Corona lässt Nachfrage steigen

Haustier-Boom auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg - Tierschützer in Sorge

Das Bild zeigt Frank Krökel mit drei Malteser-Mischlingen auf dem Gelände des Tierheims.
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Drei Malteser-Mischlinge und ein Tierschützer: Frank Krökel und seine Mitstreiter betreuen derzeit illegale Welpen aus Osteuropa. Die Schmuggler hatte die Polizei geschnappt.

Eine erhöhte Nachfrage nach „kuscheligen Welpen“ verzeichnet das Bad Hersfelder Tierheim in der Corona-Pandemie. Die Tierschützer sind deshalb besorgt.

Hersfeld-Rotenburg – Viel zu Hause, viel Zeit, vielleicht auch etwas Einsamkeit in der Isolation: Die Corona-Pandemie befeuert bei den Menschen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg offenbar die Sehnsucht nach einem Haustier. Im Bad Hersfelder Tierheim etwa hat sich die Nachfrage nahezu verdreifacht. Weil vor allem „kuschelige Welpen“ gesucht werden, gehören der Verein und seine Schützlinge allerdings eher zu den Verlierern des Booms.

„Wenn Corona rum und die Zeit wieder knapper ist, wird das Tier zur Last“, befürchtet Vorstandsmitglied Frank Krökel. Der Hersfelder Tierschutzverein bereitet sich daher auf eine Rückläufer-Welle vor. Der bundesweit erwartete Trend – jedes vierte Tier wird zurückgegeben, wenn das Homeoffice weniger und die Freizeitangebote wieder mehr werden – sei auch für den Landkreis realistisch. Wenn der Hund es nicht gewohnt sei, längere Zeit allein zu bleiben, und daher die Wohnung zerlege, sei die Folge oft: „Das Tier muss weg“, so Krökel.

Auch die eher auf Katzen spezialisierte Tiernothilfe Rotenburg verzeichnet viele Anfragen: „Obwohl wir keine Hunde vermitteln, bekommen wir sechs bis acht Anrufe pro Woche“, sagt Christiane Müller. Bei Katzen komme im Frühjahr der Nachwuchs, die Nachfrage nach Babys sei in dieser Zeit ohnehin besonders hoch. Beide Vereine haben beobachtet, dass der Import von illegalen Zuchttieren zugenommen hat. Ein Schäferhund-Welpe erreiche ohne Probleme einen Wert von 2500 Euro. „Das ist schnellverdientes Geld, viele steigen daher mit ein“, sagt Tierschützer Frank Krökel.

Das bestätigt auch das Veterinäramt des Kreises: In diesem Jahr hat die Behörde bereits in drei Fällen Bußgelder für insgesamt sieben illegale Welpen verhängt – siehe Hintergrund. Zuletzt hatte das Veterinäramt derartige Verstöße 2018 geahndet (vier Fälle im gesamten Jahr).

Zu den zwei Vereinen im Kreis, die für Hunde aus dem Ausland ein neues Zuhause suchen dürfen, gehört die „Hundefairmittlung“ in Rotenburg. Derzeit sind fast 300 Tiere aus Rumänien im Angebot, die nicht nur in den Kreis, sondern nach ganz Deutschland und in die EU-Nachbarschaft vermittelt werden. Die Anfragen haben sich verdoppelt: „Wir haben wahnsinnigen Zulauf“, sagt Vorsitzende Yvonne Wiesener. Von bis zu 120 Interessenten pro Tag scheiterten aber gut 80 Prozent bereits beim Fragebogen.

Tierschützer befürchten Bumerang-Effekt

Das Bad Hersfelder Tierheim muss bei den heiß begehrten Hundewelpen oft passen. Stattdessen gebe es vereinzelte Nachfragen, ob Corona-Haustiere wieder abgegeben werden können. „Viele werden noch privat vermittelt, weil man gerade Zeit hat“, sagt Frank Krökel vom Vereinsvorstand. Die große Rückläufer-Welle stehe noch aus.

„Der klassische Fall ist nach rund einem Jahr“ – wenn die Welpen nicht mehr ganz so klein, süß und kuschelig sind. „Wir sind vorsichtig geworden“, sagt Tierpfleger Toni Zabel mit Blick auf den erwarteten Bumerang-Effekt. „Viele verschätzen sich, weil gerade mehr Zeit da ist.“

Dass für einige Haustierbesitzer die Corona-Begleiterscheinungen den Ausschlag gegeben haben, sei grundsätzlich nichts Schlechtes, sagt Christiane Müller von der Tiernothilfe in Rotenburg. „Den Interessierten muss nur klar sein, wie lange das Tier lebt, wie viel es kostet und dass es ein Teil der Familie wird.“ Wenn die Vorstellungen von Tierschützern und Haustier-Suchenden kollidieren, reiche ein eindringlicher Hinweis oft aus, so die Ehrenamtlerin. Der Verein vermittelt jährlich etwa 50 Katzen und Kleintiere. Im Bad Hersfelder Tierheim werden aktuell beinahe 50 Tiere betreut. Hinzu kommen die 20 Zwergkaninchen, die Unbekannte in eine Box gestopft und nahe des Tierheims abgestellt hatten – wir berichteten. Deren Zahl ist mittlerweile auf 35 langohrige Köpfe angewachsen, weil die neun Kaninchen-Damen trächtig waren. „Wir mussten einen Hundezwinger räumen, um Platz zu schaffen“, sagt Krökel. Er zeigt aus dem Bürofenster in den Hof: Drei Malteser-Mischlinge tollen dort herum, die illegalen Welpen sind die neuesten Gäste im Tierheim. Es ist der zweite illegale Welpen-Wurf in diesem Jahr, vier Hunde konnte der Verein wieder vermittelt.

Haustiere würden auch verstärkt auf Kleinanzeigen-Plattformen angeboten, sagt Krökel – gern versehen mit Schlagworten wie Tierschutz und Tierheim, um für ein trügerisches Gefühl von Sicherheit zu sorgen. Dass der Import von illegalen Zuchten zunimmt, hat auch das Veterinäramt des Landkreises beobachtet. Der Behörde sind oft die Hände gebunden: Einschreiten kann sie erst, wenn die Tiere gemeldet werden, sagt Amtsarzt David Schliefen. Dass Impfpapiere fehlten oder unvollständig seien, falle häufig erst beim Tierarzt auf. Die Tierschützer raten unter anderem dazu, sich beim Kauf die Elterntiere präsentieren zu lassen und sich einen Eindruck vom bisherigen Zuhause zu verschaffen. „Ich bin immer froh, wenn sich die Leute vorher bei uns informieren“, sagt Anja Döring vom Veterinäramt. „Das sind aber leider die wenigsten.“

Trotzdem hat die Behörde derzeit verstärkt Kunden-Kontakt – in vielen Fällen wird sie allerdings als verlängerter Arm in Nachbarschaftsstreitigkeiten eingeschaltet. „Die Leute sitzen zu Hause und schauen sich gegenseitig mehr auf die Finger“, sagt Schiefen. Etwa dreimal pro Woche komme ein Hinweis, dass ein Haustier nicht richtig gehalten wird – nur jeder dritte Anruf sei berechtigt, schätzt der Amtsarzt. Auslöser sei häufig lautes Bellen, das schnell auf eine nicht artgerechte Haltung zurückgeführt werde.

Die Hundefairmittlung in Rotenburg hat in diesem Jahr bereits 140 Tieren aus Rumänien ein neues Zuhause vermittelt – und befindet sich damit fast am Maximum. Die Tierschützer dürfen nur eine begrenzte Anzahl an Hunden nach Deutschland holen, weil sie unter anderem Platz für Rückläufer vorhalten müssen. „In den vergangenen zwölf Monaten haben wir aber nur drei Hunde zurückgenommen“, sagt Yvonne Wiesener. Die Erste Vorsitzende hat beobachtet: „Je niedlicher die Welpen, desto blöder die Anfragen.“ Viele, die nur die Corona-Lücke mit einem Tier füllen wollten, entlarvten sich bereits bei der Anmeldung. Weil die Anrufe nicht mehr zu bewältigen sind, nutzt der Verein ein Online-Kontaktformular. „Wir schaffen es gar nicht mehr, allen abzusagen“, sagt Wiesener. Einige Interessenten hätten direkt den Kaufpreis von 385 Euro – davon allein 185 Euro Transportgebühr – überboten, um die Konkurrenz auszuschalten. Auch im Hersfelder Tierheim sind einige Anrufer erfrischend ehrlich: „Ich habe Zeit, ich bin im Homeoffice“ sei ein häufig gehörter Satz.

In den Städten des Landkreises steigen – bis auf Bebra – die Zahlen der Hundeanmeldungen stetig. Ein Boom wegen der Corona-Pandemie lasse sich aber nicht klar erkennen, so die Rotenburger Sprecherin Annika Ludwig. In der Fuldastadt wurden bis Anfang Juni 932 Hunde angemeldet. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 921 (2019: 895). In Bad Hersfeld gab es zum Jahresstart 1320 gemeldete Hunde (+22). Die Stadt Heringen verzeichnet durch die Tiere im Vergleich mit 2019 bereits jetzt erhöhte Steuereinnahmen von rund 1200 Euro – bei jährlich 40 Euro für den ersten Vierbeiner. (Clemens Herwig)

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