Drei Tonnen Holz

Nordhessens letzte Korbflechter holen in Sterkelshausen Weide vom Feld

Sterkelshausen. Die Sterkelshäuser Korbflechterei der Familie Pfetzing ist die letzte ihrer Art in Nordhessen - und versorgt sich selbst. Wir waren bei der Weidenernte dabei.

Der Acker hat etwa die Größe eines Fußballfeldes, auf dem Boden könnten wunderbar Mais, Kartoffeln, Rüben oder Getreide wachsen. Doch die Ernte, die die Brüder Pfetzing bei Temperaturen um die Null-Grad-Grenze einfahren, ist eine andere: Reihe um Reihe mähen die Korbmacher Weidenruten ab und schnüren sie sorgfältig zu Bündeln zusammen. Seit 33 Jahren ernten die Pfetzings zwischen November und Februar das Feld am Ortseingang von Sterkerlshausen ab und gewinnen so das Material, das für ihren Beruf so wichtig ist.

„Wir sind fast ausschließlich Selbstversorger“, sagt Korbmacher-Meister Horst Pfetzing, und nennt dafür den entscheidenden Grund: „Hier kenne ich die Qualität.“ Für die Ernte müssen allerdings die Bedingungen passen. 

Horst Pfetzing bindet die frisch geernteten Weidenruten. Im Hintergrund liegen, säuberlich aufgereiht, weitere Bündel.

Das ist zum Einen die richtige Jahreszeit. Die Weiden müssen in der Saftruhe geschnitten werden, wenn die Blätter gefallen sind und sich die Säfte aus den Stöcken zurückziehen, damit sie nicht beschädigt werden und „bluten“. „Sonst würde der Saft regelrecht sprudeln“, sagt Horst Pfetzing. 

Zudem muss der Boden fest sein – ruhig gefroren – damit der Schlepper auf den Acker kann und nicht im Schlamm versinkt. Das war um den Jahreswechsel herum schwierig und sorgt nun nicht unbedingt für angenehme Arbeitstemperaturen. Zwei Tage lang dauert die Weidenernte, meist arbeiten die Korbmacher zu dritt.

Keine Angst vor Friederike

In Sterkelshausen wird vorausschauend gearbeitet, in der Korbflechterei stapeln sich Weidenvorräte für mindestens ein Jahr – falls die Ernte etwa aufgrund von Hagelschäden ausfallen sollte. Ein großer Aufreger der letzten Wochen lässt die Pfetzings völlig kalt: „Friederike hat meine Weiden nicht gejuckt“, sagt Horst Pfetzing. Die Bäume sind für Sturmschäden zu kurz und zu biegsam, innerhalb eines Jahres wachsen sie dennoch bis zu zweieinhalb Meter hoch.

Ein Weidenfeld halte normalerweise zwischen zehn und 15 Jahren – der Pfetzing-Acker wird nun bereits von der dritten Generation bearbeitet: „Gute Pflege“, sagt Horst Pfetzing und grinst verschmitzt. Gepflanzt hat die Stecklinge Vater Johannes, „und wir mussten anfangs immer gut mit der Hacke durch.“ Drei Tonnen Weiden-Rohmaterial, so schätzen die Sterkelshäuser Korbmacher, holen sie jedes Jahr vom Feld.

Viel Arbeit: Bis die geernteten Weidenruten zum Flechten verwendet werden können, vergehen Monate.

Von den rund 400 botanischen Weidensorten werden nur vier angebaut. Kriterien sind die Länge, Biegsamkeit und Holsstärke der Weidenruten. „Was will ein Korbmacher mit den dicken Knollen der Kopfweiden, die am Bach wachsen?“, sagt Horst Pfetzing. „Wir brauchen viel Holz und wenig Mark“, erklärt sein älterer Bruder Kurt. 

Ist das Material einmal vom Feld geschafft, fängt für die Korbmacher die Arbeit erst an. Vier bis fünf Tage lang werden die Ruten nach Länge und Stärke in bis zu zehn verschiedene Haufen sortiert – per Hand. Anschließend wird das Rohmaterial bis in den Juni weiterverarbeitet.

Mehr als ein Job

Viel Arbeit, von der die Kunden nichts mitbekommen. „Das ist kein Job, sondern ein Beruf aus Berufung heraus“, sagt Horst Pfetzing, der mit der Korbflechterei aufgewachsen ist und nie etwas anderes machen wollte. Wer erntet das Feld, wenn er das nicht mehr kann? 

„Die Zukunft ist offen“, sagt Pfetzing. Einen Gesellen kann der Korbmacher sich nicht leisten, weil er die Kosten auf die Kunden umlegen müsste: „Wir können weitermachen, wenn die Kunden bereit sind, für Außergewöhnliches zu zahlen“, sagt er. Sein Sohn ist dem Ruf der Korbmacherrei nicht gefolgt. Aber die Enkel seien sehr gern in der Werkstatt.

Quelle: HNA

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