Totschlags-Prozess von Lispenhausen

Glaubenskrieg vor Gericht um Geo-Daten aus dem Handy

Tatort Lispenhausen: In diesem Haus starb die Ehefrau des Angeklagten. Foto: TV NEWS Hessen

Fulda - Im Totschlags-Prozess von Lispenhausen streiten Verteidigung und Gutachter um die Zuverlässigkeit der Geo-Daten aus dem Handy des Angeklagten.

Es ging vor dem Fuldaer Schwurgericht um Funkzellen, drahtlose Netzwerke sowie Zeiten und Positionen des Ortungssystems GPS.

Im Mittelpunkt stand dabei der Widerspruch zwischen den Angaben des Angeklagten und der Auswertung seines Blackberry-Mobiltelefons. Der 37-Jährige, der die Tötung seiner Ehefrau bestreitet, will zur mutmaßlichen Tatzeit am 17. Oktober 2017 bereits wieder zuhause in Seifertshausen gewesen sein. Die Geo-Daten seines Handys verorten ihn jedoch bis gegen 20.17 Uhr noch nahe der Wohnung seiner von ihm getrennt lebenden Frau. Verteidiger Harald Ermel konnte es zwar als Teilerfolg verbuchen, dass die Positionen und Zeitangaben aus dem Telefon seines Mandanten möglicherweise doch nicht so exakt waren wie zunächst angenommen. Die in einem umfänglichen und durch mehrere nachträgliche Testfahrten erweiterten Gutachten festgestellten Abweichungen betragen jedoch maximal zwei Minuten.

Da auch die Registrierung der vom Handy ausgehenden Daten mit Verzögerung erfolgen kann, gestand Sachverständiger Werner Poppitz aus Unterhaching im konkreten Fall insgesamt bis zu vier Minuten Differenz zu – das würde die Anwesenheit des Angeklagten auf 20.13 Uhr begrenzen. Dies reicht freilich nicht aus, um die Aussage des 37-Jährigen zu untermauern.

Grundsätzliche Zweifel

Zwischen dem Gutachter und Verteidiger Ermel entspann sich im Gerichtssaal ein Glaubenskrieg: Während Poppitz nach seinen Versuchsfahrten, bei denen er mit einem GPS-Tracker und dem Originalhandy des Angeklagten arbeitete, die ursprüngliche Auswertung im Wesentlichen bestätigt sah, bezweifelt Ermel die Daten grundsätzlich.

So hat er aus einzelnen Positionsdaten des über 150 Seiten dicken Gutachtens Verläufe errechnet, nach denen das Auto zwischen zwei Punkten mit durchschnittlich 100 km/h unterwegs gewesen sein muss – in der geschlossenen Ortschaft.

Der Sachverständige Poppitz, der jede einzelne Testfahrt ausführlichst dokumentiert hatte und vor Gericht referierte, verwies jedoch stets auf die unterschiedlichen Datenquellen: Ein Handy bediene sich je nach Verfügbarkeit bei GPS, Funkzellen oder drahtlosen Netzwerken, in der Häufigkeit auch abhängig davon, ob ein Programm wie Google Maps im Vordergrund oder im Hintergrund gearbeitet hat. Die Zuverlässigkeit ergebe sich aus der Datenmenge und des Toleranzbereiches der einzelnen Position: je geringer, desto genauer.

Am kommenden Freitag will das Schwurgericht die beiden medizinischen Gutachter hören. Geschieht nichts Unvorhergesehenes, könnte in der Woche darauf plädiert und ein Urteil gefällt werden.

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