Verzweifelte Suche nach Bauland

Häuser bauen verboten: Vorschriften zwingen junge Niederguder zum Warten

Sie sind zum Warten verdammt: von links Jana König, Elia Svitek und Daniel Krapf wollen in Niedergude bauen.  Sie stehen auf einem Acker, der Familie Krapf gehört und der derzeit verpachtet wird. Gebaut werden darf hier nicht.
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Sie sind zum Warten verdammt: von links Jana König, Elia Svitek und Daniel Krapf wollen in Niedergude bauen. Sie stehen auf einem Acker, der Familie Krapf gehört und der derzeit verpachtet wird. Gebaut werden darf hier nicht.

In einer Zeit, wo es scheinbar viele junge Leute in die Städte zieht, scharrt in Niedergude eine neue Generation mit den Hufen. Doch die Pläne scheitern an Vorschriften.

Niedergude – Zwei junge Männer und zwei Paare suchen in Niedergude verzweifelt nach Bauland, auf dem Bauen auch erlaubt ist. Das ist auf einigen Grundstücken am Sportplatz zwar der Fall, aber die Besitzer wollen weder bauen noch verkaufen. Und das Bauamt im Landratsamt genehmigt bislang keine neuen Anträge.

Für Philipp Nöding ist die Sache ziemlich klar: „Wenn ich hier nicht bald bauen kann, gehe ich weg aus Niedergude. Dann ziehe ich näher an meine Arbeitsstelle.“ Das wäre Philippsthal. „Ewig kann ich nicht warten“, sagt der 25-Jährige, der bei seinen Eltern lebt – kein Dauerzustand. Die Hürden für die Genehmigung von Neubauten sind vielfältig. Schlüsselwörter sind Zersplitterung, landwirtschaftliche Fläche, Flächennutzungsplan und Dorferneuerung. Philipp Nödings Fall ist besonders kurios.

Der Bauantrag von Nödings Bruder wurde 2016 genehmigt. Er hat gegenüber von seinem Elternhaus am Ortseingang gebaut. Das Gebiet wird als Außenbereich klassifiziert – dort gibt es von vornherein höhere Hürden für den Hausbau. Außerdem ist das Grundstück landwirtschaftliche Fläche. Auch wenn sie als solche nicht genutzt wird. Sie gehört Vater Uwe Nöding. „Ich habe das Land gekauft, um Bauplätze zu schaffen. Mit solchen Problemen habe ich nicht gerechnet“, sagt er. Das für Sohn Philipp vorgesehene Grundstück habe dieselben Voraussetzungen wie das seines anderen Sohnes, wo der Bau 2016 genehmigt wurde. Das Bauamt führt nun als Gegenargument an, ein Haus an dieser Stelle würde für eine „Zersplitterung“ sorgen.

Stichwort: Splittersiedlung

Zum Begriff Splittersiedlung sagt Kreis-Pressesprecherin Jasmin Krenz, dieser sei gesetzlich nicht definiert. Er ergebe sich aus dem Wortsinn. Eine Splittersiedlung sei gekennzeichnet durch Bauten, die „in keiner Beziehung zu dem im Zusammenhang bebauten Ortsteil stehen“. Also eine „bloße Ansammlung von Gebäuden, die zu einer Zersiedlung der Landschaft im Außenbereich führt“. Dies könne auch angenommen werden durch die „Ausuferung eines im Zusammenhang bebauten Ortsteils“. Grundsätzlich gelte: Die Ausweitung der Bebauung könne „grundsätzlich nur auf der Grundlage eines Bebauungsplans oder einer anderen Satzung erfolgen. Planungshoheit hat hierfür die Kommune und nicht der Landkreis.“

Ortsvorsteher: Es gibt in Niedergude keine Baulücken

„Das ist Unsinn“, sagt Ortsvorsteher Gerhard Anacker. Es gebe in Niedergude keine Baulücken im Ortskern und nur ein einziges leer stehendes Haus. Alle Grundstücke, für die sich die jungen Leute interessieren, liegen direkt neben anderen Wohnhäusern.

Auch die Argumentation, dass der sogenannte Außenbereich für Landwirtschaft reserviert ist, lässt Anacker unter heutigen Voraussetzungen nicht mehr gelten. „Es geht da nicht um riesige Flächen. Wenn die Landwirte mal 1000 Quadratmeter verkaufen, sind das für sie in der Regel Peanuts. Wenn sie das nicht wollen, ist die Sache ja eh erledigt. Aber die Landwirte wissen selbst, dass wir mit der Zeit gehen müssen.“ Niedergude sei mit rund 20 Landwirten im Nebenerwerb sehr breit aufgestellt. „Aber wenn irgendwann niemand mehr da ist, haben wir auch nichts davon.“

Das Argument einer vermeintlichen Zersplitterung durch Neubauten in Niedergude können von links Ortsvorsteher Gerhard Anacker, Uwe Nöding und Philipp Nöding nicht nachvollziehen.

Zu den Grundstücken, auf denen schon heute gebaut werden dürfte, sagt Anacker: „Die Besitzer heben das für ihre Enkelkinder auf, weil sie hoffen, dass die irgendwann noch hier bei uns bauen. Aber auf den Grundstücken passiert jetzt schon seit über 30 Jahren nichts.“ Problematisch sei, dass die Gemeinde Alheim bei der Ausweisung des Baugebiets keinen Zeitrahmen für die Bebauung vorgegeben habe. Außerdem dürfen in Niedergude bis 2025 keine Baugebiete ausgewiesen werden, weil der Ort Mittel aus dem Dorferneuerungsprogramm erhalten hat.

„Wenn es hier nicht geht, muss ich es irgendwann woanders machen“

All die Formalien ändern nichts an den Nöten der jungen Menschen. So berichtet zum Beispiel die 23-jährige Jana König, die selbst aus Bebra kommt und mit dem Niederguder Nico Brandtner liiert ist: „Niedergude ist für mich ein Zuhause, ich möchte hier leben. Im Moment zahlen wir Miete. Und in naher Zukunft wollen wir auch eine Familie gründen. Aber vorher wollen wir das Haus bauen.“

Der 26-jährige Daniel Krapf lebt wie Philipp Nöding bei seinen Eltern. Auch er will nicht mehr ewig warten. „Nach der Genehmigung dauert es ja auch noch mal, bis man auch wirklich mit dem Bauen anfangen kann.“ Elia Svitek, der aus Braach kommt und über den Fußball im Gudegrund gelandet ist, beschäftigt noch etwas anderes: Er ist mit 33 Jahren etwas älter als seine Mitstreiter. „Ich will nicht erst mit 40 Jahren bauen und dann bis zur Rente abbezahlen müssen“, sagt er. „Wenn es hier nicht geht, muss ich es irgendwann woanders machen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie mit uns umgegangen wird. Überall hört man, dass die Leute die Dörfer verlassen. Wir wollen hier bauen, dürfen aber nicht“, sagt Svitek.

Bürgermeister Schmidt: Enteignung will niemand

Das Bauamt, das am Landratsamt Hersfeld-Rotenburg angesiedelt ist, ist zwar für Baugenehmigungen zuständig. Die Voraussetzungen dafür müssen aber die Kommunen schaffen. Dazu gehören Flächennutzungspläne und die Ausweisung von Baugebieten. Darauf weist Kreis-Pressesprecherin Jasmin Krenz hin.

Die Frage, warum im Fall der Familie Nöding heute eine Genehmigung nicht erteilt wird, die 2016 unter den gleichen Voraussetzungen für den Bruder noch erfolgt ist, kann sie ebenfalls nicht beantworten. Nödings haben Widerspruch eingelegt – es handelt sich also um ein laufendes Verfahren.

Alheims Bürgermeister Jochen Schmidt sagt zur Frage, ob die Gemeinde etwas tun kann, um den jungen Menschen zu helfen: „Bis 2025 werden keine neuen Baugrundstücke in der Gemeinde ausgewiesen, weil Alheim im Dorferneuerungsprogramm ist.“ Der Hintergrund: Die Dorfentwicklung soll Dorfkerne weiterentwickeln. Während der Teilnahme am Programm dürfen keine neuen Baugebiete ausgewiesen werden, die mit der Entwicklung des Ortskerns konkurrieren. Wenn eine Gemeinde das doch tut, muss sie aus dem Programm erhaltenes Geld zurückzahlen.

Aus dem Umweltministerium, das für die Dorfentwicklung in Hessen zuständig ist, heißt es allerdings auf Nachfrage unserer Zeitung: Wenn es im Ortskern keinen Leerstand gibt und keine freien Bauplätze, sei die Ausweisung von neuem Bauland auch bei Teilnahme am Landesprogramm grundsätzlich möglich. „Konkretes muss gegebenenfalls im Einzelfall bewertet werden“, erklärt Pressesprecherin Julia Stoye.

Bürgermeister Schmidt sagt weiter, dass die Gemeinde Alheim auch niemanden dazu zwingen könne, seine Baugrundstücke zu veräußern. Das ginge nur mit einer Enteignung, „was natürlich niemand will“. (Christopher Ziermann)

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