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„Es gab keine andere Möglichkeit“ - DRK-Kreisverband Rotenburg ist insolvent

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Von: Christopher Ziermann

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Der Rotenburger Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes hat Insolvenz angemeldet. Landesgeschäftsführer Nils Möller äußert sich im Interview.

Kreisteil Rotenburg-Bebra – Schon seit mehreren Jahren ist auch der Landesverband in Wiesbaden in engem Austausch mit dem Kreisverband, der den Altkreis Rotenburg abdeckt – inklusive Sontra. In den sieben nördlichen Kommunen des Kreises Hersfeld-Rotenburg ist das DRK Rotenburg auch für den Rettungsdienst zuständig. Wir haben mit Landesgeschäftsführer Nils Möller über die Entwicklungen in Rotenburg gesprochen.

Der DRK-Kreisverband Rotenburg steckt seit vielen Jahren in einer schwierigen finanziellen Situation. Was ist da schiefgelaufen?

Es geht um Verbindlichkeiten des Kreisverbandes, die schon weit zurückreichen. Es wurde versucht, auch mithilfe des Landesverbandes, das in den Griff zu bekommen. Leider ist das bislang noch nicht nachhaltig gelungen. Daher war die Insolvenz nun, soweit ich es einschätzen kann, unausweichlich.

Sind vor Ort Fehler gemacht worden?

Natürlich sind Fehler passiert. Diese Situation fällt nicht vom Himmel. Es gab Fehler im Betrieb und auch Schwierigkeiten zwischen den verschiedenen Geschäftsführern der vergangenen Jahre und der Arbeitnehmervertretung. Es geht nun aber nicht um Schuldzuweisungen.

Die Probleme sind auch beim Landesverband in Wiesbaden schon lange bekannt. Hätte man auch bei Ihnen früher reagieren müssen?

Von außen betrachtet kann ich diese Frage nachvollziehen. Wir haben eine föderale Struktur. Bundesländer sind in Deutschland unterschiedlich aufgestellt, und deren Landkreise wiederum haben auch verschiedene Strukturen. Genauso ist es beim DRK auch. Die Ehrenamtlichen in den Verbänden und Ortsvereinen wissen am besten, was vor Ort gebraucht wird. Das ist das große Plus der Struktur. Wenn es aber zu Problemen kommt, wäre mein Wunsch, dass die Kreisverbände uns frühzeitig einbeziehen. Die Verbände bleiben aber eigenständige Vereine und agieren wirtschaftlich unabhängig.

Wie genau funktioniert die Zusammenarbeit von Ihnen und den Verbänden vor Ort? Müssen die Verbände Ihnen Protokolle und Jahresabschlüsse vorlegen?

Ja. Wir als Landesverband haben die Aufsicht zu führen. Wir kontrollieren also zum Beispiel, ob satzungsrechtliche Vorgaben auch umgesetzt werden. Unseren Blick auf die Jahresabschlüsse haben wir intensiviert. Gerade die Coronazeit war für viele, nicht nur für Rotenburg, finanziell herausfordernd. Die Zahl der Einsatzfahrten der Rettungsdienste ist gesunken – dadurch sind weniger Einnahmen geflossen.

Der DRK-Kreisverband Rotenburg ist insolvent. Darüber sprach unsere Zeitung mit dem Landes-Geschäftsführer Nils Möller.
Der DRK-Kreisverband Rotenburg ist insolvent. Darüber sprach unsere Zeitung mit dem Landes-Geschäftsführer Nils Möller. © Christopher Ziermann/Fotografie Inserra

DRK Rotenburg insolvent: „Wenn Verbände den Weg der Fusion gehen wollen, unterstützen wir das“

Die DRK-Kreisverbände haben zwar hauptamtliche Geschäftsführer, die Verantwortung liegt aber letztlich bei den Vorständen. Ist das nicht grundsätzlich fehleranfällig, wenn so viel auf ehrenamtlichen Schultern lastet? Auch der Kreisverband Hersfeld hatte vor einigen Jahren große finanzielle Probleme.

Auch diese Frage kann ich angesichts der in Rotenburg zweifellos entstandenen Probleme nachvollziehen. In Bad Hersfeld wurden die Probleme gelöst, und auch hier ist der Vorstand ehrenamtlich tätig. Natürlich steht und fällt das System mit dem Engagement und der Kompetenz der Zuständigen in den Kreisverbänden. Das funktioniert in der Regel sehr gut.

In Rotenburg und Hersfeld gab es vor zehn Jahren zeitgleich große finanzielle Probleme. Hängt das damit zusammen, dass eine Fusion – so wie in den meisten Landkreisen in Hessen – bislang abgelehnt worden ist?

Es ist auffällig, dass es in beiden Kreisverbänden diese Schwierigkeiten gegeben hat. Die Orientierung an den politischen Landkreisgrenzen ist aber kein absolutes Kriterium. Es gibt zum Beispiel in Waldeck-Frankenberg drei Verbände, die alle strukturell sehr stark aufgestellt sind – was ihr Personal, ihre Einkommensmöglichkeiten und ihre Einrichtung angeht. Hersfeld und Rotenburg haben beide einen relativ kleinen Bereich und weniger einkommensstarke Aufgabenfelder als viele andere Verbände in Hessen.

Würde es da Sinn ergeben, die Kräfte zu bündeln?

Ich vertrete durchaus die Position, dass es Sinn macht, sich, wenn möglich – oder auch wenn nötig, an den politischen Landkreisgrenzen zu orientieren. Jeder Kreisverband braucht eine Geschäftsführung, ein Rechnungswesen und so weiter. Je kleiner die Einheit, desto schwieriger ist es dann, bei einer Schieflage zu reagieren. Wenn Verbände den Weg der Fusion gehen wollen, unterstützen wir das. In Rotenburg hängt das von den Aktiven vor Ort ab, vom Insolvenzverwalter und vom Landkreis als Auftraggeber des Rettungsdienstes. Man sollte darüber nachdenken.

DRK Rotenburg insolvent: „Ein wirtschaftlicher Betrieb ist nicht ohne weiteres möglich“

Wie hat der Landesverband die Rotenburger bei den bisherigen Versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen, unterstützt?

Zunächst mal hat der Kreisverband Anstrengungen unternommen, die auch teilweise gefruchtet haben. Als wir 2018 explizit um finanzielle Hilfe gebeten wurden, waren die Verbindlichkeiten schon stark abgeschmolzen. Geld vom Landesverband an den Kreisverband ist 2019 geflossen. Es handelt sich um Darlehen, die auch zurückgezahlt werden müssen. Wir sind kein großer Konzern, der einzelne defizitäre Kreisverbände mitfinanzieren kann. 2018 gab es die Situation, dass drei Jahresabschlüsse fehlten. Auch das Controlling des Kreisverbandes war wenig aussagekräftig. Daher wurde schon da überlegt, ob wir finanziell unterstützen oder ob der Verband Insolvenz anmelden muss. Wir haben darauf vertraut, dass eine Sanierung möglich ist, und haben unsere Hilfe an Bedingungen geknüpft.

Wie sahen die aus?

Die Jahresabschlüsse mussten nachgeholt, ein Sanierungskonzept erstellt werden, der Landesverband hat Akteneinsicht bekommen und wurde zu den Sitzungen in Rotenburg eingeladen.

Wie hat sich die Situation dann entwickelt?

Der Kreisverband hatte das Problem, dass mit der medizinischen Betreuung der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in der Alheimer-Kaserne ein wichtiges Aufgabenfeld weggefallen ist. Dann wurde unter anderem der Menü-Service als Einnahmequelle ausgebaut. Bei der Aufarbeitung hat sich aber gezeigt, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht ohne weiteres möglich ist, wenn nicht auf die Kostenstruktur Einfluss genommen wird. Die Kosten im Rettungsdienst sind in Rotenburg überdurchschnittlich hoch. Die Personalkosten müssen dauerhaft gesenkt werden.

Das klingt so, als ob auf die Mitarbeiter schwierige Zeiten zukommen.

Niemand will, dass jemand rausgeschmissen wird. Wir brauchen unsere Mitarbeiter. Es geht darum, dass Tarifverträge eingehalten werden. Das wurde zum Beispiel bei den Arbeitszeiten nicht vollständig umgesetzt. Es ist eher so, dass zu wenig Personal da ist, was zu Überstunden führt – die sind für einen Arbeitgeber teuer.

Gibt es Ihrer Auffassung nach Probleme zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat?

Es bleibt nicht aus, dass ein Betriebsrat Dinge anders sieht als die Geschäftsführung. Klar ist, dass am Krankenstand und an der Dienstplangestaltung gearbeitet werden muss. Das kann man aber nicht dem Betriebsrat anlasten. Auch beim Management gab es Probleme.

Zur Person: Nils Möller

Nils Möller wurde 1969 in Paderborn geboren. Er war nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger an der Uniklinik Mainz tätig. Im Anschluss studierte er Pflegemanagement und erhielt seinen Abschluss 2001 als Diplom-Pflegewirt. Ab 1998 begann er im DRK-Landesverband Hessen im Bereich Wohlfahrts- und Sozialarbeit. Ab 2001 leitete er diesen Bereich, 2005 wechselte er als Bereichsleiter zu den Kernaufgaben und ab 2014 war er Stellvertreter des Landesgeschäftsführers. Seit Februar 2016 ist Nils Möller Geschäftsführer des DRK-Landesverbandes Hessen.

DRK Rotenburg insolvent: „Auch die öffentliche Wahrnehmung ist natürlich: Hier ist etwas gescheitert“

Die Geschäftsführung hat bis zum Sommer interimsweise der Hersfelder Geschäftsführer mit übernommen. Dann war mit Marcus Kinkel ein neuer Geschäftsführer da, der aber nur drei Monate geblieben ist.

Herr Kinkel ist im Juli eingesprungen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Er hat versucht, Ordnung in die Finanzen zu bringen. Er hat einen sehr guten Job gemacht. Nicht nur der Vorstand, auch die Belegschaft hat erkannt, dass Herr Kinkel positiv etwas verändern will. Nüchtern gesagt: Es war zu spät. Herr Kinkel hat um Auflösung seines Vertrages gebeten, weil nun der Insolvenzverwalter die Geschäfte führt. Der Kreisverband kann sich sein Gehalt also sparen. Das ist ehrenhaft.

Der Vorstand ist seit vergangenem Jahr neu besetzt, unter anderem mit der Vorsitzenden Katja Gliem. Geht es nun in die richtige Richtung?

Wir haben Frau Gliem angesprochen, weil sie lange stellvertretende Vorsitzende war und eine starke ehrenamtliche Person ist. Um den Vorsitz hat sich nach dem Rücktritt ihres Vorgängers vor anderthalb Jahren natürlich niemand gerissen. Die Alternative wäre gewesen, dass das Amtsgericht einen Vorstand stellt. Mit ihrem Stellvertreter Jonas Gerlach und Justiziar Paul-Franz Weil gibt es jetzt ein starkes Team. Der Vorstand hat sich sehr darum verdient gemacht, die offenen Fragen zu klären. Nun sind aber Veränderungen im Betrieb nötig. Daran ist es bislang gescheitert.

Nun also die Insolvenz. Das ist ein großes Wort. Gibt es trotzdem Anlass zum Optimismus?

Niemand wünscht sich das. Auch die öffentliche Wahrnehmung ist natürlich: Hier ist etwas gescheitert. Es gab keine andere Möglichkeit. Ich bin nun schon der Meinung, dass die Insolvenz Chancen bietet, in den bislang nicht gelösten Aufgabenfeldern einzugreifen. Man muss nach den Gläubigern schauen, aber auch nach den Arbeitsplätzen und dem ehrenamtlichen Angebot der Ortsvereine. Meine Hoffnung ist, dass langfristige Lösungen gefunden werden – bei allen Schmerzen, die das hervorruft. Ich bin überzeugt davon, dass unter anderem der Rettungsdienst und der Hausnotruf sich für alle Beteiligten, auch für die Belegschaft, verbessern können. Das gilt auch für das starke ehrenamtliche Engagement in den Ortsvereinen. Es liegt ein langer Weg vor uns, aber ich bin zuversichtlich, dass Lösungen gefunden werden, die auch im Interesse der Bevölkerung liegen.

(Christopher Ziermann)

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