Fast jede Kommune klagt über schwachen Mobilfunk

Handynetz im Kreis hat viele Lücken

Notruf nur an der SOS-Säule: Im Ferienpark in Machtlos kann nur an sonnigen Tagen telefoniert werden – mit etwas Glück. Die einzige öffentliche Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen, ist die Säule am Parkplatz. Unser Foto zeigt Ortsvorsteher Udo Berle, der kein Handy dabei hatte, weil man eben in Machtlos normalerweise ohne Handy aus dem Haus geht, und Meike Weber, Geschäftsführerin der Vermietgenossenschaft des Ferienparks.

Hersfeld-Rotenburg.Allerorts wird vom Breitbandausbau gesprochen, im Mobilfunknetz des Landkreises Hersfeld-Rotenburg gibt es allerdings noch viele weiße Flecken. In fast jeder Kommune beklagen Bürger und Bürgermeister Probleme mit einem der drei großen Netzanbieter: der Telekom, Vodafone und Telefonica (O2).

Dabei geht es nicht ums mobile Surfen, sondern um das Telefonieren mit dem Handy. In vier Stadt- und Ortsteilen gibt es fast gar keinen Empfang. Besonders stark betroffen sind Alheim-Licherode, Atzelrode in Rotenburg, Ransbach in Hohenroda und Ronshausen-Machtlos. Seit Jahren fordert Ronshausens Bürgermeister Markus Becker einen Sendemast, der den Ortsteil Machtlos zuverlässig mit Handyempfang versorgt – ohne Erfolg. Die Erklärung der Anbieter: Wirtschaftlich lohne der Ausbau nicht. 

Armutszeugnis für High-Tech-Land Deutschland

Ein neuer Sendemast erfordere die Investition einer sechsstelligen Summe, heißt es von den Mobilfunkbetreibern auf Anfrage unserer Zeitung. Hinzu kämen Betriebskosten. Vodafone etwa spricht zudem von einer nahezu flächendeckenden Mobilfunkversorgung. „Flächendeckend bedeutet, auch nicht rentable Gegenden mitzuversorgen“, sagt Bürgermeister Markus Becker und spricht von einem Armutszeugnis für das Hightech-Land Deutschland.

Unsere Karte ist eine Übersicht der „weißen Flecken“ im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Zur vollen Ansicht gelangen Sie über die Pfeile rechts oben im Bild. Aufgenommen wurden Kommunen, in denen es mit dem Netz mindestens eines der großen Mobilfunkanbieter Probleme gibt. Als Quellen dienten Leserhinweise, die Verwaltungen der Kreiskommunen sowie die von Telekom, Vodafone und Telefonica im Internet zur Verfügung gestellten Übersichten über die jeweilige Netzabdeckung des Anbieters.  

Ähnlich klingen die Beschwerden aus Rotenburg: In Atzelrode mache nicht nur das Handy-, sondern auch das Festnetz Probleme, so Bürgermeister Christian Grunwald: „Das ist technisches Mittelalter.“ Der ländliche Raum habe durch Modelle wie Home Office – also Arbeiten von zu Hause – eine Chance, attraktiver zu werden. „Unsere Bemühungen werden aber konterkariert“, so Grunwald Besser sieht es dagegen für das Funkloch in Ransbach aus: Die Gemeinde ist im Gespräch mit der Telekom, so Bürgermeister Andre Stenda. Die Rückmeldungen seien bisher positiv

Ohne Netz keine schnelle Hilfe

So gut wie jede Kommune im Landkreis Hersfeld-Rotenburg hat Flecken, an denen das Telefonieren mit dem Handy nicht ohne Einschränkungen funktioniert. Was im Berufs- und Alltagsleben lästig ist, kann im Notfall zu einem Problem werden.

Im Ferienpark des Ronshäuser Ortsteils Machtlos gibt es 170 Ferienhäuser – und die haben nur vereinzelt einen Telefonanschluss, sagt Meike Weber, Geschäftsführerin der Vermietgenossenschaft. Für ältere Eigentümer und Gäste sei das beängstigend, weil bei Notfällen nur die Notrufsäule der Telekom am Eingang des Ferienparks immer zugänglich ist. „Vor allem von Großstädtern bekomme ich aber die Rückmeldung, die Auszeit sei auch mal ganz nett“, sagt Weber. Das bestätigt auch Ortsvorsteher Udo Berle, der als Selbstständiger seine Kunden in Machtlos empfängt. Bei einem Kurzbesuch sei es vielleicht ganz nett, wenn das Handy nicht klingelt: „Dauerhaft ist das kein Zustand.“

Zwei Handys mit verschiedenen Netzen

Viele Betroffene haben Strategien entwickelt, um mit den Funklöchern im Kreis umzugehen. Kirchheims Bürgermeister Manfred Koch etwa arbeitet mit zwei Handys und zwei verschiedenen Netzen, um stets erreichbar zu sein. Andre Stenda, Bürgermeister von Hohenroda, hat Freunde, die nur noch auf dem Dachboden telefonieren. Für die absoluten Funklöcher im Kreisgebiet – wie Machtlos und Licherode – helfen solche Strategien nicht.

Seit Jahren bemühen sich die dortigen Bürgermeister vergeblich um ein besseres Mobilfunknetz – mittlerweile hat sich ein gewisser Galgenhumor eingestellt: „Wenn man in Machtlos das Handy hochwirft – und wenn es schnell ist und man Glück hat – empfängt man vielleicht eine SMS“, sagt Ronshausens Bürgermeister Markus Becker.

Versorgungsauftrag wird nicht eingehalten

Aus Sicht seines Kollegen Georg Lüdtke halten die Mobilfunkanbieter ihren Versorgungsauftrag nicht ein: „Es wird sich aus der Verpflichtung gemogelt“, sagt der Alheimer Bürgermeister. Von Vodafone heißt es dazu, die Netzbetreiber hätten sich lediglich verpflichtet, bis 2020 mindestens 97 Prozent der Haushalte in jedem Bundesland zu versorgen. Also eine hessenweite Quote, Auflagen für die einzelnen Kreisgebiete gebe es keine. „Aber die Anbieter können sich eben nicht nur die Rosinen rauspicken“, sagt Bürgermeister Markus Becker.

Ein Netz aus Sendemasten

Ein Netz von Mobilfunkstationen soll den lückenlosen Handyempfang im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sicherstellen. Vodafone etwa betreibt 57 Sendemasten im Kreisgebiet. Die Reichweite der Stationen ist begrenzt – und stark von den äußeren Begebenheiten abhängig. Dazu zählen die Dichte der Bebauung, die Bewaldung sowie die Beschaffenheit des Geländes und das Wetter. Alle Faktoren können die Übertragung der Signale einschränken. Es sei normal, dass es einige „weiße Flecken“ im Kreis gebe, heißt es von der Telefonica. Sowohl die Telekom als auch Vodafone planen weitere Stationen im Kreis – um bereits abgedeckte Gebiete besser zu versorgen.

Von Clemens Herwig

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