Integrationskonzept ausgezeichnet

Vier Flüchtlinge sind fester Bestandteil der Alheimer Feuerwehr-Einsatzkräfte

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Als Team bereit für den Einsatz: Andre Hildebrand (von links), Mohammad Ejad Albandagji, Bernd Hildebrand, Hadi Tamimi und Claudia Patermann sind seit zwei Jahren Kameraden.

Alheim. Flüchtlinge übernehmen in Alheim zunehmend eine Rolle bei der Feuerwehr. Das ist nicht ohne Herausforderungen - doch vor Ort sind alle vom Ansatz überzeugt. 

Die Herausforderung sind nicht die Fachbegriffe wie Rettungsspreizer und Löschgruppenfahrzeug, sagt Mohammad Ejad Albandagji. Deutsch wird bei den Feinheiten kompliziert: „Den Unterschied zwischen Gemeinde und Kommune zu verstehen ist schwierig“, sagt er.

Der Syrer lebt seit mehr als zwei Jahren mit seiner fünfköpfigen Familie im Alheimer Ortsteil Niederellenbach und ist einer von derzeit vier Geflüchteten, die in den Freiwilligen Feuerwehren der Gemeinde aktiv sind. 35 Einsätze hatte seine Wehr im vergangenen Jahr zu stemmen – einen Großteil davon hat der 40-Jährige mitgemacht, in voller Montur, als Teil der Truppe. „Ich liebe meine Mannschaft“, sagt er.

Doch der Start war holprig. „Uns war klar: Da müssen alle mitziehen“, sagt Bernd Hildebrand, Wehrführer in Niederellenbach und Gemeindebrandinspektor, als die Flüchtlingshilfe im Sommer 2016 mit ihrer Idee an die Feuerwehr herantrat. Das klappte: Niederellenbach legte vor, Heinebach zog nach. Bald stockten sechs neue Gesichter die Einsatzabteilung auf. Die Verständigung mit den frischen Kameraden war schwierig. Wenn etwas mit Händen und Füßen nicht mehr zu erklären war, musste es der Google-Übersetzer richten.

Einsatz zahlt sich aus

Hadi Tamimi erinnert sich an die ersten Theorieübungen: „Wir saßen zusammen und Bernd hätte beim Erklären auch in der Nachbarstraße stehen können“, sagt der 50-jährige Südiraner über seinen Wehrführer. Doch die Zeit mit den Feuerwehrkameraden zahlt sich aus: „Ich bin bei den Deutschkursen ganz weit vorn“, sagt der Vater von zwei Kindern, der in seiner Heimat als Lagerist am Hafen gearbeitet hat. Die Geflüchteten finden über die Feuerwehr schnell Anschluss in der Gemeinde und geben ihre Erfahrungen in der Familie und an Mitflüchtlinge weiter.

Für die Wehren in Heinebach und Niederellenbach sind sie eine willkommene Verstärkung: Auch an ihnen geht der Nachwuchsmangel nicht spurlos vorbei. Ein Potenzial, das andererorts nicht genutzt wird, sagt Feuerwehrmann Andre Hildebrand. Die Alheimer hoffen nun auf eine Vorreiterrolle. Wenn alles gut läuft, sollen Hadi und Mohammad in spätestens zwei Jahren den Grundlehrgang schaffen. „Den praktischen Teil könnten die beiden jetzt schon ablegen“, sagt Bernd Hildebrand. Mit Genehmigung der Landesfeuerwehrschule will er die Unterlagen für den theoretischen Teil so überarbeiten, dass sie auch für Nicht-Muttersprachler verständlich sind.

Das Problem Bleiberecht

Bleibt nur das Problem Bleiberecht: Dass sie ihre neuen Kameraden notfalls wieder ziehen lassen müssten, macht den Einsatzkräften Sorge. „Das Engagement der beiden dürfte ruhig berücksichtigt werden“, sagt Feuerwehrfrau Claudia Patermann.

Der erste Einsatz von Mohammad Ejad Albandagji war ein Brand in Heinebach. In seiner Heimat hat der 40-Jährige sich um die Elektrik von Autos gekümmert und Brautkleider verkauft. „Wir haben vorher darüber gesprochen“, sagt Andre Hildebrand. Dass es im Einsatz laut werden kann. Hektisch. Dass herumgebrüllt wird, weil sich die Einsatzkräfte sonst schlichtweg nicht verstehen. Dass es in schlimmen Fällen aussehen kann wie in einem Kriegsgebiet. „Es ist meine Aufgabe zu helfen“, sagt sein Kamerad, der nicht in sein zerstörtes Haus bei Damaskus zurückkehren kann. „Mir wurde ja auch geholfen.“

"Wir leben Integration"

Mit Aufkommen der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 wurde die Gemeinde Alheim aktiv und holte Parteien, Kirchen, Vereine und Feuerwehren an einen Tisch, um ein Konzept zum Umgang mit den Geflüchteten zu erarbeiten. Daraus entstand die Alheimer Flüchtlingshilfe: Etwa 20 Ehrenamtliche bilden den harten Kern, hinzu kommt ein Netzwerk von rund 80 Helfern, die jederzeit herangezogen werden können. Anlaufstelle und koordinierendes Element ist die Gemeindeverwaltung. „Integration wird bei uns nicht ständig diskutiert, sondern gelebt“, sagt Alheims Bürgermeister Georg Lüdtke. 

Der Schwerpunkt der Flüchtlingshilfe liegt auf selbstorganisierten Deutschkursen und Patenschaften. Seit Februar 2016 finden fünf Mal pro Woche Deutschkurse statt, zu einem guten Teil geben pensionierte Lehrer den Unterricht. Die Geflüchteten bekommen zudem einen festen Ansprechpartner zur Seite gestellt, einen Paten, der sie bei Behördengängen, aber auch im alltäglichen Leben in der Gemeinde unterstützt. Zudem fördert die Flüchtlingshilfe die Integration am Arbeitsmarkt und stellt Kontakt zu möglichen Arbeitgebern im Gemeindegebiet her. 

Arbeit im Dorfladen?

Derzeit laufen Gespräche mit den Gesellschaftern des Dorfladens in Oberellenbach, so Bürgermeister Lüdtke. Das Aus für den Dorfladen wurde zwar abgewendet (wir berichteten), dennoch werden in Oberellenbach Verkäufer gesucht: Hier könnten die Geflüchteten mitarbeiten. Alheim ist Modellkommune des Landes Hessen für Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum und wurde vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat ausgezeichnet. In der Jury-Begründung ist von einem „sehr positiven Pragmatismus“ die Rede, zudem würden Strategien und Erfahrungen anderen Kommunen zur Verfügung gestellt. Entsprechende Rückfragen von den Kommunen des Landkreises habe es bisher nicht gegeben, so Lüdtke. Dafür hätte die Gemeinde Hallerndorf aus Bayern Interesse gezeigt. In der Gemeinde Alheim leben zurzeit 42 Geflüchtete, überwiegend Familien.

Quelle: HNA

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