab, Leiterin der Volkshochschule Hersfeld-Rotenburg, und ihr Team haben durch die Pandemie unter anderem gelernt, wie man Sportkurse gibt, wenn Sporthallen geschlossen sind.

Die verschärften Corona-Regeln machen auch der Volkshochschule Hersfeld-Rotenburg zu schaffen. Online-Kurse werden beliebter. Ein Kurs wird sogar von Griechenland aus geleitet.

Hersfeld-Rotenburg – Die verschärften Corona-Regeln der Landesregierung machen auch vor der Volkshochschule nicht Halt. Wer an den Kursen teilnehmen möchte, muss neuerdings die 3G-Regeln erfüllen – bei Ungeimpften und nicht Genesenen heißt das: ein PCR-Test ist Pflicht. Durch die neuen, ab Donnerstag geltenden Maßgaben, gilt im Sportbereich gar 2G.

Wie sich die Pandemie bislang auf die VHS ausgewirkt hat, darüber haben wir uns mit der Leiterin Anja Staab unterhalten.

Frau Staab, Corona hat auch die Volkshochschule empfindlich getroffen. Kurse fielen aus, reine Onlineformate gab es zu Beginn schlicht noch nicht, Dozenten hatten plötzlich keine Arbeit mehr. Was haben Sie durch die Pandemie gelernt?

Wir haben gelernt, dass wir einen guten und recht verlässlichen Kursleiterstamm haben – auch wenn leider ein paar aufgehört haben. Und bei uns ist in der Zeit, als wir schließen mussten, in relativ kurzer Zeit das Format „VHS zuhause“ entstanden.

Das bedeutet?

Dass wir Kursleitungen für Onlinekurse geschult haben, vor allem für den Bereich Gesundheit. Diese Kurse finden sonst oft in Dorfgemeinschaftshäusern und Sporthallen statt, die wir damals, in der Osterzeit, nicht nutzen durften. Von den Onlineformaten profitieren wir aber auch jetzt noch. Zum Beispiel beim Yoga. Oder nehmen Sie unseren Griechischkurs. Die Dozentin lebt inzwischen in Griechenland, gibt von dort aus aber weiterhin ihren Kurs, nur eben digital. Auf solche Ideen wären wir vor der Pandemie nicht gekommen.

Kritiker sagen, Volkshochschulen seien antiquiert. Das Internet erlaube es jedem, jede Information überall privat abzurufen. Was sagen Sie diesen Menschen?

Volkshochschule bedeutet, miteinander und voneinander zu lernen. Das unterscheidet uns von einer Berufsausbildung oder einer Hochschule oder anderen abschlussorientierten Formaten. Und: Die Nachfrage nach persönlichen Kursen ist, bei all den technischen Möglichkeiten, die auch wir inzwischen haben, nach wie vor groß. Das haben wir im Sommer, als das Programm für das Herbstsemester rauskam, deutlich gemerkt.

Wie groß ist das finanzielle Loch, das die Pandemie in Ihre Kasse gerissen hat?

Schwieriges Thema. In normalen Zeiten haben wir 400 bis 450 Kurse bei rund 5000 Teilnehmern. Aktuell sind es natürlich weniger. Aussagekräftig sind die Unterrichtsstunden, von denen wir 2019 rund 7000 hatten. Im Jahr drauf waren es plötzlich 2800 weniger, also nur noch 4200 Unterrichtsstunden. Finanziell bedeutete das im vergangenen Jahr etwa einen Rückgang um 20 Prozent.

Wie sieht’s in diesem Jahr aus?

2021 gestaltet sich noch schwieriger, weil wir bestimmte Veranstaltungen nicht anbieten können, weil es gesetzlich untersagt ist, Turnhallen gesperrt waren oder sich Formate wie Studienfahrten ohnehin erledigt hatten. Ich gehe davon aus, dass die Pandemie dafür gesorgt hat, dass der Landkreis als Träger seinen Zuschuss um etwa 30 Prozent erhöht.

Wie finanziert sich die Volkshochschule?

Zu etwa 35 Prozent aus Teilnehmerentgelte, zu 15 Prozent aus Landesmitteln und zu 50 Prozent aus Kreismitteln.

Da das Klischee, dass vor allem strickende Frauen mittleren Alters mit einem Hang zu französischen Arthouse-Filmen die VHS besuchen, überholt sein dürfte: Wie würden Sie Ihre Kernzielgruppe beschreiben?

Ja, das Klischee ist überholt (lacht), wenngleich 70 Prozent unserer Teilnehmer tatsächlich weiblich sind. In der Regel nehmen unsere Angebote erwachsene Menschen in Anspruch, die ihre Hochschul- oder Berufsausbildung hinter sich haben und im Beruf stehen. Grob geschätzt haben sie ein Alter von 35 Jahren aufwärts. Pauschal lässt sich das nicht sagen. Das kommt immer auf den Kurs an.

Wird Stricken überhaupt noch angeboten?

Nein.

Was sind die am besten besuchten Kurse?

Das lässt sich gerade schwer sagen, weil wir die Teilnehmerzahl ja überall je nach Raumgröße beschränken mussten. Die Maximalkursgröße liegt bei zehn Personen. Bei Deutschangeboten sind wir aber an der Kapazitätsgrenze. Gut angelaufen ist auch Tennis, Kooperationsangebote in Ronshausen und Bad Hersfeld. Auch Kochkurse liegen hoch im Kurs.

Eingangs haben Sie angedeutet, dass Ihnen Kursleiter fehlen. Wie viele fehlen denn?

Im Bereich Sprachen würde ich locker zehn bis zwölf weitere Kursleitungen gut gebrauchen können. In der EDV sind es drei bis vier, auch Yoga-Lehrer könnten wir problemlos noch drei mehr beschäftigen.

Inwiefern mussten Ihre Dozenten unter der Krise leiden?

Wenn Kurse ausfallen, verdienen Honorarkräfte kein Geld. Aber glücklicherweise haben wir nicht, wie in Großstädten, Kursleiter, die davon leben. Im Normalfall hat ein Dozent bei uns einen Hauptberuf und gibt nebenberuflich zwei, drei Kurse. Viele, die auf ihre Honorare angewiesen sind, haben aber ein großes Interesse an Onlinekursen gezeigt und diese dann auch erfolgreich etabliert.

Wie viele Dozenten haben Sie?

120. Davon sind rund zehn in Wartestellung, weil ihre Themen coronabedingt nicht unterrichtet werden dürfen.

Das Herbstsemester ist in vollem Gange. Wie entsteht eigentlich Ihr Programm?

Das hessische Weiterbildungsgesetz gibt uns vor, was wir zu unterrichten haben. Das ist der Pflichtteil, der 70 Prozent ausmacht. Dazu gehören Sprachen, gesundheitliche Prävention und berufsbezogene Angebote. Es gibt aber auch eine Kür, die sich daran orientiert, was der Markt gerade so hergibt. Einen Bildhauerkurs würde ich persönlich interessant finden. Wir haben aber leider keinen Bildhauer.

Die Kür macht also gut ein Drittel Ihres Kursangebots aus. Wie antizipieren Sie, welche Kursthemen gerade angesagt sind?

Einerseits sind wir, wenn wir mal den Sport nehmen, in engem Kontakt mit den Vereinen und wissen, was im Trend liegt – aber auch, wo wir mit einem Kurs eine bestimmte Sparte unterstützen können, die vielleicht etwas schwächelt. Im besten Fall bleibt anschließend sogar jemand dem Verein treu. Andererseits stützen wir uns auf unsere Erfahrung. Wir wissen einfach, dass heimatkundliche Studienreisen, zum Beispiel in den Bergpark nach Kassel, stark nachgefragt sind – aber die dürfen wir ja gerade nicht anbieten.

Wenn Sie sich einen Kurs wünschen könnten: Welchen würden Sie gern im Landkreis anbieten?

Ich leite seit 20 Jahren diese Volkshochschule. Träume sind meine Sache nicht mehr.

Versuchen Sie’s doch mal.

Na gut. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Natur-Expeditionen anbieten könnten, speziell für jüngere Menschen, die sonst eher selten an die frische Luft kommen. Wir haben so eine tolle Landschaft mit dem Eisenberg, dem Rhäden, der Fuldaaue in Rotenburg und den Kalibergen. Ich glaube, da gäbe es noch viel zu entdecken. Und zwei, drei exotischere Fremdsprachen mehr, das würde mir auch gut gefallen.

Zum Beispiel?

Nordische Sprachen finde ich sehr spannend: Dänisch, Schwedisch, Norwegisch. Oder auch eine afrikanische Sprache wie Suaheli. Dann aber nicht nur die Kurse, sondern auch die entsprechende Nachfrage. (Von Sebastian Schaffner)

Zur Person

Anja Staab (54) stammt gebürtig aus Kassel. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Stieftöchter und lebt in Bad Hersfeld. Seit 2001 ist sie Leiterin der Volkshochschule Hersfeld-Rotenburg und gibt in normalen Zeiten selbst verschiedene Kurse. Anja Staab ist zudem Mitglied im CVJM-Posaunenchor der Evangelischen Kirche und als Turmbläserin sonntags regelmäßig auf der Bad Hersfelder Stadtkirche zu hören. (ses)

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