Ansturm hat auch die Agentur für Arbeit überrollt

Corona-Krise: Kurzarbeit hat 1000 Stellen im Kreis Hersfeld-Rotenburg gerettet

Das Bild zeigt Waldemar Dombrowski, Leiter der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, in einem Raum der Arbeitsagentur.
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Wird den 13. März 2020 nicht mehr vergessen: Waldemar Dombrowski, Leiter der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, musste wegen des Ansturms auf das Kurzarbeitergeld viel umorganisieren.

Auch dank Kurzarbeit ist der Arbeitsmarkt im Landkreis Hersfeld-Rotenburg vergleichsweise gut durch die schon jetzt historische Corona-Krise gekommen.

Hersfeld-Rotenburg - Von März 2020 bis Mai 2021 hat es im Landkreis Hersfeld-Rotenburg 1600 Betriebe gegeben, die für insgesamt 17 500 Beschäftigte in diesem Zeitraum Kurzarbeit angezeigt haben. Das berichtet Waldemar Dombrowski, Leiter der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda.

Im Juni hat die Bundesregierung nun das wichtige Hilfsinstrument in der Corona-Krise – den einfachen Zugang zum Kurzarbeitergeld (Kug) – bis Ende September verlängert. „Dank der Kurzarbeit konnten viele Menschen in unserem Landkreis in ihren Unternehmen bleiben und ihre Arbeitsplätze sind gesichert worden“, sagt Dombrowski. Seinen Berechnungen zufolge habe der Arbeitsausfall wegen der Corona-Pandemie – also die im Durchschnitt deshalb nicht von den Unternehmen benötigte Arbeitszeit – bei rund 40 Prozent gelegen. „Ohne Kurzarbeit wären rechnerisch im Landkreis hierdurch wohl knapp 1000 Menschen zusätzlich entlassen worden“, sagt der Agenturchef.

Das Ziel der Kurzarbeit sei es, Beschäftigung zu stabilisieren. „Im Grunde war jeder vierte Betrieb im Landkreis von Kurzarbeit betroffen“, sagt der Agenturchef. Insgesamt sei insbesondere der Landkreis Hersfeld-Rotenburg bislang aber ziemlich gut durch die historische Krise gekommen.

Im Dezember 2020 seien nur fünf Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit gewesen – im Landkreis Fulda sei die Quote im gleichen Monat doppelt so hoch gewesen, der Hessen-Durchschnitt lag bei neun Prozent, berichtet Dombrowski. „Da ist die Region tatsächlich wegen ihrer Ausprägung mit den vielen Handwerksbetrieben, K+S und den Logistikunternehmen von Amazon bis Hermes, die in der Corona-Krise ja sogar einen Boom erlebt haben, recht gut weggekommen“, erklärt der Agenturchef.

Erfreulich sei, dass im Landkreis alle Indikatoren und Kennwerte wie eine sinkende Arbeitslosenquote, die wieder steigende Zahl an Stellenangeboten und der Rückgang bei der Kurzarbeit dafür sprächen, „dass wir aus der Krise gut herauskommen.“ Im Jahr 2022 werde eher wieder über Fachkräftemangel gesprochen – „zu dieser Prognose stehe ich“, sagt Dombrowski.

Kurzarbeit: Agentur für Arbeit plötzlich von Anfragen überrollt

„Es war Freitag der 13. März 2020, an dem es losging – das werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen“, erinnert sich Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda. Sämtliche Telefone im Arbeitgeberservice standen nicht mehr still – und die Anrufer hätten nur noch ein Thema gehabt: Kurzarbeitergeld (Kug).

„Alle wollten Kurzarbeit anmelden oder sich zumindest darüber informieren“, berichtet der Agenturleiter. Dabei habe die Mehrzahl der anrufenden Unternehmen bis dato noch gar keine Erfahrung mit dem Thema gehabt. „Wir kamen ja aus einer Boom-Phase in die Corona-Krise – zehn Jahre lang kam Kurzarbeit zuvor so gut wie gar nicht vor“, sagt Dombrowski.

Höchstens im zweistelligen Bereich sei die Zahl der Unternehmen gewesen, die vor Corona zeitgleich Kurzarbeit angezeigt hätten – mit Beginn des ersten Lockdowns stieg sie im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sprunghaft an: „760 Unternehmen haben allein im April 2020 Kurzarbeit beantragt – das war wie ein Corona-Vulkanausbruch“, sagt Dombrowski.

Auch für die Agentur für Arbeit sei das eine riesige Herausforderung gewesen – „so etwas hatten wir ja bislang auch noch nicht, Kurzarbeit ist für uns ansonsten ein nur im Notfall genutztes Dauerinstrument“, berichtet Dombrowski. „Aber in dieser explosionsartigen Größenordnung war das für uns erschreckend und ein einschneidendes Erlebnis.“

Von März 2020 bis Mai 2021 hat es im Landkreis Hersfeld-Rotenburg 1600 Betriebe gegeben, die für insgesamt 17 500 Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt haben. „Der Ablauf ist zweistufig“, erklärt Dombrowski. Jede Anzeige müsse zunächst geprüft und genehmigt werden, um dann im Nachhinein abgerechnet werden zu können. Mindestens zehn Prozent der Arbeitskräfte eines Unternehmens müssen betroffen sein, um einen Antrag stellen zu können. Spätestens nach drei Monaten muss der Arbeitgeber im Nachgang abrechnen – und dann nur die Mitarbeiter, die tatsächlich von Kurzarbeit betroffen waren“, erklärt der Arbeitsagenturleiter.

Um das zu bewältigen habe man eiligst große Teams gebildet und eine Mannschaft von Kassel über Fulda bis nach Marburg zusammengestellt, in die jede Agentur Personal verschoben habe, um der Flut von Anträgen gerecht zu werden.“ In dieses Nord-Ost-Hessen-Team haben wir zu Spitzenzeiten bis zu 100 Kräfte unserer 250-köpfigen Mannschaft entsandt“, sagt Dombrowski. Denn wenn das nicht funktioniert hätte, dann hätten sowohl Arbeitnehmer als auch die Betriebe, die auf die Auszahlungen angewiesen sind, ein Riesenproblem. „Ich bin froh und stolz, dass wir das gut geschafft haben. Unsere Bearbeitungszeit lag bei sensationellen sechs bis neun Arbeitstagen – darauf hätte ich vorher nicht zu wetten gewagt“, sagt Dombrowski. Viele Kollegen hätten sich ins Kurzarbeitergeld erst einarbeiten müssen. „Meine Mannschaft hat da hervorragend mitgezogen“, lobt der Agenturchef.

Aktuell seien es gerade noch acht Mitarbeiter, die den Kug-Pool unterstützen. Denn die Zahl der betroffenen Beschäftigten habe sich über das Jahr 2020 im Landkreis Hersfeld-Rotenburg erfreulicherweise stark reduziert. Im November seien es 2437 Beschäftigte gewesen, für die Kurzarbeitergeld abgerechnet werden musste.

Mit dem zweiten großen Lockdown seien die Zahlen aber wieder hochgegangen. Belastbare aktuellere Werte seien allerdings zurzeit leider noch nicht bekannt.

Ersatzleistung aus der Arbeitslosenversicherung

Betriebe, in denen es zu einem erheblichen Arbeitsausfall kommt, können bei der Agentur für Arbeit Kurzarbeit anzeigen. Ihre Arbeitnehmer arbeiten dann weniger oder überhaupt nicht. Sie haben statt Lohn Anspruch auf Kurzarbeitergeld – dabei handelt es sich um eine Entgeltersatzleistung aus der Arbeitslosenversicherung. Kurzarbeit soll bei zeitweisem Arbeitsausfall Kündigungen vermeiden. Sonst eher selten genutzt, sorgte die Corona-Krise für eine Flut von Anzeigen.

Bei zu viel Zuschüssen drohen Steuernachzahlungen

Neben den positiven Seiten der Kurzarbeit, wie dem Erhalt des Arbeitsplatzes, haben betroffene Arbeitnehmer allerdings finanzielle Einbußen. Denn die Beschäftigten erhalten zunächst nur 60 Prozent des Netto-Entgelts als Kurzarbeitergeld – Beschäftigte mit mindestens einem Kind 67 Prozent. Um diese Lohneinbußen zu kompensieren, hatten viele Arbeitgeber während der ersten intensiven Kurzarbeitsphase damit begonnen, ihren Beschäftigten in Kurzarbeit Zuschüsse zum Kurzarbeitergeld von bis zu 30 Prozent zu zahlen.

Zudem haben Bundestag und Bundesrat im sogenannten Beschäftigungssicherungsgesetz unter anderem die weitere gesetzliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes bei längerem Bezug beschlossen. Diese Regelung gilt bis Ende 2021. Sie wurde im Mai 2020 im Rahmen des „Sozialschutzpakets II“ eingeführt.

Demnach wird ab dem vierten Bezugsmonat das Kurzarbeitergeld um zehn Prozent und ab dem siebten um 20 Prozent erhöht – vorausgesetzt, der Entgeltausfall beträgt im jeweiligen Monat mindestens 50 Prozent.

Doch was bedeutet der Bezug von Kurzarbeitergeld steuerlich für die davon betroffenen Arbeitnehmer? Erwartet die Menschen in Kurzarbeit mit der nächsten Steuererklärung möglicherweise ein böses Erwachen, weil auf sie höhere Steuernachzahlungen zukommen? Dazu sagt die Persönliche Referentin des Oberfinanzpräsidenten und Sprecherin der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main, Catiana Monteiro Lanca: „Das Kurzarbeitergeld ist gemäß Einkommensteuergesetz ausdrücklich steuerfrei – ergänzend zum Kurzarbeitergeld hat der Gesetzgeber anlässlich der Corona-Pandemie die Steuerfreiheit auch auf Zuschüsse des Arbeitgebers zum Kurzarbeitergeld für die Zeit vom 1. März 2020 bis 31. Dezember 2021 ausgeweitet.“ Voraussetzung hierfür sei allerdings, dass der Arbeitgeberzuschuss zusammen mit dem Kurzarbeitergeld nicht zu hoch ausfalle.

„Das heißt, dass zwar keine unmittelbare Besteuerung dieser Einnahmen im Rahmen der Veranlagung zur Einkommensteuer stattfindet – jedoch unterliegen sowohl das Kurzarbeitergeld als auch die Zuschüsse des Arbeitgebers dem sogenannten Progressionsvorbehalt“, erklärt Monteiro Lanca. Dies bedeute, dass die steuerfreien Einnahmen (Kurzarbeitergeld und Zuschüsse) zwar nicht unmittelbar mit Einkommensteuer belegt, aber bei der Ermittlung des Steuersatzes berücksichtigt würden, sodass sich dieser durch die steuerfreien Einnahmen erhöhe.

„Die Besteuerung der nicht steuerfreien Einkünfte – zum Beispiel Lohneinkünfte – wird dann mit dem erhöhten Steuersatz vorgenommen“, sagt die Steuerexpertin. Wer also durch Arbeitgeberzuschüsse oder sonstige steuerfreie Einkünfte unter den Progressionsvorbehalt falle, den erwarte eine höhere Einkommenssteuer. (Peter Gottbehüt)

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