Informationsveranstaltung in Eschwege

Denkt Hessen beim Thema Wolf um? Schafhalter berichten über Erfahrungen

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Tauschten Erfahrungen aus: Annett Hertweck (von links) und Felix Wagner von der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz kamen zur Wolfs-Infoveranstaltung nach Eschwege und besuchten Schäfer Frieder Beyer auf dessen Weide bei Kathus.

In Hessen könnte es bald zu einem neuen Umgang mit der Rückkehr des Wolfes kommen.

Eschwege – Das wurde auf einer Informationsveranstaltung für Schafhalter in Eschwege deutlich, zu der der Werra-Meißner-Kreis im Namen des Regierungspräsidiums Kassel (RP) am Mittwoch eingeladen hatte.

Referenten waren zwei Nutztierhalter aus Sachsen, wohin das Raubtier schon vor 20 Jahren zurückgekehrt ist. „Es ging darum, die ersten eigenen Schritte Hessens in dieser Frage mit den Erfahrungen aus anderen Gebieten zu vergleichen – darüber zu reden, ob die Maßnahmen in Hessen etwas taugen oder nicht“, sagt RP-Pressesprecher Michael Conrad. 

Was die Gäste aus Sachsen erzählten, war bemerkenswert. Annett Hertweck und Felix Wagner von der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz halten rund 600 Schafe und Ziegen. Sie berichteten, auch in einem persönlichen Gespräch mit unserer Zeitung am Folgetag, vom bisher wohl größten Wolfsangriff Deutschlands auf ihre Herde. 

Großer Wolfsangriff in der Oberlausitz im Jahr 2018: 71 Tiere in einer Nacht gerissen

Im Herbst 2018 wurden laut Wagner in einer Nacht 71 Tiere gerissen oder starben an den Folgen. Geschützt waren die Tiere von einem Elektrozaun, der mit 110 Zentimetern deutlich höher war als die sowohl von sächsischen als auch von hessischen Behörden empfohlenen 90 Zentimeter Mindestschutz.

Die hessischen Behörden hatten, als die Zahl der Wolfsrisse in diesem Jahr immer weiter stieg, lange darauf verwiesen, dass eine solche als „Wolfsschutzzaun“ bezeichnete Barriere in Hessen von einem Wolf noch nie überwunden worden sei, was im Herbst nun aber auch hier dreimal geschehen ist*.

Forderung: Land soll nicht nur Kosten für Zäune, sondern auch den Arbeitsaufwand bezahlen

„Für die Akzeptanz des Wolfes in Hessen sollte das Land unbedingt nicht nur die Kosten für Zäune erstatten, sondern auch den zusätzlichen Arbeitsaufwand bezahlen“, sagt Wagner. Er berichtete außerdem: „In Sachsen haben die Behörden über Jahre hinweg immer wieder Hunde als Verursacher für Risse benannt, ein Ausgleich für Schäden war extrem schwierig. Teilweise wurde behauptet, dass aus der Weide ausgebrochene Tiere nichts mit einem Wolfsriss zu tun hätten, der sich in derselben Nacht auf genau dieser Weide ereignet hat.“

Schäfer aus Sachsen loben, dass Hessen das Thema angeht

Im Kontrast zum Verhalten der sächsischen Behörden lobt der hauptberufliche Schäfer, dass die hessischen Behörden das Thema nun angehen. Wagner und Hertweck machen darüber hinaus deutlich, dass das RP im Vorfeld keine Vorgaben machte, worüber die Referenten reden. „Dass wir so frei und unverfälscht sprechen können, kannten wir so bisher nicht“, sagt Wagner.

Schäfer sollten sich ungefiltert austauschen können

„Genau darum ging es: Dass die Schafhalter ungefilterte Informationen bekommen und offen und ehrlich ihre Sorgen und Ängste schildern können“, sagt Conrad. Das sei auch der Grund gewesen, warum eine Redakteurin unserer Zeitung nicht zu der Veranstaltung zugelassen wurde. Irritationen hatte es im Vorfeld gegeben, weil das RP die Referenten nicht bekannt gab.

 „Angeblich aus Datenschutzgründen“, sagt Frieder Beyer, Berufsschäfer aus dem Kreis Fulda, der Sprecher der AG Herdenschutz beim Bundesberufsschäferverband ist. Conrad sagt hingegen, der Grund dafür sei gewesen, dass ein großer Pool von möglichen Referenten angeschrieben worden sei und dann erst spät festgestanden habe, wer komme.

Lösungen wurden während der Informationsveranstaltung nicht präsentiert

Frieder Beyer zeigt sich enttäuscht darüber, dass das Regierungspräsidium bei der Veranstaltung „keine Lösungen dafür präsentiert hat, wie wir unsere Tiere denn nun wirksam schützen können“. Die Veranstaltung hatte unter der Überschrift „Wolfsmanagement“ gestanden.

Er habe allerdings die Hoffnung, dass bei den hessischen Behörden nun ein Umdenken einsetze. „Ohne den Abschuss von übergriffen Nutztier-Reißern wird es aber nicht funktionieren.“ Die breite Masse der Nutztierhalter habe keine Ausrottungsphantasien, aber eine Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht sei unabdingbar.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digtal-Redaktionsnetzwerkes.

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