Ferienstätte auf Fehmarn

Vor möglichem Verkauf: Ein (letzter) Besuch in Meeschendorf

Hersfeld-Rotenburg/Fehmarn. Früher besuchte fast jedes Kind die Erholungsstätte des Kreises auf Fehmarn - doch wie sieht es dort heute aus? Wir haben uns die Anlage angeschaut.

Der letzte Kilometer führt über einen etwas besseren Feldweg. Ein gelbes Ortsschild verkündet: „Strand – 1 Kilometer“. Dann taucht das Ziel hinter der Kurve auf. 

„Erholungsstätte des Kreises Hersfeld-Rotenburg“ steht am Eingang. Aus dem Auto aussteigen, Beine ausschütteln, tief durchatmen – Meer liegt in der Luft, die Ostsee rauscht keine hundert Meter weiter an die Küste. 

Willkommen in Meeschendorf.

Ein Blick aus dem ersten Stock des Jugendhauses auf den Innenhof im Zentrum der Anlage. Rechts der Speisesaal.

Die Freizeitanlage am südöstlichen Strand von Fehmarn hat viel Zuspruch bekommen, seit klar ist, dass der Landkreis Hersfeld-Rotenburg sie gern loswerden möchte: Schmuckstück wurde sie genannt, ihre traumhafte Lage gelobt. 

Zumindest Letzteres stimmt: Fehmarns „Hauptstadt“ Burg liegt keine fünf Kilometer entfernt, und das mehr als einen Hektar große Grundstück mit Spiel- und Fußballplatz liegt eine Promenade entfernt von Sandstrand und See.

Die Ferienanlage ist seit 30 Jahren Ausflugsziel für Viertklässler

Dieter Nowak nennt Meeschendorf „eine echte Perle“. Der gebürtige Bad Hersfelder fährt seit 30 Jahren mit seinen vierten Klassen in die Erholungsstätte auf Fehmarn, der Preis zusammen mit dem Freizeit-Angebot, das die Insel bietet, seien „unschlagbar“. 

Nowak ist mit der 4b der Grundschule Nüsttal aus der Rhön angereist, mit dem Zug. Fehmarn wird zu Fuß erkundet. „Wir haben uns für nächstes Jahr schon wieder angemeldet“, sagt er. 

Vielleicht ist es für ihn nach 30 Jahren das letzte Mal.

Aufbruch zur Wanderung: Die 4b der Grundschule Nüsttal am Strand von Meeschendorf. Die Grundschüler sind mit dem Zug angereist, die Ostseeinsel wird erwandert. 

Investitionsstau, so das böse Wort, das der Erholungsstätte zum Verhängnis werden könnte. 

Für den Landkreis ist Meeschendorf ohnehin schon ein Geschäft zum Drauflegen, 650 000 Euro Miese wurden in den vergangenen zehn Jahren gemacht. Problematischer ist aber, dass mindestens drei Millionen Euro investiert werden müssten, um die Anlage zu modernisieren. 

Eine Kernsanierung für die Häuser wäre fällig, neue Möbel und Bäder ebenfalls. Erledigt sein sollte das um die Jahrtausendwende, nach drei Häusern und dem Speisesaal war allerdings Schluss. 

Stattdessen scheint die Zeit in Meeschendorf stehen geblieben zu sein. Die Anlage ist sauber und gepflegt – und hat den Charme einer Jugendherberge aus den 80ern. Vom Preis, aber eben auch vom Komfort.

Stockbetten aus hellem Holz, Schränke in tiefgrün

In den Zimmern stehen Stockbetten aus hellem Holz, das Wohnzimmer teilt man sich auch in Kategorie A mit dem Nachbarn. 

Noch größeren Nachholbedarf gibt es im Jugendbereich: Gruppenzimmer, Gruppenduschen und grüne Holzregale bestimmen das Bild. Für Schüler mag das ein vertrautes Bild sein – für All-inclusive-Urlauber ist das alles etwas zu speziell.

Holzschränke und Stockbetten: Im Jugendhaus gibt es viel Nachholbedarf.

„Wenn das Wetter passt, ist Meeschendorf ideal für Schulklassen“, sagt Christiane Sickel, die mit einigen Kollegen und 33 Sechstklässlern aus Gräfenroda in Thüringen angereist ist. Es ist ihr zweiter Besuch der Ferienstätte. Ältere Schüler abends zu beschäftigen sei schwierig, sagt sie.

Kein WLAN - kein Problem: Die Sechstklässler der Gemeinschaftsschule Gräfenroda mussten ihre Handys zum Start der Klassenfahrt sowieso abgeben. 

Zumal es in Meeschendorf kein WLAN gibt. Nicht mal einen DVD-Player. Der Fernsehraum – halb Bibliothek, halb Kinosaal, mit Sitzreihen aus Holzstühlen – liefert nur genau das, was der Name verspricht: Fernsehen. 

Die Suche nach einer Internetverbindung führt zum Campingplatz direkt nebenan. Klar wisse sie, dass die Nachbaranlage verkauft werden soll, sagt die Frau an der Rezeption. 

Die ersten Bieter seien am Morgen bereits vorbeigekommen und hätten nach dem WLAN-Zugang gefragt.

Meeschendorf: So sieht es in der kreiseigenen Ferienstätte auf Fehmarn aus

200 Betten und viele Baustellen: Die Ferienstätte des Landkreises in Zahlen

Vieles klappt, aber an einigen Stellen knirscht es: Ein Blick auf die Ferienstätte Meeschendorf in Zahlen.

3: Häuser-Kategorien gibt es in Meeschendorf, von A (eigenes Badezimmer und Gemeinschaftsraum mit einer zweiten Partei) über B (Aufenthaltsraum und stellenweise Sanitärbereiche für die gesamte Etage) bis C (Gruppenzimmer im Jugendhaus).

5: Kilometer sind es etwa zu Fuß von der Freizeitanlage bis nach Fehmarns Hauptort Burg: Eine beliebte Wanderung für Schulen.

6: Mitarbeiter haben Meeschendorf viele Jahre Tag für Tag am Laufen gehalten: Das Ehepaar Rüger und vier Mitarbeiter in der Küchen. Hinzu kommt das Reinigungspersonal.

15: Bieter haben sich bereits beim Landkreis gemeldet und ihr Interesse an der Ferienstätte bekundet. Erhalten wollen die Anlage allerdings nur die wenigsten.

38: Prozent Auslastung hatte die Freizeitanlage im vergangenen Jahr zwischen April und Oktober – aufgerundet. Die Hälfte der Gäste kamen aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg, überwiegend Familien. In der Hauptsaison wird eine Auslastung von 59 Prozent erreicht.

60: Jahre würde die Ferienstätte im Jahr 2019 werden, los ging es 1959 mit Zelten.

200: Betten stehen in Meeschendorf laut Pächter zur Verfügung.

650 000: Euro Defizit hat die Ferienstätte in den vergangenen zehn Jahren aus Sicht des Landkreises angehäuft. Der Investitionsstau: mindestens drei Millionen Euro.

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Herwig

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