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Fragen & Antworten zum kreisweit ersten kommunalen MVZ in Bebra

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Von: Clemens Herwig

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Haben viel vor: Die neuen Geschäftsführer der „be! med“ Behcet Iscioglu (links) und Volkmar Hanf vor dem Haus Nora an der Apothekenstraße. Dort soll das kreisweit erste kommunale MVZ im Januar 2023 eröffnen.
Haben viel vor: Die neuen Geschäftsführer der „be! med“ Behcet Iscioglu (links) und Volkmar Hanf vor dem Haus Nora an der Apothekenstraße. Dort soll das kreisweit erste kommunale MVZ im Januar 2023 eröffnen. © Clemens Herwig

Die Stadt Bebra betritt im Kampf gegen den Hausärztemangel Neuland und stemmt als erste Kommune im Landkreis Hersfeld-Rotenburg den Aufbau eines eigenen Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ).

Bebra – Im Januar 2023 soll das Ärztehaus in der Innenstadt unweit des Einkaufszentrums eröffnen. Wir haben mit den beiden Geschäftsführern des neu gegründeten städtischen Tochterunternehmens „be! med AöR – Das Gesundheitszentrum“ gesprochen, die das Projekt auf sichere Füße stellen sollen, und beantworten wichtige Fragen.

Was verbirgt sich hinter dem recht sperrigen Namen der „be! med“?

Die 100-prozentige Tochterfirma der Stadt ist eine sogenannte Anstalt öffentlichen Rechts (AöR). Sie arbeitet ähnlich wie der öffentliche Rundfunk eigenständig, wird aber von einem Verwaltungsrat unter Vorsitz von Bürgermeister Stefan Knoche kontrolliert. Das Unternehmen soll sich selbst „oder durch Zuschuss der Kommune“ finanzieren. Bebra haftet auch bei Forderungen Dritter, etwa der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und den Krankenkassen – die damit Zugriff auf die Stadtkasse bekommen. Die Entscheidung für die Rechtsform fiel nach der Beratung durch ein Anwaltsbüro – auch deshalb, weil sich das MVZ so schnellstmöglich realisieren lasse.

Bereits für dieses Jahr hat die Stadt eine halbe Million Euro für den Aufbau freigegeben. Wie weit muss die Finanzspritze aufgezogen werden?

Die halbe Million Euro werde im laufenden Jahr nicht ausgeschöpft, sagen die beiden Geschäftsführer der neugegründeten „be! med“. Die kaufmännische Leitung hat der Bebraner Volkmar Hanf übernommen, medizinischer Geschäftsführer ist Behcet Iscioglu aus Rotenburg. Dennoch wird das MVZ eine Belastung für den Bebraer Haushalt: Bis es auf eigenen Beinen steht und „schwarze Zahlen schreibt, dauert es drei bis fünf Jahre“, sagt Hanf. Bis dahin werde Bebra für den Lückenschluss bei der Hausarztversorgung rund 1,5 Millionen Euro in das Projekt investieren müssen.

Die Stadt betritt damit Neuland – gilt das auch für die Geschäftsführer?

Zumindest vom Lebenslauf her bringen beide Erfahrung mit, zudem sind sie in der Region gut vernetzt. „Der Aufbau von Institutionen, Personalführung und kaufmännische Leitung sind für mich kein Neuland“, sagt Bebras ehemaliger Erster Stadtrat Volkmar Hanf. Dass es für Versorgungszentren mit kommunaler Trägerschaft kaum Blaupausen gibt, ist für den 56-Jährigen „das Spannende“ an seinem neuen Job. Hanf hatte vor 17 Jahren die Kinderkrippe Bebra „Die kleinen Strolche“ mitaufgebaut, bei seiner neuen Aufgabe sieht er dazu Parallelen: „Auch das war damals streng genommen noch nicht die Aufgabe einer Kommune.“ Behcet Iscioglu wird seine Praxis in Bebra weiterführen und mit zehn Wochenstunden den Aufbau des MVZ begleiten. „Ich werde als Geschäftsführer zum ersten Mal nicht selbst operativ tätig sein“, sagt der 46-Jährige.

Was ist die Aufgabe des medizinischen Geschäftsführers?

Behcet Iscioglu hat das letzte Wort, wenn es um die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Ärzte im Versorgungszentrum geht. Zudem kontrolliert er, wie gut die Praxisleitung funktioniert, die im Alltag einer der angestellten Ärzte übernehmen soll. Der medizinische Geschäftsführer entscheidet also beispielsweise nicht über die richtige Behandlung für die Patienten, sondern ob und welche neue Software für die Abrechnung der Ärzte angeschafft wird.

Was ist das Ziel des Bebraer Projekts?

Eine „langfristige und nachhaltige medizinische Versorgung“ mit Fokus auf Hausärzte in Bebra, sagen die Geschäftsführer. Wenn sich darüber hinaus auch Fachärzte im Gesundheitszentrum an der Apothekenstraße ansiedeln wollen, „wäre das ein Traum“, so Iscioglu. Bei Erfolg könnte das städtische MVZ auch zurück in private Hände wandern. „Unser Ziel ist es aber nicht, dass MVZ in drei bis fünf Jahren wieder abzustoßen, sondern die Versorgung sicherzustellen und möglichst viel Verantwortung mit den Medizinern zu teilen“, sagt Volkmar Hanf.

Ohne Mediziner gibt es kein MVZ. Wie geht es beim Personal voran?

Ein Vertrag mit einer Fachärztin sei bereits unterschrieben, auch bei den Gesprächen mit einem Hausarzt wähnen sich die Geschäftsführer der „be! med“ auf der Zielgeraden. Besetzt werden sollen in Bebra zunächst eineinhalb Arztsitze, die bei der Kassenärztlichen Vereinigung beantragt werden müssen. Zudem werden bereits zum Start vier medizinische Fachangestellte benötigt. „Ohne die kann kein Arzt seine Praxis führen, mit ihnen steht und fällt der Betrieb. Wer etwas anderes sagt, weiß nicht, wovon er spricht“, betont Behcet Iscioglu. Die Gespräche für die Stellen liefen.

Ohne Praxisräume gibt es ebenfalls kein MVZ. Wann ist die Standortfrage in trockenen Tüchern?

Noch im September soll ein Mietvertrag mit dem VR-Bankverein abgeschlossen werden. Dessen Gebäude in der Innenstadt werde dann auf knapp 200 Quadratmetern für die MVZ-Bedürfnisse hergerichtet, die Planung eines Spezialbüros aus Mittelhessen liege dafür vor. Der Umbau werde voraussichtlich zwei Monate in Anspruch nehmen.

Der hessische Hausärzteverband sieht Kommunen als Träger eines MVZ kritisch. Was ist dran an der Angst vor der Wettbewerbsverzerrung?

Die Geschäftsführer können die Sorge nachvollziehen, betonen aber, dass lediglich eine bereits existierende Versorgungslücke in Bebra geschlossen werden soll. „Wir sind kein klassischer Wettbewerber. Die Sicht des Verbands ist die Sicht der Hausärzte, die bereits berufstätig sind. Unser MVZ ist ein Produkt der Wünsche derer, die vor dem Berufsstart stehen“, sagt Volkmar Hanf. Verhandelt werde mit Ärzten, die zunächst das Angestelltenverhältnis suchten und nicht das finanzielle Risiko und die mögliche Arbeitsbelastung durch eine eigene Praxisgründung auf sich nehmen wollten. Die vielbeschworene „Work-Life-Balance“ habe unter jungen Medizinern einen hohen Stellenwert und soll bedient werden. Das Bebraer MVZ habe nicht die Absicht, möglichst viele für die Region Rotenburg, Bebra, Alheim und Ronshausen verfügbaren KV-Arztsitze an sich zu ziehen. Der Hausärzteverband hatte ein „verstaatlichtes ambulantes Gesundheitswesen“ befürchtet. „Besser eine kontrollierte als gar keine Versorgung“, sagt Behcet Iscioglu.

Auch andere Kommunen ringen um Hausärzte. Macht das Bebraer Modell jetzt Schule?

Mindestens eine weitere Kommune hat bereits Interesse an der Bebraer Idee angemeldet. Die Geschäftsführer betonen, dass die „be! med“ für weitere Städte und Gemeinden offen ist. Vorstellbar seien langfristig etwa Ableger vor Ort, die von den in Bebra gemachten Erfahrungen profitieren könnten.

Zu den Personen:

Behcet Iscioglu (46) stammt gebürtig aus Bocholt in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Medizinstudium in Gießen absolvierte er von 2003 bis 2008 seine Assistenzzeit im Klinikum in Bad Hersfeld zum Kinder- und Jugendarzt. Nach einer dreijährigen Weiterbildung zum Kinderkardiologen in Göttingen arbeitete er ab 2011 zunächst als Angestellter in einer Praxis in Bebra, bevor er nach einem halben Jahr dort Miteigner wurde. Iscioglu wohnt seit 2004 in Rotenburg. Der 46-Jährige ist geschieden, lebt in einer neuen Beziehung und hat drei Kinder. Er ist begeisterter Jogger und bereitet derzeit die erneute Teilnahme an einem Marathon vor. 

Volkmar Hanf (56) ist in Wolfsburg und ab seinem neunten Lebensjahr in Bebra aufgewachsen. Nach dem Abitur an der Jacob-Grimm-Schule und einer Banklehre bei der Sparkasse studierte er in Frankfurt Wirtschaftspädagogik und absolvierte dort sein Referendariat als Berufsschullehrer. Ab 1997 arbeitete er als selbstständiger Unternehmensberater, ab 2014 leitete er Einrichtungen der Fortbildungsakademie der Wirtschaft in Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Hanf ist seit 2006 Kommunalpolitiker, war Mitgründer von Gemeinsam für Bebra, zwölf Jahre Fraktionschef und zuletzt Erster Stadtrat. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, sein Hobby: Skifahren.

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