Opfer von Luftschlacht des Jahres 1944 noch nicht geborgen

Angehörige von abgestürzten US-Soldaten bitten um anderen Standort für Windpark

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Das Foto zeigt eine Maschine aus der Luftschlacht. Noch lebende Veteranen haben es an den Historiker Eberhard Hälbig als Geschenk geschickt und unterschrieben – aus Dankbarkeit, weil er sich für ihre Sache einsetzt.

Diesmal geht es nicht um den Schutz von lebenden Menschen und Tieren, sondern um die Totenruhe.

Gefährdete Greifvögel und der Schutz der lebenden Menschen stehen ganz oben auf der Liste in der Diskussion um den geplanten Windpark Nentershausen-Wildeck. Aber auch die Toten spielen im Genehmigungsverfahren eine Rolle.

„Bitte finden Sie einen anderen Standort für diesen Windpark“, heißt es in einem Schreiben der Kassel Mission Historical Society (KMHS). Die Gesellschaft hat ihren Sitz in den USA. Sie hat sich die Erinnerung an die Luftschlacht vom 27. September 1944 über dem Seulingswald auf die Fahnen geschrieben. Damals stürzte eine amerikanische Bomberbesatzung im Bereich einer Anlage des geplanten Windparks ab, nachdem sie von einem deutschen Bomber gerammt worden war. Auch die deutsche Maschine stürzte ab. Die Deutschen überlebten. Fünf US-Soldaten kamen ums Leben. Bis heute sind nicht alle geborgen.

Fundstück aus dem Jahr 2006: Eberhard Hälbig hat bei Richelsdorf die Reste einer Fliegerbrille eines abgestürzten US-Soldaten entdeckt.

Aus diesem Grund wendet sich die Gesellschaft in einem Schreiben an das Regierungspräsidium in Kassel, das für das Genehmigungsverfahren zuständig ist. „Die Familien der noch vermissten US-Soldaten wären tief betroffen, wenn dieses Projekt umgesetzt würde“, heißt es in dem Schreiben. Dann wäre die Chance für immer vertan, die Toten noch zu bergen. Für die Angehörigen eine unerträgliche Vorstellung, dort nicht noch einmal nach den Überresten ihrer Lieben graben zu können.

Das US-Verteidigungsministerium hat eine Abteilung beauftragt, weltweit nach vermissten US-Soldaten zu suchen. Mitarbeiter dieser Abteilung führten 2015 umfassende Grabungen im Bereich des geplanten Windparks durch – mit Erfolg. Sie fanden Knochen und Zähne, berichtet Luftkriegsforscher Eberhard Hälbig aus Eisenach. „Vor allem die Zähne waren wie ein Lottogewinn“, erzählt er. Sie erleichtern die Identifikation sehr. Die menschlichen Überreste wurden nach Hawaii zur Untersuchung gebracht. Ein Ergebnis liegt aber bis heute nicht vor.

Zehn Jahre des Wartens waren zu Ende: Im Sommer 2015 begann ein amerikanisches Team an der Absturzstelle mit den Grabungen – und das mit Erfolg.

So ist auch noch unklar, von wie vielen der fünf abgestürzten US-Soldaten Überreste gefunden wurden. „Für mich steht fest, dass noch nicht alle gefunden wurden“, sagt Hälbig. Als deutsches Mitglied des Vorstandes vertritt er auch die Interessen der KMHS vor Ort.

Die dort ruhenden Toten stehen unter dem Schutz des Grundgesetzes. „Werden dort Windkraftanlagen gebaut, wird die gesetzlich geschützte Totenruhe gestört“, heißt es auch vonseiten der Bürgerinitiative „Rettet das Richelsdorfer Gebirge“. Der Respekt vor den gefallenen Soldaten und ihren Angehörigen müsse gewahrt werden.

Eberhard Hälbig, Luftkriegshistoriker aus Eisenach

Am 27. September 2019 steht die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Luftschlacht an. Zu diesem Anlass hat sich bereits eine große Reisegruppe aus den USA angesagt und Richelsdorf steht auch auf dem Besuchsprogramm. Mit dabei werden Angehörige der damals ums Leben gekommenen US-Soldaten sein. Und sie werden sehnlichst auf Antworten hoffen. „Wir werden so schnell wie möglich versuchen, in Erfahrung zu bringen, wen die Amerikaner 2015 geborgen haben“, betont Hälbig. Das noch kein Ergebnis vorliege habe vermutlich mit mangelnder Vergleichs-DNA zu tun. „Dann wäre aber eine weitere Grabung umso wichtiger.“

Beim Erörterungstermin zum geplanten Windpark vertrat Rechtsanwalt Christian Hagemeier auch die Interessen der Kassel Mission Historical Society. Zurzeit prüft das Regierungspräsidium alle Einwände – auch den, dass der Windpark die Totenruhe stören würde.

35 US-Bomber kamen vom Kurs ab

Die „Kassel Mission“ am 27. September 1944 wurde auch bekannt als Luftschlacht über dem Seulingswald. Sie hatte das Ziel, die Werke des Kasseler Maschinenbau-Unternehmens Henschel & Sohn mit ihrer Fertigung von Panzern und die dazugehörende Infrastruktur zu zerstören. Hierfür entsandte die 8. US-Luftflotte 283 B-24 Liberator Bomber der 2. Bomberdivision und als Begleitschutz 198 Jäger vom Typ P-51 „Mustang“. Durch einen Navigationsfehler des Führungsflugzeuges kamen 35 Bomber vom Kurs auf Kassel ab und steuerten als Ersatzziel die Bahnanlagen in Göttingen an. Den dortigen Rangierbahnhof und das Ausbesserungswerk verfehlten sie jedoch ebenfalls. Bedingt durch die Kursabweichung waren die Bomber auf dem Rückflug ohne Begleitschutz. 

In wenigen Minuten war alles vorbei: Dieses Foto zeigt den US-Bomber „Bonnie Vee“, der bei der Luftschlacht am 27. September 1944 von einer deutschen Maschine gerammt wurde. Der Bomber stürzte 200 Meter entfernt von der Stelle bei Richelsdorf ab, wo 2015 bereits Grabungen stattfanden. Ein Teil der US-Soldaten kam bei dem Absturz ums Leben. Von ihnen wird keiner mehr vermisst. Das Bild des US-Flugzeugs samt Mannschaft entstand vor der Luftschlacht – bereits mit Schäden aus einem Einsatz zwei Wochen vorher in Frankreich.

Gegen 11 Uhr trafen sie dann über dem Seulingswald zwischen Bad Hersfeld und Eisenach auf 150 Flugzeuge deutscher Jagdgeschwader. In den Luftkämpfen wurden 25 Bomber im Umkreis von 24 Kilometern abgeschossen und gingen über dem Seulingswald nieder. Durch herbeigeorderte Unterstützung wurde ein totaler Verlust verhindert. Unabhängig davon stürzten sechs weitere Bomber auf dem Rückflug zur Heimatbasis in Norfolk (England) ab; nur vier Bomber schafften es nach Hause. Getötet wurden 118 Amerikaner, elf davon wurden nach ihrer Fallschirmlandung ermordet. 121 Amerikaner gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft und überlebten. Die deutschen Verluste beliefen sich auf 29 Jagdflugzeuge. 18 Piloten starben. 

Außerdem starben sieben Unbekannte in einem deutschen Lazarett, auf das eine der deutschen Maschinen abstürzte. Diese Kampfhandlungen zählen zu den größten Konfrontationen zwischen den United States Army Air Forces (USAAF) und der zu dieser Zeit kaum noch aktiven deutschen Luftwaffe.

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