Die Ärzte sahen schwarz

Erst Spitzenläufer, dann Koma-Patient: Rotenburger kämpft sich ins Leben zurück

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Triumph und Unfall: Kurz nachdem Peter Seifert 2011 einen neuen deutschen Rekord über 50 Kilometer in Marburg  aufgestellt hatte, erlitt er bei einem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma. 

Rotenburg. Er galt als eines der größten Lauftalente, stellte einen deutschen Rekord auf. Doch dann wurde Peter Seifert während des Trainings in Spanien von einem Auto angefahren.

Er wurde lebensgefährlich verletzt: Schädel-Hirn-Trauma, zwei Monate Koma. Die Ärzte sahen schwarz für den Sachsen, der jetzt in Rotenburg lebt, sprachen von einem Pflegefall. Der heute 35-Jährige gab aber nicht auf, kämpft sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Jetzt will er in Rotenburg eine Selbsthilfegruppe für Gehirngeschädigte gründen.

„Ich möchte anderen Menschen die Möglichkeit geben, darüber zu sprechen, wie sie ihre Defizite kompensieren“, sagt Seifert. Der studierte Psychologe will Gruppentreffen organisieren, Einzelgespräche anbieten und gruppeninterne Vorträge zum Thema Gedächtnis halten. „Ich bin auch noch auf der Suche nach einem Raum, den wir unentgeltlich nutzen dürfen“, sagt Seifert.

Uralt-Rekord geknackt

An den Unfall im März 2011 kann er sich nicht mehr erinnern. Zehn Tage zuvor hatte er in Marburg noch den 17 Jahre alten deutschen Rekord über 50 Kilometer in zwei Stunden und 52 Minuten geknackt. Seifert träumt von einem Leben als Spitzensportler, will zur Weltmeisterschaft über 100 Kilometer. Sein damaliges Trainingspensum: drei Marathons pro Woche.

Kurz nach seiner Fabelzeit in Marburg fliegt er ins Trainingslager nach Lanzarote. Dort kommt es zu dem furchtbaren Unfall: Seifert läuft mit einem Lauffreund eine Landstraße entlang. Auf Höhe einer Ausfahrt biegt plötzlich eine Autofahrerin ohne zu blinken nach rechts ab und erwischt Seifert. Er wird durch die Luft geschleudert, schlägt gegen die Windschutzscheibe, prallt auf den Asphalt.

Dass er danach per Hubschrauber erst ins Krankenhaus auf die Nachbarinsel Gran Canaria, dann in eine Klinik nach Erfurt ausgeflogen wird, dass er zwei Monate im Koma liegt, dass Ärzte seinen „völlig zermatschten“ Schädelknochen im Labor nachzüchten – das alles weiß er nur aus Erzählungen. „Erste Erinnerungen habe ich erst wieder ab Juli“, sagt er, „das Vierteljahr dazwischen ist komplett gelöscht“. Selbst eine erneute Reise zum Unfallort hat „bei mir nichts angeregt“, sagt er.

Neun Monate Krankenhaus

Er bleibt neun Monate im Krankenhaus, zieht dann zu seinen Eltern nach Thüringen. In der Folge geben sich dort Logopäden, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten die Klinke in die Hand. Heute bezeichnet er seinen Gesundheitszustand als „gut“. Dass er nicht mehr der Spitzenläufer sein kann, der er einmal war – damit hat er sich abgefunden. Nach der Reha wagt er sich 2016 erstmals wieder unter Wettkampfbedingungen auf die Laufstrecke, wieder in Marburg. Diesmal läuft er zehn Kilometer in 63 Minuten. Dass seine Bestzeit bei 31 Minuten liegt – geschenkt.

Veränderte Prioritäten: Peter Seifert ist vor wenigen Tagen zum zweiten Mal Vater geworden. 

„Mit dem Unfall haben sich meine Prioritäten geändert“, sagt er. Stand früher der Sport für ihn ganz oben, widmet er sich jetzt vorrangig der Familie, dem Beruf und dann erst dem Laufen. Seit 2014 ist er verheiratet, vor wenigen Tagen wurde er zum zweiten Mal Vater. 2017 zog er nach Rotenburg, um sich im Herz-Kreislauf-Zentrum zum klinischen Neuropsychologen weiterbilden zu lassen.

Und seine sportlichen Ziele? „Ich will mich nach und nach verbessern. Vielleicht gehe ich beim Rotenburger Strandfestlauf an den Start“, sagt Seifert, der sich wünscht, irgendwann noch einmal einen Marathon zu laufen.

Dann gibt es da noch etwas, verrät er, „was ich bisher noch nicht probiert habe, von dem hier aber immer alle reden: Ahle Wurscht.“ Das will er aber bald nachholen. Er ist ja jetzt schließlich Rotenburger.

Kontakt:Peter Seifert,Tel. 01 72 / 35 56 559 oder über Facebook. Seine Internetseite www.sht-hilfe.de mit mehr Infos zur geplanten Selbsthilfegruppe geht in den kommenden Tagen online.

Quelle: HNA

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