Neue Corona-Regeln

Reaktionen des Einzelhandels in Rotenburg, Bebra und Bad Hersfeld: „Das ist ein Lockdown auf Raten“

Mit der 2G-Regel muss Christian Körner, Besitzer des Haushaltswarengeschäfts KöBi’s Allerlei, ungeimpfte Kunden bereits an der Tür abweisen.
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Mit der 2G-Regel muss Christian Körner, Besitzer des Haushaltswarengeschäfts KöBi’s Allerlei, ungeimpfte Kunden bereits an der Tür abweisen.

Mit Ernüchterung und Frustration haben die Einzelhändler im Kreis Hersfeld-Rotenburg auf die neuen Corona-Regeln der Landesregierung reagiert.

Hersfeld-Rotenburg – So sollen Ungeimpfte künftig nur noch Waren des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel oder Drogerieartikel einkaufen dürfen. In anderen Geschäften gilt ab 5. Dezember die 2G-Regel. Der Handel fürchtet angesichts der großen Verunsicherung um das wichtige Weihnachtsgeschäft.

Bad Hersfeld

„Das ist ein versteckter Lockdown auf Raten“, sagt Jörg Markert, Manager der City-Galerie in Bad Hersfeld. „Für die kleinen Händler sind die neuen Vorgaben kaum umzusetzen.“ Dabei wisse eigentlich jeder, dass der Einzelhandel nicht der Treiber des Pandemiegeschehens sei. „Jetzt werden wir für die Unvernunft einzelner Impfunwilliger bestraft“, meint Markert bitter. Für eine Shopping-Mall wie die City-Galerie, in der sowohl Bäcker, Fleischer, Drogerie, Apotheke und Waren des täglichen Bedarfs angeboten werden, aber eben auch Einzelhändler, die künftig nur noch 2G-Kunden bedienen dürfen, seien die Kontrollen schwer umzusetzen. Zurzeit prüfe man, ob etwa am Haupteingang der Impfstatus kontrolliert werden könnte.

Thomas Ose, der Geschäftsleiter der Sauer Modehandels GmbH in Bad Hersfeld, verbringt zurzeit viele Stunden am Telefon, um Anfragen besorgter Kunden zu beantworten. „Wir können ja noch froh sein, dass es keinen Komplett-Lockdown gibt“, sagt er tapfer. Dennoch stellten die neuen Auflagen eine „Riesenbelastung“ selbst für ein großes Haus wie Sauer dar. „Die Vorfreude auf das Weihnachtsfest wird mächtig getrübt“, sagt Ose. Trotzdem gebe es sogar auch positive Kundenrückmeldungen, die es begrüßen, dass künftig nur noch Geimpfte und Genesene einkaufen dürfen. „Wir sind froh um jeden Kunden, der kommt und nutzen alle Chancen, aber wie geht es bis Weihnachten weiter?“, fragt er sorgenvoll.

Bebra

In Bebra schwanke die Stimmung zwischen „extrem erleichtert und völlig frustriert“, sagt Stefan Pruschwitz von der Stadtentwicklung SEB, die auch Mitglied in der Bebraer Handels- und Gewerbevereinigung ist. Der Einzelhandel sei froh, dass er überhaupt weiter öffnen darf, stelle sich aber auch die Frage, wie unter 2G-Auflagen ausreichend Geld verdient werden soll. „Es ist noch kein richtiger Lockdown, aber es nähert sich dem wieder an“, sagt Pruschwitz. Der Zeitpunkt könne nicht ungünstiger sein, die Händler fürchten erneut um ihr Weihnachtsgeschäft. Jede Woche, in der Einkaufen vor Ort mit Auflagen verbunden sei, treibe mehr Kunden in die Arme des Onlinehandels. „Das ist wie Öl ins Feuer gießen“, sagt Pruschwitz.

Ein Gewerbe funktioniere dann gut, wenn es planbar ist – das sei derzeit nicht der Fall. Dass die Kontrolle des Impf- und Genesenenstatus auf die Händler abgedrückt werde, sorge darüber hinaus für „absoluten Frust“. Unverständnis äußert der SEB-Chef auch darüber, dass Impfangebote jenseits der Arztpraxen erst wieder mühsam hochgefahren werden müssen – andere Kreise hatten Angebote trotz des Aus für die Impfzentren aufrechterhalten.

Ähnliche Ansichten vertritt Claudia Dehnhardt, Filialleiterin des Modeunternehmens Passerella in Bebra. Sie berichtet, dass bei Passerella bereits jetzt weniger los sei durch die steigenden Infektionszahlen und die damit verbundene Ängstlichkeit der Menschen. „Wenn wir jetzt auch noch unsere Türen schließen und nur Geimpfte und Genesene hereinlassen, dann wird das einige Kunden abschrecken“, befürchtet Dehnhardt. Denn sie geht davon aus, dass darunter auch die Einkaufslust der Kunden leiden wird, die noch einkaufen gehen dürfen. „Hinzu kommt, dass der Online-Handel noch mehr boomen wird. Das führt in Geschäften wie Passerella natürlich auch zu Umsatzeinbußen.“

Rotenburg

Kerstin Bier, die in Rotenburg drei Bekleidungsgeschäfte betreibt und ein weiteres in Alheim, klingt ein wenig resigniert, wenn sie sagt: „Wir haben ja keine Wahl. Wir werden die 2G-Regeln umsetzen. Aber das wird uns weiter Frequenz kosten.“ Kundenfrequenz ist aber genau das, was der Einzelhandel braucht, besonders jetzt im Weihnachtsgeschäft. „Wir brauchen die Menschen“, sagt Bier. „Und wir freuen uns auf alle, die trotz der neuen Regelung kommen.“ Die Kontrolle der Kunden und der Einhaltung der Regeln liegt weiterhin bei ihren Mitarbeiterinnen. Die Rotenburger Geschäftsfrau hofft, dass die Kundinnen und Kunden verständnisvoll reagieren.

Auch Frithjof Schild, Geschäftsführer des Sportgeschäfts Intersport in Rotenburg, hält mitten im Weihnachtsgeschäft und gezeichnet von den vorherigen Wellen sehr wenig von den neuen Corona-Regeln. Er befürchtet außerdem, dass die Beschlüsse in seinem Sportgeschäft für Umsatzeinbußen führen werden. „Das ist ja logisch. Wenn eine bestimmte Prozentzahl nicht geimpft ist, dann können sie künftig auch nicht mehr bei uns einkaufen. Dieser Teil wird uns dann fehlen und sich im Umsatz widerspiegeln.“

Christian Körner, Besitzer des Haushaltswarengeschäfts KöBi’s Allerlei, stört sich bei der 2G-Regel besonders an dem Punkt, dass er künftig Menschen aus seinem Geschäft ausschließen muss. „Ich weiß von einigen meiner Kunden, dass sie nicht geimpft sind. Ich finde den Gedanken schlimm, dass ich sie dann künftig nicht mehr in den Laden lassen darf. Das ist eine Belastung oben drauf, in dieser ohnehin sehr schwierigen Zeit in der Pandemie.“ (Kai A. Struthoff, Clemens Herwig, Silke Schäfer-Marg, Carolin Eberth)

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