Interview mit JGS-Hauptschulleiterin Heike Schiller und Sozialpädagogin Iris Schulte aus Rotenburg

„Für die Schulkinder ist der Corona-Alltag extrem anstrengend“

Das Foto zeigt die Sozialpädagogin Iris Schulte (links) und Hauptschulzweigleiterin Heike Schiller von der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg in einem leeren Klassenzimmer.
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Die Stühle in den Klassenräumen blieben diesmal auch nach den Ferien meist auf den Tischen. Sozialpädagogin Iris Schulte (links) und Hauptschulzweigleiterin Heike Schiller erklären, wie sie sich um die Kinder kümmern.

Der Schulalltag unter Corona-Bedingungen trifft viele Schüler sehr hart. In unserem Montagsinterview haben wir darüber mit zwei Fachfrauen gesprochen.

Rotenburg – Die Gesellschaft läuft durch den Corona-Alltag im Moment Gefahr, einige Kinder zu „verlieren“, meinen viele Lehrer, Eltern und Oppositionspolitiker. Stimmt das? Wir haben darüber mit Sozialpädagogin Iris Schulte, die an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg für die Hauptschüler zuständig ist, und Zweigleiterin Heike Schiller gesprochen.

Der Lockdown trifft vor allem die ohnehin benachteiligten Kinder, kritisieren Opposition und Lehrerverbände in Hessen. Diese Schüler vermutet man am ehesten in der Hauptschule – zu Recht?

Heike Schiller: Nein. Es gibt überall Kinder, die große Schwierigkeiten mit der derzeitigen Situation haben – im Realschulzweig und auf dem Gymnasium genauso. Dass das vor allem ein Problem des Hauptschulzweigs sein soll, ist ein Klischee.

Ab der 7. Klasse müssen mit Ausnahme der Abschlussjahrgänge alle Jugendlichen zu Hause bleiben. Sind 13-Jährige schon bereit dafür, eigenständig zu arbeiten, wenn die Eltern den ganzen Tag an der Arbeit sind?

Iris Schulte: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt auch in der 7. Klasse Kinder, die sehr zielstrebig sind. Und es gibt auch Jugendliche in den älteren Jahrgängen, die mit selbstständigem Arbeiten große Probleme haben. Schiller: Es stimmt schon, dass es für die Schüler mit Beginn der Pubertät viele Herausforderungen gibt, wo sich das Leben nicht mehr so vornehmlich um die Schulaufgaben dreht. Schulte: Kinder kommen auch in die Schule, um Freunde zu treffen oder vielleicht den süßen Typ aus der Oberstufe zu sehen, zusammen Musik zu hören. Dieser Austausch mit den Gleichaltrigen – das ist das, was gerade am meisten fehlt.

Gibt es da zwischen Hauptschülern und denen auf der Realschule und dem Gymnasium überhaupt keine Unterschiede?

Schiller: Im Hauptschulzweig vermissen die Kinder im Moment ganz besonders ihre Lehrkräfte als Bezugspersonen, an denen sie sich auch mal reiben und mit denen sie sich austauschen können. Das hat schon eine größere Bedeutung als in den anderen Schulzweigen. Schulte: Man sagt ja, Pubertät ist, wenn die Eltern kompliziert werden. Deswegen ist es für Kinder sehr wichtig, gerade in dieser Phase auch andere Erwachsene um sich herum zu haben. Es fällt ihnen manchmal leichter, einen Rat anzunehmen, wenn er nicht von Mama oder Papa kommt.

Wie bekommen Sie derzeit mit, wenn ein Kind Probleme hat?

Schulte: Im Schulalltag gibt es Kinder, die kreisen in einer Stunde dreimal um mich herum – da weiß ich dann, vielleicht muss ich mal nachfragen. Das geht im Moment natürlich nicht. Genauso bekommen wir von Konflikten unter den Schülern im Moment nichts mit, weil sie eben nicht hier sind. Das geht nur, wenn sich die Kinder oder Eltern bei uns melden. Dazu wollen wir ausdrücklich ermuntern, egal ob per E-Mail oder Anruf.

Normalerweise besuchen Sie die Schüler und Eltern auch zu Hause. Geht das im Moment auch?

Schulte: In dringenden Fällen ist es möglich. Möglichst draußen und mit Maske.

Es gibt, ausdrücklich nicht nur in der Hauptschule, auch Jugendliche, die kriminell sind, Drogen nehmen oder psychisch krank sind. Verschlimmern sich diese Probleme im Moment?

Schulte: Gerade für psychisch belastete Kinder ist die Pandemie eine zusätzliche Belastung und verstärkt teilweise die Probleme. Es ist gut, dass einige dieser Jugendlichen schon von unseren außerschulischen Partnern wie Jugendamt, Jugendpsychiatrie und Polizei begleitet werden. Das läuft auch im Lockdown weiter. Unsere Möglichkeiten der Unterstützung und Kooperation sind aber aktuell sehr erschwert.

Ist Schule im Lockdown grundsätzlich für alle Kinder ein Problem?

Schulte: Nein, nicht unbedingt. Es gibt auch Kinder, die einen großen Motivationsschub haben, weil sie in der Schule Probleme haben mit dem Lernen und sich zu Hause nun sogar besser konzentrieren können. Außerdem entdecken manche neue Interessen. Zum Beispiel fangen sie auf einmal an zu malen oder gehen in den Wald. Es gibt aber auch das Gegenteil: Schüler, die eigentlich große Unterstützung brauchen und schnell frustriert sind, wenn etwas nicht klappt. Es gibt im Moment sicherlich wesentlich mehr Kinder, die verunsichert und traurig sind oder Probleme beim Schlafen oder Aufstehen haben. Manche verpassen morgens um 8.15 Uhr die Videokonferenz, mit der ihr Schultag beginnt.

Passiert das häufiger?

Schiller: Es gibt ein paar Kinder, da ist das jetzt schon zwei oder dreimal vorgekommen. Dann nehmen wir Kontakt zu den Eltern auf.

Und wenn die Verständigung schwierig ist, weil zum Beispiel die Eltern nicht so gut Deutsch sprechen?

Schiller: In den Fällen haben wir ja auch schon unabhängig von Corona Ansprechpartner wie Geschwister, Freunde der Familien oder Dolmetscher. Diese Kontakte nutzen wir jetzt genauso.

Wie muss man sich den Unterricht vorstellen? Gibt es auch Frontalunterricht?

Schiller: Ja. Mit der Schulplattform kann man virtuell unterrichten, indem die Lehrkraft erklärt und alle Schüler Fragen stellen können. Und es gibt Aufgaben, die selbstständig erledigt werden. Das variiert, je nach Fach und Lehrer.

Wie klappt es mit der Selbstorganisation von 13-Jährigen?

Schulte: Das ist eine riesige Herausforderung. Sich eigenständig zu motivieren, sich selbst den Rahmen zu setzen, den normalerweise der Gong und die Klassenräume bieten – das ist für die Kinder extrem anstrengend.

Und für die Lehrer?

Schiller: Die Lehrer und Lehrerinnen zeigen ein unglaublich hohes Engagement. Sie hetzen zwischen Präsenzunterricht mit der Abschlussklasse und der nächsten Stunde mit einer 7. oder 8. Klasse nach Hause, weil die technischen Voraussetzungen zu Hause einfach besser sind. Außerdem melden wir uns bei allen Schülern individuell, was sonst für die gesamte Gruppe im Klassenraum passiert. Was da an Zusatzarbeit geleistet wird, ist immens.

Unsere Kreisschülersprecherin Wiebke Maibaum hat betont, dass die Lehrer im Alltag nicht nur auf die Aufgaben, sondern auch das Wohlbefinden der Schüler achten sollen. Wie klappt das?

Schiller: Die Lehrer lassen sich viel einfallen, um für Abwechslung zu sorgen. Das geht vom Quiz über praktische Übungen, bei denen die Jugendlichen aus Alltagsgegenständen Lernmaterialien herstellen, bis zum einfachen Plausch mit den Schülern. Schulte: Es ist für viele Kinder ganz wichtig, sich auch gegenseitig zu sehen bei Videokonferenzen. Es gibt viele Angebote, zum Beispiel empfehlen Lehrer auch Sport-Videoanleitungen für die Schüler oder geben Tipps zur Beschäftigung. Oder sie bekommen die Aufgabe, mal raus in die Natur zu gehen und zu beschreiben, wie sich das anfühlt.

Auch dieses Jahr gibt es Lehrpläne. Kann man unter diesen Umständen genauso viel Wissen vermitteln wie sonst?

Schiller: Fragen Sie mich am Ende des Schuljahres noch mal. Nach den Weihnachtsferien wurde jetzt erst mal viel wiederholt. In den kommenden Wochen müssen wir natürlich auch wieder viel stärker an den neuen Stoff ran. Das wird eine Herausforderung. » 

Das Interview führte Christopher Ziermann

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